Donnerstag, Januar 20, 2022
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Der erfolgreichste Film im abgelaufenen Jahr war „The Battle of Lake Changjin“, ein Titel, den Sie vermutlich noch nicht gehört haben. Der ist ja auch in Deutschland noch gar nicht angelaufen, hat aber alleine in China 550 Millionen Dollar eingespielt und kann damit als der erfolgreichste chinesische Film überhaupt bezeichnet werden. In ganz Asien kommt er auf nahezu eine Milliarde. Das wäre ausgesprochen wunderbar, wenn es nur nicht dieser Film wäre, der mich, ohne, dass ich ihn gesehen habe, in vielerlei Hinsicht stört. Zum einen handelt es sich um einen reinen Propagandafilm, in welchem die Großartigkeit der chinesischen Armee gelobt wird, denn es geht um eine Einheit, die während des Koreakrieges in Korea der Übermacht böser amerikanischer Soldaten widersteht. Alleine 70.000 chinesische Soldaten spielen in diesem Film als Statisten mit, und die kommunistische Partei Chinas betrachtet ihn als Teil der Feierlichkeiten zu ihrem 100-jährigen Bestehen. Zum anderen scheint es nicht darum zu gehen, historisch akkurat die Geschichte abzubilden, denn in Südkorea (und auch Malaysia) startete der Film erst gar nicht, weil er dort als Mischung aus Propaganda und Lüge wahrgenommen wurde, wie die Deutsche Welle berichtet.

Eigentlich wäre es nicht wert, über so ein Machwerk zu schreiben, aber es scheint mir aus mehreren Gründen dringend geboten. Zum einen ist der große Erfolg auch ein Zeichen dafür, dass man sich in China selber mehr und mehr als militärische Großmacht wahrnimmt. Das beweisen auch Manöver vor der Küste Taiwans und die Drohungen in Richtung Japans. Litauen wird ebenfalls gerade massiv bedrängt, weil dort Taiwan ein Handelsbüro eröffnen durfte. Man müsse „die lästige Fliege zerquetschen“, schrieb die „Global Times“, eines der chinesischen Staatsmedien, in einem Leitartikel, „ohne sich dabei die Finger zu sehr schmutzig zu machen“. Das ist natürlich ein heftiger Ton gegenüber einem Mitglied der EU. Aber da-rauf wurde nicht sehr heftig reagiert. Man will es sich mit der Wirtschaftsmacht China nicht verscherzen. Und dort werden Grenzen ausgetestet. Sei es, dass die Uiguren massiv verfolgt werden oder Menschen kurzzeitig verschwinden, wenn sie, wie eine chinesische Tennisspielerin, einen Parteibonzen eines sexuellen Übergriffs beschuldigen. Eine nicht unbekannte Schauspielerin, welche vermutlich Steuern hinterzogen hatte, verschwand wochenlang in einem „Umerziehungslager“, um sich dann öffentlich zu entschuldigen. Niemand ist sicher, egal wie hoch der Bekanntheitsgrad auch sein mag. Soziale Medien werden rücksichtslos zensiert oder gleich ganz verboten. China ist ein totalitärer Staat, auch wenn er lange Zeit tolerant wirkte. Aber die wirtschaftliche Situation ist zurzeit ungemütlich und die Bevölkerung entsprechend unzufrieden. Da zeigt ein Staat schon mal sein wahres Gesicht. Nun stellt das keine wirklich neue Nachricht dar und dürfte vermutlich niemanden verwundern, der sich schon einmal mit der Geschichte und Politik des Landes, und sei es nur sehr oberflächlich, beschäftigt hat. Warum also erwähne ich es, jemand, der sich bisher nur wenig damit auseinandergesetzt hat? Und was hat das überhaupt mit meiner Kolumne zu tun?

Ich muss dazu ein wenig ausholen und sagen, dass ich ein großer Fan des Hongkong-Kinos bin. Regisseure wie Johnny To oder John Woo haben meine Filmrezeption erheblich beeinflusst. Aber auch Chen Kaige und Tsui Hark waren für mich in der Vergangenheit wichtige Filmemacher. Diese beiden sind als Regisseure an der Herstellung von „The Battle of Lake Changjin“ sehr stark involviert gewesen. Den dritten, Dante Lam, habe ich immer als eher nebensächlich wahrgenommen. Aber „Lebewohl, meine Konkubine“ von Chen Kaige ist ein Meisterwerk, welches nicht umsonst die Goldene Palme beim renommierten Filmfestival in Cannes gewinnen konnte. Er gehörte zu den wichtigen Erneuerern des chinesischen Kinos in den 80ern. Zu diesen gehörte ebenfalls der in Vietnam geborene Tsui Hark, der auch als Produzent und sogar Schauspieler tätig ist. Filmwissenschaft hat er in den USA studiert, kehrte dann nach Hongkong zurück, wo er aufgewachsen ist und revolutionierte das chinesische Kino. Sein „Peking Opera Blues“, der bei uns auch „Fünf Schwerter für die Freiheit“ hieß, gehört ebenfalls zu den Filmen, die ich schätze. Im Kern richtet er sich eben gegen ein totalitäres System, welches die Freiheit des Einzelnen unterdrückt. Bei Hark sind es Frauen, welche sich ihre Unabhängigkeit erkämpfen. So geht es nicht nur um Politik, sondern auch um die Pekingoper, in der nur Männer auftreten durften. Einer der Frauen gelingt es, dieses Tabu zu umgehen und die Bühne zu betreten. Diese Lust an der Revolte gegen überkommene Systeme macht den Film zu einer Perle des Hongkong-Kinos der 80er-Jahre. Wenn also Kaige und Hark bei so einer groß angelegten Propaganda mitmachen, dann hat das eine überragende Bedeutung für die chinesische Regierung. Es zementiert einen Status im künstlerischen Bereich und wird Konsequenzen für alle in dieser Richtung tätigen Menschen haben. Das macht mir Angst.

Und wenn ich dann Menschen sehe, welche hier mit Fackeln durch die Straßen rennen und den deutschen Staat als eine Diktatur wahrnehmen, dann bemerke ich den Realitätsverlust ebendieser Leute. Eine Diktatur sieht anders aus. An ihren Propagandafilmen sollt ihr sie erkennen, an dem Verlust von künstlerischer Vielfalt. Ich weiß, die Schreier interessieren sich nicht für Kunst und Kultur, aber es muss denn doch gesagt werden. Und allen wünsche ich vielleicht gerade deswegen eine versöhnliche Weihnachtszeit. | Lars Johansen

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