StadtMensch: Das alte Ehepaar

Perlenhochzeit wird der dreißigste Hochzeitstag genannt. Und es ist eigentlich egal, ob man sich noch liebt oder nur wegen der Kinder zusammengeblieben ist, ob man sich hasst oder sich aus dem Wege geht, ob man sich verachtet oder versteht. Man feiert. Die Silberhochzeit ist geschafft, da wird routiniert weiter gemacht. Vor allem aber hat man das verflixte siebente Jahr überstanden, in dem ja angeblich ganz viele Ehen scheitern, weil man sich gut genug kennt, um sich nicht mehr zu verstehen, aber nicht gut genug, um sich schon wieder zu verstehen. Es gibt den gleichnamigen Film von Billy Wilder, in dem Marilyn Monroe an einem heißen Sommertag bei ihrem Nachbarn auftaucht, dessen Gattin gerade nicht in der Stadt ist. Die Versuchung ist groß, aber er widersteht. Das tut er übrigens nur im Film, in dem gleichnamigen Theaterstück, auf dem dieser beruht, haben die beiden Sex. Das war im Hollywoodkino der prüden 50er verboten. Der Ehemann kehrt dann trotzdem zu seiner Frau zurück, doch das macht schon einen Unterschied. Aber vor 23 Jahren waren die Sommer noch nicht so heiß, wie heute und eine Monroe war auch nicht in Sicht.

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Mein Onkel hat mir einmal die Geschichte seiner Ehe erzählt. Er musste meine Tante heiraten, weil sie Zwillinge von ihm erwartete. Die Tragödie war, dass diese zu früh auf die Welt kamen und beide im Brutkasten starben. Da standen sie nun, pflichtgemäß verheiratet, doch der eigentliche Grund für die Ehe war nicht mehr vorhanden. Nur die Trauer schien die einzige Gemeinsamkeit der beiden zu sein. Doch dann, nach einiger Zeit, erzählte er, habe er sich dann doch in meine Tante verliebt. Und wie er das, nach so vielen Jahren, mit immer noch leuchtenden Augen erzählte, da spürte ich, dass er es immer noch tat. Wie die beiden sich ansahen und miteinander umgingen, das war so beneidenswert nahe, dass sein Tod vor ein paar Jahren meine Tante tatsächlich sehr unglücklich zurückließ. Aber die Zeit, die sie miteinander teilten, half, ein wenig, darüber hinweg.

Ich erinnere mich, 1990 war ich ein arroganter 27-Jähriger, der mit Freunden in seiner Gießener WG zusammensaß und mit diesen darüber spekulierte, mit wem man sich wiedervereinigen wollte. Frankreich stand ganz weit oben auf der Liste, Holland und Dänemark wären in Ordnung gewesen, die reiche Schweiz hätte man notfalls auch genommen, aber schon Belgien war umstritten und den Rest wollte keiner. Das war für uns keine „Wieder“-Vereinigung, sondern etwas Neues, Fremdes, Unbekanntes, das Teil unseres Alltags werden sollte. Es erinnerte mich an die Zeit meiner Tanzstunde, wo ich als schüchterner, schwitzender und schwer verpickelter Bewegungsidiot nicht unbedingt mit den interessanten Frauen zusammenkam. Und diese Erinnerung hatte etwas durchaus traumatisches. Ich war auf einmal wieder fünfzehn, die Brillen in den 70ern waren alles andere als elegant und der Rest auch nicht. Ich sah so aus wie ich mich fühlte und die Hormonschübe machten es nicht besser. Deshalb bekam ich auch nicht Frankreich, Holland, Dänemark oder die Schweiz. Meiner Tanzpartnerin ging es genau so. Das war irgendwie auch wieder fair, machte aber keinen der Beteiligten wirklich glücklich.

Vor allem konnte ich nicht verstehen, dass es Menschen gab, die man einigermaßen ernst nehmen sollte, obwohl sie sich nach Helmut Kohl sehnten. Der erinnerte an mein fünfzehnjähriges Ich, nur dicker, denn ich war ein Schlacks, und seine Brille sah ein wenig besser aus. Aber eigentlich hatte er abgewirtschaftet mit seiner geistig-moralischen Wende, die ihn in den frühen 80ern nach oben gespült hatte und dessen blühende Landschaften, also quasi seine Mitgift, vor allem mit Gift versehen waren. Denn erst wurde alles kahl geschlagen und nachdem es so in eine Wüstenei verwandelt worden war, wählte man ihn ab und Schröder gärtnerte dann den Rest kaputt. Da halfen auch die Grünen nicht, das Haushaltsgeld war knapp und ohne Pfandflaschensammeln und (mittlerweile offiziell für illegal erklärtes) Containern hätten die Jungvermählten die harten Zeiten nicht überstanden.

Ein paarmal sah es nach Scheidung aus, aber nach der Übersiedlung von Bonn nach Berlin, um die Beziehung zu retten, raufte man sich nochmal zusammen. Und dann gab es da ja auch noch die Kinder. Und als die dann ausgezogen waren und die Ausbildung beendet hatten, kamen die Enkelkinder. Außerdem hatte man sich schon so aneinander gewöhnt, dass sich niemand nach Frankreich, Dänemark oder Holland sehnte, außer für einen kleinen Urlaubsflirt, der keine Konsequenzen haben würde.

Vielleicht sind es diese Ehen, die am besten halten, weil niemand zu viel erwartet. Aber Liebe war eben auch nie so richtig im Spiel. Obwohl, der Osten war, zumindest am Anfang, sehr verliebt. Und er war zu Kompromissen bereit. Er lebte und lebt mit weniger Lohn und auch damit, dass er interessierter am Westen war und ist, als dies umgekehrt der Fall ist. Der Osten kennt den Westen besser, er ist ihm vertrauter und er hat die meisten seiner Angewohnheiten und Routinen übernommen. Er hat seine Identität sehr viel mehr aufgegeben als sein Gegenüber. Nur der grüne Pfeil und das Sandmännchen sind seine Mitgift, die er in die Ehe eingebracht hat. Vielleicht ist das zu wenig und vielleicht ist auch das immer noch das Problem, dass es dadurch an Respekt mangelt. Aber vielleicht ist das auch die große Leistung, die so vollbracht wurde und vielleicht konnte es nur so funktionieren: 30 Jahre, das ist keine schlechte Sache, die Kinder und Enkel sind doch ganz ordentlich geworden und spätestens für die Urenkel wird diese Ehe eine feste Konstante sein. Und in weiteren dreißig Jahren, zur diamantenen Hochzeit, wird man zurückschauen und sich nicht mehr erinnern, dass es diese Ehe einmal nicht gegeben hat. | Lars Johansen

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