Dienstag, November 29, 2022

StadtMensch

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Über den Neid

Dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Neid zerfressen ist, stellt keine neue Nachricht dar, die alle überrascht. Neid ist ja auch normal, nichts was uns fremd wäre. Und trotzdem nehme ich gerade wieder eine Neiddiskussion wahr, die mich ein wenig verstört. Es geht dabei beispielsweise um das neue Bürgergeld, das nichts anderes als eine modifizierte Form von Hartz IV oder Sozialhilfe darstellt. Das Wort ist neu, das System so ziemlich das gleiche und das bisschen mehr Geld, was es gibt, sollte eigentlich niemanden verstören. Aber wenn sich Prüfer vom Bundesrechnungshof dahingehend öffentlich äußern, dass der Bundeshalt damit übermäßig belastet würde, weil ja auch Menschen, die ein Sparvermögen von 150.000 Euro besitzen, diese Leistungen erhalten können, dann wird es schwierig. Denn zum einen gibt es dieses Bürgergeld erst im kommenden Jahr und zum anderen möge man mir die vielen Menschen mit großem Sparvermögen zeigen, welche trotzdem dieses Bürgergeld beantragen. Sicherlich mag es da irgendwo so einen Ausnahmefall geben, aber es wird sehr schwer werden, jemanden zu finden, bei dem diese Gemengelage vorliegt. Ihn trotzdem als Fall zu konstruieren, will nur den latenten Neid in der Gesellschaft schüren. Denn diese Prüfer vermissen auch einen Grund, noch arbeiten zu gehen, wenn man so „üppig“ versorgt wäre. Sie jedenfalls scheinen trotzdem noch weiter arbeiten zu wollen. Das könnte auch daran liegen, dass sie für ihre Arbeit sehr gut entlohnt werden, obwohl sich ihr wirklicher Nutzen nicht so recht zu erschließen mag. Überhaupt kommen Beschwerden eigentlich nie von denjenigen, welche sich einigermaßen anständig entlohnt fühlen. Nur die noch weniger haben, empfinden das als Unrecht. Denn wenn auch der Mindestlohn angehoben wurde, so reicht er doch nur knapp zum Leben. Und die momentanen Preissteigerungen machen es nicht einfacher. Klar, dass die Empfänger solcher Löhne unzufrieden sind. Dass bei ihnen der Neid geschürt wird, ist unverantwortlich. Hier werden Arme auf noch Ärmere gehetzt, um über die strukturellen Grundprobleme hinwegzutäuschen. Vielleicht mag man sich erhoffen, dass dieser Ersatzkampfplatz die Kraft und vor allem die Aufmerksamkeit raubt, um diese wirksam anzugehen.

Aber wer ist „man“? Dieses Konstrukt wohnt allen Verschwörungstheorien inne und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Die einzigen, welche von so einer Haltung wirklich profitieren, sind die rechten Parteien. Denn das diffuse Dagegensein, ohne den Adressaten für diese Unzufriedenheit wirklich zu kennen, mündet in hilflose Aktionen wie Pegida und Montagsdemonstrationen. Nun mag ich den Mitarbeitern des Bundesrechnungshofes nicht vorwerfen, rechte Narrative zu bedienen, aber ein paar Fragen bleiben naturgemäß offen. Und spätestens, wenn eine große deutsche Boulevardzeitung auf den Zug aufspringt, dann werden die Fragezeichen größer. Ein anderes Beispiel ist die nicht erfolgte Angleichung der Gehälter vom Personal der Grundschulen mit dem des Lehrpersonals an den weiterführenden Schulen. Natürlich belastet das den Landeshaushalt zusätzlich, aber es stellt ein Gebot der Fairness dar. In den meisten der umliegenden Bundesländer wird dieser erhöhte Tarif gezahlt. Ihn zu verweigern, in Zeiten des Lehrermangels, ist fatal. Denn so manche Lehrkraft wird sich jetzt gegen Sachsen-Anhalt entscheiden. Und ob die Kollegen an den Gymnasien so viel qualifizierter sind, darf zu Recht bezweifelt werden. Warum also wird denn nun tatsächlich abgelehnt? Wenn ich so manche Bemerkung dazu höre oder in den sozialen Medien lese, dann steht ziemlich schnell letztendlich wieder reiner Neid im Raum. Schließlich werden doch Beamte schon üppig besoldet, warum sollen die jetzt noch mehr bekommen? Da tobt so mancher mit Schaum vor dem Mund herum und vergisst, dass eine qualifizierte Arbeit auch einen adäquaten Lohn wert ist.

Schlimmer wurde die Diskussion nur noch im Fall eines schwer erziehbaren Heranwachsenden, eines so genannten „Systemsprengers“, für dessen Unterbringung und Betreuung ein Haus, eine ehemalige Kita in Magdeburg, hergerichtet werden sollte. Zum einen gingen die Anwohner von einer unmittelbaren Gefahr für ihr Leben und ihr Eigentum aus. Zum anderen bemängelten sehr viele Menschen die Kosten für die Intensivbetreuung, denn hier müssen mehrere Menschen, pädagogisches Fachpersonal zudem, rund um die Uhr im Einsatz sein. Dazu kommen nicht ganz billige Umbauten, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten. Es lief darauf hinaus, dass der junge Mann diese ganzen Kosten gar nicht wert sei. Denn wenn man das bei jedem machen würde, dann könne die Allgemeinheit diese Kosten gar nicht tragen. Ein ungeheurer Mangel an Empathie gepaart mit allgemeiner Misanthropie offenbarte sich da zwischen den Zeilen. Nur wenig andere Stimmen waren in diesem Zusammenhang zu hören. Ich weiß, die meisten Menschen schweigen eher und die, welche sich äußern, mögen eigentlich in der Minderheit sein. Aber das sieht man letztendlich nicht.

Und das besorgt mich. Denn der laut geäußerte Tenor wird zu oft unwidersprochen hingenommen. Ich nehme mich da nicht aus. Allgemeine und öffentlich zur Schau getragene Menschenverachtung ist kein guter Ratgeber und Neid hat nur in den seltensten Fällen dazu geführt, dass es für alle besser wurde. Wenn es aber Menschen schon einigermaßen glücklich oder besser gesagt, weniger unglücklich macht, dass es allen gleich schlecht geht, dann stimmt grundlegend etwas nicht mit dieser Gesellschaft. Wer Neid für sein eigenes Selbstwertgefühl braucht, der hat ein wirkliches Problem. Und schließlich sollten wir nicht vergessen, dass Neid zu den Todsünden gehört.

Text: Lars Johansen, Seite 6, Kompakt Zeitung Nr. 220

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