Mittwoch, Juli 6, 2022
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StadtMensch: Bauen und Glauben

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StadtMensch: Bauen und Glauben | Lars Johansen

Ich habe das Gefühl, dass Bauen in Magdeburg immer öfter zur Glaubensfrage wird. Es gibt Bebauungen, über die man anscheinend nicht mehr rational diskutieren kann, weil die Positionen so verhärtet sind, dass es unmöglich geworden ist, zu Kompromissen zu gelangen. Ob nun am kleinen Stadtmarsch gebaut wird oder nicht, das ist mir eigentlich egal. Ich bin kein unbedingter Befürworter, aber auch kein fanatischer Gegner einer gut und ökologisch geplanten Bebauung. Sicher, es gibt anderenorts eine Menge bereits versiegelter Flächen, die sich besser dafür eignen würden. Aber diese eignen sich immer als Gegenargument, haben aber keine interessierten Bauherren und fallen damit als Wohnflächen vorläufig weg.

Wenn nun aber bei einer Gegendemonstration vor dem Rathaus sogar der ehemalige Domprediger aufgeboten wird, als wäre es Satans Werk, auf geweihtem Boden zu bauen, dann geht mir das doch ein wenig zu weit. Das ist irrationaler Mumpitz, der bei der durchaus interessanten Debatte nicht hilfreich ist. Die Fronten verlaufen nämlich sichtbar durch alle Ratsfraktionen und die Mehrheit ist keinesfalls so sicher wie es auf den ersten Blick aussieht.

Denn in unmittelbarer Nähe befindet sich der Messeplatz. Auf diesem geht es naturgemäß mehrmals im Jahr etwas lauter zu, was im Moment niemanden stört, da dort niemand wohnt. Aber wenn dort erst einmal Menschen wohnen, dann muss man sich der Gefahr bewusst sein, dass diese den Lärm früher oder später bemängeln werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Wasserturm in Salbke. Bis vor zwei Jahren gab es dort Veranstaltungen, die unbeschränkt bis in die Nacht währten und ihr Publikum in einem Stadtteil fanden, der mit Kultureinrichtungen nicht gerade reichlich gesegnet ist. Nachdem dort Wohnhäuser in Sichtnähe und elbnah gebaut und bezogen wurden, begann es im vergangenen Jahr mit den Beschwerden. Nun ist um 22 Uhr Schluss, der Geräuschpegel muss genau gemessen werden und die ersten gut etablierten Veranstaltungen weichen bereits an andere Ort aus. Die Neuanwohner (bzw. ein kleiner Teil von ihnen), die eigentlich genau wussten, auf was sie sich ein- ließen, wenn sie neben ein funktionierendes Kulturzentrum ziehen, schaffen es so, die kulturellen Aktivitäten mehr oder minder massiv einzuschränken. Das wertet den Stadtteil ab, aber die Grundstücke auf, die nun eine ruhige Elblage für bessergestellte Bürger bieten, die für Kultur gerne in die Innenstadt fahren oder vor dem hei- mischen Fernseher sitzen.

Das ist nicht magdeburgspezifisch, sondern beispielsweise auch auf dem Prenzlauer Berg in Berlin zu beobachten, wo die Neuanwohner die örtliche Club- und Kulturszene immer weiter zurückdrängen, weil sie zwar wegen dieser gekommen waren, nun aber, ein wenig älter geworden und mit Kindern unterwegs, ein familienfreundliches Ambiente bevorzugen. Dieses setzen sie durch und verändern damit organisch gewachsene Strukturen einer Subkultur so lange, bis diese ihren veränderten Lebensumständen entsprechen. Nun will niemand verlangen, dass ein bestimmter Zustand unbedingt museal erhalten werden muss, aber die Verdrängung führt immer auch zu einer Aufwertung der Stadtteile, die eigentlich zu begrüßen ist, sich aber rasch in den Lebenshaltungskosten widerspiegelt. Die Mieten steigen nicht nur für die Wohnungen, sondern auch für Geschäfte und private Kultureinrichtungen. Die erhöhten Preise werden an die Kundschaft weiter gereicht, nicht mehr jeder kann sich das leisten und die soziale Zusammensetzung verändert sich. Geringverdienende werden verdrängt, die Gentrifizierung setzt ein und es bleiben schöne Leichen zurück, die einmal pulsi rende Metropolregionen gewesen waren.

Das geschieht natürlich in Magdeburg auf niedrigerem Niveau, aber es ist gut zu beobachten, dass sich die gesamte Elbbebauung ausschließlich an Besserverdienende richtet, die eine ruhige Lage teuer honorieren und dort eine Exklusivität generieren, die Menschen ausschließt. Aus Stadtteilen, die im Idealfall einem bunten Mix an Bewohnern Heimat bieten, werden so homogene Zonen für eine Schicht.

Und da die anderen Menschen nicht einfach verschwinden, werden sie in bezahlbare Wohnsituationen gedrängt, was zu einer Ghettoisierung ganzer Stadtteile führt und soziale Brennpunkte erzeugt, die in gemischten Wohngebieten so nie entstanden wären.

In Berlin ist es mittlerweile so weit, dass bei Neubauten, die in der Nähe von Lärmquellen wie Stadtautobahnen gebaut werden, die äußeren Wohnringe mit preiswerterem Wohnraum ausgestattet werden, sodass die Armen den Reichen quasi als Lärmschutzwand dienen. Im aus-ehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert durften die weniger gut gestellten Bürger den privilegierten Bürgern den neu errichteten und noch feuchten Wohnraum „trockenwohnen“, was zu Infektionen der Atemwege und hohen Sterberaten führte.

Durch die Immobilienspekulationen der vergangenen Jahre, die allmählich auch in Magdeburg angekommen sind, beginnt etwas zu geschehen, was das Gesicht der Stadt auf lange Sicht verändern wird. Auch das neue Domviertel sieht eher wie eine Trutzburg für Gutverdiener aus als ein lebendiges Viertel für jedermann. Der soziale Wohnungsbau hängt nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland hinterher.

Bleibt die Bebauung auf dem Stadtmarsch, die tatsächlich nicht im Rotehornpark stattfindet, wie einige gerne behaupten. Aber wird sie sich nur an eine homogene Schicht wenden oder an alle? Und werden die billigeren Wohnräume nicht nur als Schutzwall für den Lärm von der Messe gebaut? Das sind die Fragen, auf die wir Antworten brauchen. Es geht nicht darum, ob gebaut wird, sondern wie und für wen. Und wenn sich da nicht entscheidend etwas verändert, dann setzen wir die Zukunft der Stadt aufs Spiel. Die Zukunft beginnt jetzt. Und das ist ganz sicher keine Glaubensfrage.

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