Mittwoch, Dezember 8, 2021
Anzeige

StadtMensch: Brennendes Geheimnis

Anzeige

Folge uns

Den Jahreswechsel haben die Meisten von uns inmitten von Feuerwerk begangen. Wir werden nie gefragt, ob es uns recht ist, denn da bestimmen nun mal die, welche Knallkörper und Raketen kaufen und sie in dieser Nacht im Übermaß einsetzen, um – wie sie gerne behaupten – die bösen Geister zu vertreiben. Den Geistern ist das Feuerwerk reichlich egal, Tieren und Menschen hingegen nicht so, denn wer seine Sinne beieinander hat, der leidet darunter.

Nun will ich nicht die Spaßbremse sein, die auch noch diese kleine Möglichkeit individueller Anarchie unbedingt verbieten muss, hat sie mir doch als Heranwachsendem durchaus Freude bereitet. Aber irgendwann wächst man aus dem Alter heraus, in welchem man daran Spaß hat. Wenn man in dieser ewigen Adoleszenz verharren will, dann werden damit ganz andere Fragen aufgeworfen. Ist es vielleicht das, was uns in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr abhanden gekommen ist, nämlich die wirkliche Bedeutung davon, erwachsen und damit auch verantwortlich zu sein?

In einer Gesellschaft, die sichtbar immer mehr zu einer unangenehmen Spaß-gesellschaft mutiert ist, in der die sofortige Bedürfnisbefriedigung jeden anderen Trieb abzutöten droht, besteht die Gefahr des Verlustes von nachhaltigem Handeln. Das muss nicht die Abwesenheit von Spaß bedeuten, eine Klostergemeinschaft des rituellen Verzichtes werden, jedoch durchaus eine verstärkte Reflektion des eigenen Seins. Aber aus einer ruhigen Reflektion ist der Reflex der sofortigen Reaktion geworden.

Ein Kinderchor singt ein Lied und dessen Text, mit dem ich vielleicht nicht übereinstimme, was mir eigentlich egal sein kann und sollte, wird zu einem gesellschaftlichen Problem, das eigentlich überhaupt nicht existiert. Diese Kinder verachten ihre Großeltern nicht und wurden auch nicht indoktriniert, sondern haben einfach eine Situation leicht zugespitzt. Wer diese Kinder als instrumentalisiert ansieht, der sollte besser allen Chorkonzerten fernbleiben, denn deren Beteiligte werden immer instrumentalisiert, Lieder zu singen, welche Erwachsene für sie ausgesucht, arrangiert oder gar komponiert und getextet haben. Wenn sich dann ein Intendant von seinen Mitarbeitern distanziert, weil er den Kritikern zustimmt, dann stellt das einen ebensolchen unreflektierten Reflex dar. Denn was ist, wenn nun der Bundesverband der Mediendesigner eine sofortige Änderung der Designs aller deutschen Nachrichtensendungen einfordert? Wird dann sofort neu gestaltet, weil den Fachverbänden hier Kompetenz eingeräumt werden muss? Was geschieht, wenn die Kritiken zum Verfall des Niveaus der allermeisten Fernsehfilme mit massiven Demonstrationen vor den Sendern vorgetragen werden, weil Pilcher-Verfilmungen nachweislich die menschliche Intelligenz beleidigen und eine grundsätzliche Beleidigung von in Cornwall lebenden Menschen darstellen? Bleiben dann die Bildschirme so lange schwarz, bis genug niveauvolle Unterhaltung produziert wurde? Und wer bestimmt überhaupt, was Niveau ist und ab wann ist eine Bemerkung eine Beleidigung? Das sind die Fragen, die sich dazu im Nachhinein ergeben.

Wie kommt es, dass man mit einer möglicherweise misslungenen Pointe nicht mit der gleichen Gelassenheit umgehen kann, wie man sie von jugendlichen Demonstranten bei den „Fridays for Future“-Aktionen einfordert? Deren lautstarke Ungeduld wird gerne zurückgewiesen, weil sie nicht freundlich bescheiden vorgetragen, sondern laut eingefordert wird. Und schon sind wir wieder bei der rücksichtslosen Knallerei zum Jahresanfang. Die-se ist nachweislich völlig unsinnig, aber kaum jemand kommt mit Schaum vor dem Mund angelaufen und bedroht die Feuerwerker mit dem Tod. Dafür wird gerne von Brauchtum und Toleranz geredet, die stets dann als Phrasen herhalten müssen, wenn jede Logik aus den Argumentationen geschwunden ist.

Noch mal, ich will nicht verbieten, obwohl es mich nervt, aber vorsichtig zu bedenken geben. Und, ganz ehrlich, ich habe auch keine Lust mehr, den ewigen inbrünstig vorgetragenen Quatsch von der Klimalüge zu ertragen. Der letzte Sommer war der heißeste in Deutschland seit Beginn der Messungen. Und die beiden davor waren auch nicht viel kühler. Wenn wir unseren Blick nach Australien wenden, dann sehen wir vielleicht, was das bedeutet. Da brennt gerade ein ganzer Erdteil, manche Tierarten, mit denen wir noch groß geworden sind, gelten jetzt als so gut wie ausgestorben. Der Koala ist nur noch eine Fußnote in der Fauna. Der australische Regierungschef, der noch vor zwei Jahren fröhlich mit einem Stück Kohle im Parlament wedelte und deren Ungefährlichkeit betonte, sieht sich auf einmal mit massiven Rücktrittsforderungen konfrontiert. Die Löschmannschaften erklären bei Temperaturen um die 50 Grad, dass sie mittlerweile überzeugt davon sind, dass der Klimawandel real ist.

Und dann wird dort unten ein Dschungelcamp aufgezeichnet, für welches es Werbetreibende gibt, die Anzeigen schalten und vor allem Zuschauer, die es sehen wollen. Das ist in höchstem Maße obszön und verlangt eigentlich nach einem kollektiven Aufschrei, den wir uns aber lieber für das nächste Kinderlied oder andere Unwichtigkeiten aufsparen. Die wahren Ungeheuerlichkeiten bleiben unbeklagt. Und wer sie dann doch beklagt, der wird wie eine wahnsinnig gewordene Kassandra angestarrt, deren Worte als Witz genommen werden, weil ihr heiliger Ernst sonst die Ruhe nachhaltig stören würde. Und diese Ruhe darf nur einmal im Jahr mit großem Feuerwerk gestört werden.

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Bedeckt
1.8 ° C
3.7 °
-0.5 °
88 %
0.5kmh
100 %
Mi
3 °
Do
1 °
Fr
2 °
Sa
2 °
So
4 °

E-Paper