Mittwoch, Juli 28, 2021
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StadtMensch: Bücher schreiben

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Das Problem ist möglicherweise, dass es zu viele Bücher auf der Welt gibt. Es ist kein wirkliches Problem, sondern stellt in erster Linie eine logistische Herausforderung dar, wenigs-tens einen gewissen Teil der neu erscheinenden Literatur lesen zu können. Insgesamt hat sich der Buchmarkt in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert. Bücher stellen immer weniger ein einträgliches Geschäft dar, sowohl für die Verlage wie für die Schreibenden. Immer mehr Autoren entscheiden sich in zunehmender Weise dafür, als Selfpublisher zu arbeiten, also reguläre Verlage komplett zu umgehen und damit auch auf ein vernünftiges Lektorat zu verzichten. Wenn dann das Werk auch noch als e-book erscheint, dann gibt es nicht einmal eine Druckerei dazwischen. Kurz, es kann passieren, dass außer dem oder der, die es geschrieben haben, niemand einen Blick darauf geworfen hat, bevor es zum Leser gelangt. Das ist bei vielen Werken auch durchaus vorteilhaft, denn sie werden auch später von niemandem mit dem Vorgang des Durchgelesenwerdens belästigt werden. Irgendwann werden sie im Datennirvana landen und sich schließlich komplett auflösen, vielleicht noch auf einer sterbenden Festplatte ein paar Spuren hinterlassen und das war es mit der Karriere als Bestseller.

Vielleicht ist es schade, aber vielleicht auch ein Glück, dass der Endverbraucher davon verschont wird. Denn das eigentliche Problem ist doch, dass es zu viele schlechte Bücher auf der Welt gibt. Bücher kann man nie genug haben, wenn sie über gewisse Qualitäten verfügen. Aber immer weniger Menschen ist es klar, dass sie nicht geboren wurden, um Autoren zu werden. Es gäbe viele Dinge, die sie tun könnten, aber schreiben gehört nun mal nicht dazu. Doch als Autor genießt man ein gewisses Prestige, und man kann sich der Bewunderung einiger Menschen sicher sein, die es großartig finden, dass man überhaupt schreibt. Nun neigen Menschen, die mit völlig anderen Dingen erfolgreich sind, dazu, ihren Ruhm noch dadurch zu mehren, dass sie ihre Thesen, ihr Denken und ihre Befindlichkeiten in die Öffentlichkeit tragen. Das ist an sich nicht unvernünftig, aber dazu müssen ihre Gedanken wenigstens für ihre Zielgruppe auch wirklich interessant sein. Manche Menschen leisten sich einen Ghostwriter, der das sicherzustellen vermag, andere geben ein längeres Interview und lassen es von Journalisten in Form bringen und dann gibt es die, welche die Arbeit von anonymen Mitarbeitern, die sie angemessen entlohnen, als ihre eigene ausgeben. Auch das ist in Ordnung, wenn das Ergebnis dieser Mühen von anderen einigermaßen akzeptabel ausfällt.

Schwierig hingegen wird es immer dann, wenn dieses Ergebnis nicht zu befriedigen vermag, weil sich beispielsweise ein professioneller Plagiatsjäger ein wenig intensiver damit beschäftigt. Dieser würde vermutlich auch im Werk von beispielsweise Bertolt Brecht eine Menge Zitate finden, die nicht als solche ausgewiesen wurden. Nicht umsonst trug dieser schon zu seinen Lebzeiten den Spitznamen „Herr Lax“, weil er ebenso mit den Texten anderer Autoren umging, die er ungefragt in sein Werk integrierte. Ob es sich dabei um geis-tigen Diebstahl oder intelligenten Umgang mit der Literaturgeschichte handelt, das mögen andere entscheiden. Aber erst durch das Wirken des Autoren Brecht wurde es zu Weltliteratur, weil es eine eigene Ästhetik an den Tag legte. Doch nicht jeder klei-ne Schreiberling ist Brecht. Und nicht jedes Buch wird nach seinem Erscheinen Teil eines zukünftigen literarischen Kanons.

Werfen wir doch einen Blick auf Annalena Baerbock: Die Kampagne gegen sie ist unterirdisch und ich mag nicht in das Horn so vieler tuten, die ihr jegliche Kompetenz absprechen wollen, weil sie ihre Karriere ein wenig geschönt hat. Und, ich gestehe es freimütig, ich habe auch ihr Buch nicht gelesen. Aber ihre Reaktion auf die Kritik an diesem mag mir nicht gefallen. Die Argumentation, dass man immer zitieren würde, verfängt nicht, wenn die Zitate nicht als solche kenntlich gemacht werden. Dass es nie ein Sachbuch werden sollte, ist auch Unsinn, denn nur als solches funktioniert das Thesenkonglomerat. Und ein Roman oder ein Werk der fiktiven Literatur ist es nun mal nicht. Schuld soll jetzt der Mitarbeiter sein, der aus Interviews mit ihr das Buch zusammengestellt hat. Ihr Mitbewerber um das Amt des Kanzlerkandidaten, Michael Habeck, hat einige Sachbücher verfasst, die, glaubt man den Kritiken, durchaus Qualitäten aufzuweisen haben. Das scheint nun bei ihrem schnell dahin diktierten Text nicht so ganz der Fall zu sein. Die Schuld daran trägt natürlich nun ein anderer und die jämmerliche Kampagne gegen sie wird von ihr instrumentalisiert, um davon abzulenken, dass die Probleme in diesem Fall eher in ihrer Eitelkeit zu suchen sind, auch einmal Autorin sein zu wollen. Damit sind wir wieder bei den Selfpublishern angelangt, deren Werke gut verborgen im Netz vor sich hin faulen. Bei ihrem Grad von Prominenz dagegen war davon auszugehen, dass gerade in einem Superwahljahr jede Veröffentlichung von ihr mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt würde. Die Überraschung darüber erstaunt. Und macht mich auch ein wenig ärgerlich. Denn ohne die überflüssige Publikation von mehr oder minder unausgegorenem Gewäsch hätte der Wahlkampf vielleicht eine ganz gute Chance gehabt, so ist es ihr gelungen, grüne Politik an sich dumm aussehen zu lassen. Mit einer vernünftigen Beratung an ihrer Seite wäre nichts in dieser Richtung geschehen. Ihr Lebenslauf wäre auch ohne die Ausschmückungen ganz ordentlich gewesen und ohne das dumme Buch hätte es die restlichen Probleme nicht gegeben. Aber Eitelkeit war eben noch nie ein guter Ratgeber. Und Kafka wollte auch nie Kanzler werden. Der aber konnte wenigstens schreiben. Exzellent sogar. Lars Johansen

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