StadtMensch: Berufsromantik

Von manchen Berufen haben wir romantische Vorstellungen. Kinder wollen ja immer gerne Lokführer werden, jedenfalls wollten sie das, als ich noch Kind war. Das hatte etwas mit Lummerland, Dampfloks und Lukas, dem Lokomotivführer zu tun. Es versprach Abenteuer und Aufregung, niemand hatte verspätete Regionalzüge oder ausgefallene ICEs vor dem inneren Auge. Und so wurden die Erwachsenen dann doch zum großen Teil nicht Eisenbahner, sondern zogen die gehobene Beamtenlaufbahn dem einfachen Fahrdienst vor.

Heute werden Lokführer gesucht, aber man findet sie genauso wenig wie Lehrer. Auch das wollten wir als Kinder werden, teils aus Rache für die Schulzeit, teils aus echtem Interesse, aber, wie es aussieht, wollten es einfach nicht genug. Schließlich hatten wir auch Kaufmannsladen, noch ohne Selbstbedienung und Scannerkassen, gespielt, um dann doch nicht Einzelhandelskaufleute zu werden. Auch Bergmann klang toll, man würde den ganzen Tag im Sandkasten Höhlen bauen und Sand und Kies schippen, vielleicht auch Baggerfahrer oder Kohlekumpel werden und sich mit den anderen sechs Zwergen Schneewittchen teilen. Aber, erwachsen geworden, interessierte es uns nicht mehr.

Trotzdem blieb die romantische Erinnerung und manchmal schauen wir sehnsüchtig denen bei der Arbeit zu, die unsere Kinderträume leben. Damit sind wir nicht alleine, Politikern scheint es nicht anders zu gehen, und aus Gründen dieser irrationalen Romantik gibt es Förderprogramme für Berufsgruppen, die sich eigentlich den veränderten Verhältnissen anpassen müssten.

Nehmen wir zum Beispiel die Lehrer: Sie fehlen. Natürlich ist es großartig, jetzt zu fordern, dass sie nicht mehr fehlen. Aber das ist genau so sinnvoll, wie an der Rufbushaltestelle „Bus“ zu rufen. So funktioniert es einfach nicht. Die Studienplätze im Land reichen nicht aus, um eine flächendeckende Versorgung mit Lehrern sicherzustellen. Und aus anderen Bundesländern werden wir wohl keine Lehrkräfte gewinnen, die freiwillig in kleinen Landschulen in Gebieten wie Mansfeld-Südharz oder der Altmark unterrichten wollen. Das liegt nicht an der gewiss vorhandenen schönen Landschaft, aber die Bezahlung ist schlechter als anderswo, die Aufstiegschancen gering und bei weiter zurückgehender Bevölkerung sind auch die Zukunftsaussichten nicht gerade rosig. Musiklehrer bilden wir hierzulande schon seit Jahren nicht aus und auch ansonsten verteilen sich die Studierenden nicht auf die Fächerkombinationen, die benötigt werden. Abgesehen davon will der Wirtschaftsminister, der für die Universitäten zuständig ist, die Kapazitäten nicht erhöhen. Der Mangel wird also bleiben und die Forderungen des Volksbegehrens laufen ins Leere, weil sie faktisch einfach nicht zu erfüllen sind. Das ist also, sicherlich gut gemeinter, aber völlig sinnfreier Aktionismus.

Nun gäbe es Alternativen. Dazu müsste man aber Unterricht neu denken. Schulgebäude mit Klassenräumen für Frontalunterricht könnten im ländlichen Raum (und vielleicht nicht nur da) umgebaut werden, um auf beides, weniger Schüler und weniger Lehrer gleichermaßen, zu reagieren. Digitalisierung wäre eine Möglichkeit. Das aber würde wirklich endlich den oft versprochenen flächendeckenden Ausbau von schnellem Internet bedeuten, Laptops und Tablets für Schüler und Lehrer, statt Tafeln und Klassenzimmer. Der Unterricht fände praxisorientiert und auf Augenhöhe statt, die Räume wären überall auch außerhalb starrer Klassenzimmer denkbar, so lange es ein Netz für den Datenaustausch gäbe. Dafür gibt es gut funktionierende Beispiele. Aber es geschieht nicht. Jedenfalls nicht hier und erst recht nicht in der Fläche. Denn in den Köpfen der Verantwortlichen schwirren vermutlich immer noch die Lümmelfilme aus den 60ern, „Unser Lehrer Doktor Specht“ und die ganzen Internatsfilme der unmittelbaren Gegenwart im Kopf herum. Doch dafür fehlt es, ich betone es gerne noch einmal, schlicht an Personal.

Ein anderes gutes Beispiel für die fehlgeleitete Romantisierung von Berufen durch die Politik ist der Tage-, aber auch der Untertagebau. Der Betrieb von Kohlekraftwerken darf jetzt noch 14 Jahre lang fortgesetzt werden. Das führt tatsächlich dazu, und selbst das ideologisch unverdächtige Manager-Magazin beklagt diesen Vorgang, dass in Nordrhein-Westfalen noch dieses Jahr ein weiteres Kohlekraftwerk ans Netz geht. Die Politik, jedenfalls CDU und SPD, feiert sich dafür, den Kumpels den Hintern gerettet zu haben. Egal, dass dafür Milliarden verpulvert werden, die den großen Konzernen zugeschoben werden, und für die man besser zukunftsfähige Technologien entwickelt hätte, die uns von den fossilen Brennstoffen wegbringen könnten. Denn für die Bergleute bringt das nichts. Sie gehen noch vierzehn Jahre einer überflüssigen Tätigkeit nach, die wirtschaftlich, sozial und unter Nachhaltigkeitsaspekten so sinnvoll ist wie Würstchengrillen bei einem Veganertreffen.

Was gebraucht wird, sind zum Beispiel Handwerker. Oder haben Sie mal versucht, in letzter Zeit einen Klempner zu bekommen? Dagegen ist ein Termin beim Augenarzt geradezu ein Kinderspiel. Aber das wird mindestens in den nächsten vierzehn Jahren auch so bleiben, weil die möglichen Arbeitskräfte weiter Kohle abbauen und verfeuern.

Und wenn wir schon von Arztbesuchen reden, müssen wir feststellen, dass die Privatisierung von Kliniken sichtbar keine gute Lösung darstellt. Eine Gewinn-Erwartung für Krankenhäuser kann nur erfüllt werden, wenn es Dumpinglöhne gibt. Also werden die guten Arbeitskräfte dahin gehen, wo sie anständig bezahlt werden. Das bedeutet, dass sie unser Land und vor allem den ländlichen Raum verlassen werden. Und wir träumen derweil von Lehrern, Bergleuten und Pflegekräften und werden wieder zu spielenden Kindern, die weltvergessen die Wirklichkeit verdrängen. Lars Johansen

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