Freitag, September 17, 2021
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StadtMensch: Das Tier und wir

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Ich finde, wir haben seltsame Beziehungen zu Tieren. Ich muss dazu sagen, ich mag Tiere durchaus, habe mich aber bewusst gegen ein Haustier entschieden. Denn ich würde ein Lebewesen einsperren und ihm meine Lebensgewohnheiten aufzwingen. Das kann man tun, aber dann sollte einem klar sein, dass man dem Tier nur bedingt einen Gefallen tut. Denn eigentlich hat dieses eigene Gewohnheiten. Hunde sind einigermaßen genügsam, Kat-zen eigensinnig genug, um die „Besitzer“ zu erziehen. Während des Lockdowns haben sich viele Menschen Tiere zugelegt, weil sie Gesellschaft haben wollten. Wenn die Coronanachwirkungen einigermaßen alltäglich geworden sind, werden es die Tierheime daran merken, dass sie sich zunehmend füllen. Denn, ehrlich gesagt, sind die meisten Menschen mit Tieren überfordert, jedenfalls wenn sie diese als ihren Besitz betrachten. Ich sehe es auf der Straße, wenn auch Tiere ebenso überfordert sind von Umgebung und „Besitzer“, knurren, bellen, beißen und schnappen, weil sie von den Eindrücken überwältigt werden. Eigentlich sind kleine Stadtwohnungen zur Tierhaltung ungeeignet. Und da ist es wieder, ein Wort, dass nur unzureichend das Problem zu benennen vermag: Tierhaltung. Es geht nicht darum, dass das Tier eine Haltung hat, sondern es von jemandem gehalten wird, dem oft die richtige Haltung zum Tier fehlt.

Als die Menschen vor Jahrtausenden von Nomaden zu sesshaften Wesen wurden, da begannen Tiere rasch ihre permanente Begleitung zu werden. Die einen, um bei der Jagd zu helfen, die anderen, um bei der Ernte schwere Lasten zu ziehen oder zu transportieren, Milch oder Wolle zu geben und dann gab es noch die, welche als Nahrung dienten. Und schließlich wurden sie auch noch zum Vergnügen missbraucht, indem man sie aufeinander hetzte. In den römischen Arenen kämpften nicht nur Gladiatoren gegeneinander, sondern auch gegen Tiere, welche aber auch miteinander kämpfen mussten. Je exotischer und damit wertvoller die Tiere, desto teurer das Vergnügen. Und dieses Vergnügen gab es auch bei uns bis ins 18. Jahrhundert hinein. Ich wiederhole es gerne immer wieder, aber die Tierhatz des Wiener Burgtheaters war erfolgreicher und publikumsträchtiger als das Theater selber. Beim Fuchsprellen wurden Füchse zu Tode gequält, indem man sie mittels Tüchern in die Höhe katapultierte und die heruntergefallenen zerschundenen Körper dann tötete. Das funktionierte sogar als Paarspiel, so lernten sich in den höfischen Kreisen zukünftige Ehepartner kennen. Der Umgang mit Tieren war ein eher emotionsloser, grausamer. Bis ins letzte Jahrhundert war es normal, dass Katzen in Säcken gegen Mauern geschleudert oder ersäuft wurden. Wir empfinden das heute zu Recht als grausam. Der spanische Stierkampf, den Autoren wie Hemingway durchaus als faszinierendes Männlichkeitsritual empfanden, wird heute zunehmend als befremdlich wahrgenommen. Eine jahrtausendealte Tradition, es gibt Darstellungen auf griechischen Amphoren, die junge Männer beim Springen über Stiere zeigen, geht allmählich dem Ende entgegen. Und wer sie vermisst, wird zurecht als Relikt einer dunklen Vergangenheit gesehen. Tiere zum reinen Vergnügen zu töten, scheint uns heute nicht mehr unterhaltsam zu sein. Und das ist auch gut so. Aber auch dressierte Tiere im Zirkus oder in den Delphinarien finden immer weniger Zuschauer, denn auch die-se Vorgänge erscheinen uns wie aus der Zeit gefallen. Affen in Menschenkleidung, die sogar in den Pippi-Langstrumpf-Verfilmun-gen der 60er Jahre noch auftauchten, haben ihre Faszination verloren. Es erscheint uns so unnatürlich, wie es das natürlich auch ist. Auch in den Zoos haben sich längst andere Formen der Tierhaltung durchgesetzt. Aus den en-gen Käfigen sind große Landschaften geworden, die zwar immer noch wegsperren, aber wenigstens die Illusion eines einigermaßen natürlichen Habitats aufrechterhalten.

Dass es für unsere Nahrungsgewinnung, und ich gestehe, dass auch ich gerne einmal Fleisch esse, immer noch Massentierhaltung gibt, ist ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen. Gutes, artgerechtes Fleisch ist teuer, aber das ist es auch wert. Warum ich kein Vegetarier bin? Weil ich mit dem Geschmack von Fleisch groß geworden bin. Ich weiß, dass es atavistisch klingen mag, aber ich bin mir sehr bewusst darüber, dass für mein Essen ein Lebewesen sterben muss und ich kann damit leben. Ich habe es gelernt, doch ich versuche achtsam mit diesen (unfreiwilligen) Gaben umzugehen.

Was ich nicht verstehe, ist, warum wir Tiere immer noch zum Sport benutzen. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen reiten. Die nahezu symbiotische Beziehung zu einem lebenden Wesen ist für mich durchaus nachvollziehbar. Aber warum müssen Pferde über Hindernisse springen und Wettrennen absolvieren, wenn man doch deutlich sehen kann, dass sie daran keinerlei Vergnügen empfinden. Mit Scheuklappen versehen, aufgeregt tänzelnd und sichtbar überfordert, sieht man bei den Pferderennbahnen immer wieder Tiere ihre Reiter abwerfen und fortlaufen. Und spätestens bei den olympischen Spielen in Tokio konnte man sehen, wie eine völlig überforderte Reiterin auf das ihr zugeloste Pferd einprügelte, wozu sie von ihrer Trainerin zusätzlich auch noch aufgefordert wurde. Diese Bilder zeigten, dass Reiten als Sport aus der Zeit gefallen ist wie Fuchsprellen, Stierkämpfe und auch Hunderennen. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen mit Tieren Kontakt haben wollen, weil ihnen dieser mit Menschen vielleicht auch schwerer fällt. Aber wenn die Tiere sichtbar darunter leiden, dann muss eingegriffen werden. Und Sport mit Tieren sollte schlicht verboten werden. Tiere sind Lebewesen und keine Sportgeräte.

Lars Johansen

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