Samstag, Oktober 16, 2021
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StadtMensch: Danke, Merkel

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Wenn Sie das lesen, dann ist die Wahl gelaufen, vorbei und Geschichte. Wer immer gewonnen hat, sie ist es nicht und sie wird gehen. Sie wird weder das Wahlergebnis anzweifeln, noch eine erneute Kandidatur androhen. Sie wird einfach gehen. Und erst wenn sie weg ist, dann werden wir sie vermissen. Denn sie war sehr lange da.

Ich weiß, ich bin nicht der erste und gewiss auch nicht der beste Autor, der über den Abgang schreibt, aber ich möchte es gerne trotzdem tun, weil sie mich so viele Jahre begleitet hat. Sie war die erste Kanzlerin, die erste Frau auf diesem Pos-ten. Niemand hatte sie in den 90ern dafür auf den Notizzetteln stehen. Es gab zu viele Kronprinzen, die im Schatten von Kohl gewartet hatten, bis ihre Stunde kommen sollte. Die kam aber nie, weil sie konsequent an ihnen vorbei zugriff. Jeder, der versuchte an ihr vorbei zu kommen, verlor irgendwann. Nichts wirklich Spektakuläres passierte, das hätte auch gar nicht zu ihr gepasst, aber die Gegner stolperten scheinbar über ihre eigenen Füße. Leise und planvoll im Hintergrund hatte sie dafür gesorgt. Auch, dass es so aussah und nicht danach, dass sie darin verwickelt war. Wen sie lobte, der konnte sich sicher sein, er würde scheitern. Ihr Lob troff nur so von einem sanften Gift. Sie musste nicht als Siegerin dastehen, sie gewann einfach. Vielleicht passte die Geschichte von Hase und Igel. Die Hasen kamen an und da stand sie schon und erwartete sie. Der Unterschied aber war, dass sie tatsächlich auch lief. Man sah sie dabei nur nicht. Sie war einfach da. Vielleicht hatte die promovierte Physikerin irgendeine Maschine erfunden, die sie immer da auftauchen ließ, wo es sein musste.

Bis vor drei Jahren, als sie ankündigte, nicht mehr anzutreten, funktionierte das Gerät einwandfrei. Danach stotterte es oder sie hatte es weggeworfen, in der Annahme, es nicht mehr zu brauchen. Annegret Kramp-Karrenbauer würde ihre Nachfolgerin werden, denn darum hatte sie sich noch gekümmert, dass es eine Frau sein würde. Sie wollte es dem männlichen Establishment in ihrer Partei zeigen und beweisen, dass die Zeit der Männer vorbei war. Aber diesmal ging es schief. Vielleicht fehlte AKK, wie sie auch genannt wurde, Merkels Empathie, vielleicht auch ihr Antrieb oder vielleicht hatte die Kanzlerin da ihr eigentlich untrügliches Gespür schon verloren. Denn seitdem lief es nicht mehr rund. Es lief zwar irgendwie und Corona war eine Krise, an der Stärkere als sie verzweifelt wären, aber es fehlte das tiefüberzeugte „Wir schaffen das“, welches sie 2015 wie ein Mantra ständig wiederholt hatte, als ihr die Flüchtlingskrise zu entgleiten schien. Und genau für diesen Satz liebe ich sie ein wenig. Verschämt gewiss, aber er ist einer der stärksten politischen Sätze des 21. Jahrhunderts. Dafür ist sie gescholten worden, aber wurde eben auch wiedergewählt, zwei Jahre später. Vielleicht kommt mein Respekt aber auch davon, dass sie wie die englische Königin, der sie immer ein wenig ähnelte, mit dem ganzen staatlichen Gepränge zu fremdeln schien. Auch die Queen unterlief das Protokoll immer mit ein wenig Ironie. Das mag ein Irrtum von mir sein, aber für mich hatte es diesen Anschein von Ironie. Sehr feiner Ironie, aber eben mit dem nötigen Unernst ausgestattet, um sympathisch zu wirken. Beide nehmen sich selbst nicht zu ernst, vielleicht weil sie wissen, dass sie Macht haben und weil sie keine Männer sind, die feine Ironie mit dummem Gekicher im Hintergrund verwechseln. Das könnte in Arroganz umschlagen, wenn es nicht von einer ebenso feinen Empathie getragen würde, die das zu verhindern weiß. Vielleicht interpretiere ich das jetzt auch völlig falsch und die alten Damen lachen still vergnügt über meine Gedanken. Aber nur mit diesen Eigenschaften wirkt Macht, auch über einen längeren Zeitraum, nicht ganz so peinlich. Ein Gerhard Schröder war schon nach ganz kurzer Zeit seiner eigenen angenommenen Wichtigkeit komplett auf den Leim gegangen und auch Helmut Kohl neigte dazu, sich selber nicht abgeneigt zu sein. Beiden war ein lebensnaher Pragmatismus fremd.

Ich habe Merkel einmal leibhaftig auf dem Alten Markt in Magdeburg reden hören. Es wird so beim letzten Bundestagswahlkampf gewesen sein. Oder war es der vorletzte? Auf jeden Fall hat sie mich dabei weder mitgerissen noch begeistert. Das kann es also nicht sein. Aber ich glaube ihr das Kulturinteresse, wenigstens an der klassischen Oper. In Bayreuth verhielt sie sich wie jemand, die nicht zum Repräsentieren dahin muss, sondern dabei sein darf. Sie trat hinter das Ereignis zurück.

Noch einmal, da wiederhole ich mich gerne: Vielleicht täuschen mich all diese Eindrücke auch. Aber es bleibt das Gefühl, dass sie etwas erreicht hat. Denn nicht die Grünen hatten gleich 1998 als erstes die Atomkraftwerke abgestellt. Das machte sie, kurz nach Fukushima. Natürlich hat sie das Geschäft der Konservativen betrieben, die Reichen sind noch reicher geworden und die Armen ärmer. Sie hat, nach ein paar guten Ansätzen, auch das Klima nicht gerettet oder den Weltfrieden erreicht. Aber wenn sie neben Obama stand, welcher sie sehr schätzte (und umgekehrt), dann schien es ein kleiner Hoffnungsstreifen zu sein. Auch das mag täuschen. Und es gibt so endlos viel an ihr zu kritisieren. Ganz sicher. Aber sie hat den Job besser gemacht als ihre beiden Vorgänger. Und ich bin auch gewöhnt an sie. Sie wird mir fehlen, egal wer jetzt nachfolgen mag. Jedenfalls ein wenig. Und darum ganz unironisch und sehr leise am Ende: Danke. Merkel.

Lars Johansen

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