Samstag, Mai 21, 2022
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StadtMensch: Die große Dämse

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Ich schätze das Wort „Dämse“, weil es so angenehm lautmalerisch daher kommt. Eigentlich beschreibt es ja eine feuchte, drückende Schwüle. Für mich aber bedeutet es auch so etwas wie lähmender Stillstand, bei dem es der Hitze nicht bedarf. Und besser kann man die momentane Situation eigentlich nicht beschreiben als mit diesem Wort.

Denn nichts scheint sich zu bewegen. Alles steht still, hält aus, erträgt und fühlt sich bei alledem extrem unwohl. Diese unangenehme Bewegungslosigkeit lähmt ein ganzes Land. Ungläubig und geduldig folgt man den Nachrichten, unfähig, sich vom Sofa zu erheben. Wozu auch? Man kann sich alles liefern lassen, streamt vor sich hin, ohne zu erkennen, was da gerade läuft, diese Netflixserien sehen irgendwie alle gleich aus und das Essen schmeckt genauso. Oder hat Corona schon die Geschmacksnerven erwischt und man ist längst krank, ohne es zu merken? Und selbst wenn man es wäre, was würde es für einen Unterschied machen? Denn wenn man geimpft ist, dann gibt es einen milden Verlauf. Vielleicht erleben wir den gerade alle. Dann geht man zum Boostern, weil man es tun sollte, aber man weiß eigentlich nicht genau, warum, denn besser scheint es nicht zu werden. Aber man vermag noch zu hoffen, jedenfalls ein wenig, obwohl am Horizont schon die vierte Impfung wartet. Ob die wirklich hilft, weiß keiner und will auch keiner mehr wissen. Wir warten ab. Jedenfalls geht es mir so, also würde ich an einer Haltestelle stehen, die Straßenbahn ist verspätet und ich überlege, ob ich weiter warte oder vielleicht doch einfach versuche, das Ziel zu Fuß zu erreichen. Aber die Beine sind bleischwer und ich habe schon zu lange gewartet, da würde es mir wie Selbstbetrug erscheinen und ich ahne, dass wenn ich jetzt losgehe, unmittelbar danach die Bahn doch noch eintrifft. Also warte ich weiter, obwohl ich weiß, dass es immer sinnvoller ist, etwas zu unternehmen, als zu warten. Doch es ist zu spät. Wir warten gerade alle auf diese Bahn, die uns in eine Normalität zurückfährt. In eine Zeit, in der man ins Kino ging oder ins Theater, ohne sich zu überlegen, welche von den G-Regeln gerade gilt. 3G, 2G, 2G+, das ändert sich von Ort zu Ort und von Tag zu Tag und man muss sicherheitshalber schauen, ob man nicht doch einen Termin im Testzentrum braucht oder sich einfach mal jeden Tag auf Vorrat testet, bis endlich mal ein positiver Test dabei ist und man dann alles hinter sich hat, weil man nun geimpft und genesen ist. Ein Wort wie Quarantäne, welches einmal eine Signalwirkung hatte, ist zur Normalität geworden. Die Ämter rufen nicht einmal mehr an, sondern appellieren an die Eigenverantwortung. Und diese Eigenverantwortlichen gehen dann am Montag spazieren. Eigenverantwortlich, unangemeldet und völlig verwirrt. Dumpf brütend starren alle vor sich hin. Mir fällt ein beinahe 80 Jahre altes Gedicht von Gottfried Benn dazu ein, welches 1943 mitten im zweiten Weltkrieg entstanden ist, während dessen er als Stabsarzt arbeitete. Dort heißt es: „Die Tage geh’n dir ohne Nacht und Morgen, / die Jahre halten ohne Schnee und Frucht / bedrohend das Unendliche verborgen – / die Welt als Flucht / (…) du möchtest dir ein Stichwort borgen –, / allein bei wem?“

„Verlorenes Ich“ trifft meine Stimmung ganz gut und mir scheinen viele Ichs so verloren zu sein. Dieses Verlorensein scheint uns zu einen, aber diese Einheit ist keine, denn jeder bleibt letztendlich für sich. Immer mehr Menschen werden mit der täglichen Isolierung nicht mehr fertig. Gerade im Kulturbereich, aber natürlich auch in der Gastronomie und vielen anderen Jobs müssen Menschen jeden Tag damit fertig werden, dass sich ihre Fähigkeiten nur noch an wenige Menschen richten. Seit zwei Jahren, mit Unterbrechungen, gewiss, aber doch schon lange, gibt es immer mal wieder ein wenig Hoffnung, aber keine grundlegend existentiell verbesserte Situation. Es existieren kaum noch andere Themen als die vermaledeite Pandemie. Dabei gäbe es viel zu besprechen. Die Reichen sind wieder einmal ein Stück reicher geworden, sie profitieren auf Kosten der Armen, die in der Zeit ein Stück ärmer geworden sind. Die Spalten verlaufen nicht zwischen Impfgegnern und dem Rest, sondern verstärkt und vertieft zwischen diesen beiden Gruppen. Und je länger dieser Zustand andauert, desto stärker manifestieren sich diese Unterschiede. Nur fallen sie den meisten nicht auf, genau so wenig wie der Konflikt an der Grenze zur Ukraine. Russland droht und Amerika droht zurück. Als wären wir mitten im kalten Krieg, laufen die Propagandamaschinen heiß und die Ukraine droht dazwischen zerquetscht zu werden. Aber auch diese gefährliche Grenzsituation regt kaum jemanden weiter auf, denn sie droht im Corona-Grundrauschen unterzugehen. Nichts zeigt besser wie zu wenig geschieht, als die deutsche Politik. Die Ampelkoalition rumpelt behäbig vor sich hin, während sich die größte Oppositionspartei mit einem alternden Auslaufmodell an der Spitze neu aufstellt. Vor zwanzig Jahren mag ein Merz eine sinnvolle Alternative gewesen sein, jetzt ist er einfach nur Dämse, mut- und kraftlos. Selbst eine Merkel mag mit ihm nicht frühstücken oder gar ein Ehrenamt in ihrer alten Partei übernehmen und damit wirkt sie jünger und schwungvoller als der Rest der Herrschaften an der Spitze dort.

Die Aufklärung um den Missbrauch in der katholischen Kirche hat mittlerweile derartige Ausmaße angenommen, wie es nicht zu erwarten war. Aber niemand scheint überrascht, denn wie es doch vor ein paar Jahren hieß: „Wir sind Papst“. Und somit tragen wir eigentlich alle Verantwortung dafür. Aber die trägt gerade niemand. Alle nicken müde vor sich hin. Und lassen sich testen, um dann doch zuhause zu bleiben. Bis das Essen kommt und eine Serie und dann dämmert man langsam weg.

Lars Johansen

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