StadtMensch: Eigentore oder Theater

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass ich von Fußball nur wenig verstehe. Aber ich mag es trotzdem, dabei zuzusehen, denn ich sehe es als dramatische Inszenierung, deren Ausgang offen ist. Der wunderbare Heinrich Pachl, ein Kabarettkollege, hat einmal den trefflichen Satz formuliert: „Theater muss wie Fußball sein.“ Was er damit meint, ist, dass auch das Theater diese Offenheit des Ergebnisses gut gebrauchen könnte. Bei guten Spielen ist die Atmosphäre so spannungsgeladen, dass diese Spannung geradezu mit den Händen zu greifen ist und sich immer wieder lautstark entleeren muss. So würde ich mir ein Theater wünschen, das sein Publikum wirklich ernst nimmt und diese ursprünglichen Emotionen freizusetzen vermag. Was ist schon eine mittelmäßige Musicalinszenierung gegen das gemeinsam gesungene „You’ll never walk alone“ an der Anfield Road in Liverpool. Nun stammt dieser Song ursprünglich tatsächlich aus einem Musical, „Carousel“, welches auf dem Theaterstück „Liliom“ vom Ungarn Ferenc Molnár beruht. Das Musical floppte, der Song ist als Fußballhymne unsterblich geworden und wer da im Stadion nicht wenigstens etwas gerührt ist, der wird sich auch sonst nicht emotional berühren lassen wollen.

Nun ist Fußball nicht nur ein schöner Sport, sondern natürlich auch, wer würde das leugnen wollen, ein großes Geschäft. Dieses funktioniert aber nur bedingt, denn nicht jede Emotion ist mit Geld zu erkaufen und Fans reagieren verschnupft, wenn der Kommerz über alles gestellt wird. Liverpool ist ein gutes Beispiel dafür, denn mit dem deutschen Trainer Jürgen Klopp gelangen in den vergangenen Jahren nicht nur große sportliche Erfolge, sondern seine sehr emotionale Art, die nicht gespielt, sondern Teil seiner Persönlichkeit ist, sorgte auch dafür, dass sich die Motivation der Spieler und gleichermaßen der Fans in ungeahnte Höhen bewegt hat. Die inszenierte Wirklichkeit führt zu einer veränderten Rezeption der eigentlich nur rein sportlichen Ereignisse. Der Sport tritt ein wenig in den Hintergrund, das emotionale Narrativ vom Underdog, der die großen teuren Mannschaften der Mitkonkurrenten besiegt, verdrängt geschickt, dass es sich auch bei Liverpool um eine sehr teuer zusammengestellte Mannschaft handelt. Denn natürlich sind die Erfolge des modernen Fußballs nahezu immer mit viel Geld erkauft. Aber der Kunde, der Fan verlangt dazu diese Emotionalität, um sich mit der Mannschaft identifizieren zu können. Eine Mannschaft wie Hoffenheim oder auch RB Leipzig tut sich damit schwer, denn ohne Tradition, aber mit viel Geld kann man nur bedingt echte Fans erreichen. Mannschaften wie „Eisern“ Union Berlin dagegen oder der FC Sankt Pauli verfügen über ein unbezahlbares Underdog-Image, welches eigentlich nur bedingt mit der Realität übereinstimmt, denn auch hier spielt Geld eine nicht unbeträchtliche Rolle. Anders gesagt, das Gleichgewicht muss stimmen. Selbst eine Mannschaft wie Bayern München, die über sehr viel Geld verfügt, besaß mit jemandem wie Uli Hoeness an der Spitze einen knallharten Geschäftsmann, der aber auch die Emotionen der Fans in Bewegung hielt, indem er sich um die „Familie“ kümmerte. Das fehlt dort im Moment, der Abgang von Trainer „Hansi“ Flick ist mehr als nur eine peinliche Petitesse, es ist ein Symbol für das, was zur Zeit im Fußball schiefläuft. Da war der Supercup, zu dem die Münchener nach Katar reisen mussten und sich über das Nachtflugverbot in Berlin erregten, als wäre gerade die Welt untergegangen. Dabei ist schon der Fußballbetrieb unter Corona-Bedingungen ein Schlag ins Gesicht aller Kulturschaffenden, die es jetzt sehr gerne sehen würden, wenn Theater wie Fußball wäre, denn dann könnte es wenigstens stattfinden. Dass überhaupt in Katar gespielt werden musste, war ein Skandal, so wie die Austragung der WM im kommenden Jahr dort einen ebensolchen darstellt. Schon immer fanden Fußball-Weltmeisterschaften durchaus in Diktaturen und Unrechtsstaaten statt, aber, dass die Auswahl ausgerechnet auf Katar gefallen ist, hat diese Problematik noch einmal auf die Spitze getrieben. Alleine beim Bau der Stadien sind Tausende von Arbeitssklaven ums Leben gekommen. Die klimatischen Bedingungen eignen sich überdies nicht für einen einigermaßen angemessenen Spielbetrieb. Der WM-Standort wurde schlicht bei bestechlichen Funktionären der FIFA gekauft. Auch das ist durchaus nicht neu, aber erreichte hier eine neue Qualität. Das ist in so vielerlei Hinsicht grundfalsch, dass man sich fragt, ob die Bestimmer komplett die Bodenhaftung verloren haben. Immerhin spielt die deutsche Mannschaft in der letzten Ägide unter Jogi Löw so, als wollten sie den ausgewählten WM-Standort boykottieren. Das gefällt mir beinahe, wenn dann im kommenden Jahr in Katar nur ein paar unterklassige Teams vor sich hin kickern, wie bei den olympischen Spielen in Moskau vor 40 Jahren, wo ganz offiziell boykottiert wurde. Diese Doppelmoral, welche Katar zu einem Rechtsstaat macht, der er nicht ist, stört ohnedies nachhaltig. Nun ist der DFB ohnehin gerade heillos zerstritten und so gestaltet sich auch der Umgang mit dem amtierenden und die Suche nach einem neuen Bundestrainer als Laientheater enthemmter Funktionäre. Als wäre das noch nicht genug, kam dann in diesen Tagen auch noch die Idee einer „Super- league“ mit 20 Mannschaften aus ein paar europäischen Ländern auf den Tisch, die nicht nur jedem Wettbewerbsgedanken Hohn sprach, sondern auch die totale und endgültige Kommerzialisierung zur Folge gehabt hätte. Der Rest Emotionalität drohte sich aufzulösen wie ein Eiswürfel in einem Stadion in Katar. Aber da erhob sich ein gewaltiger Sturm unter den Fans, welcher die Clubchefs sehr schnell zurückrudern ließ. Jedenfalls vorläufig. Die Türen aber bleiben geöffnet, wie Katar beweist, und irgendwann wird sich der Fußball nach den Theaterzeiten zurücksehnen. Denn wenn alles durchkalkuliert ist und nichts mehr dem Zufall überlassen bleibt, dann mag auch keiner mehr mitsingen. Und dann ist es auf einmal entsetzlich still. Wie im Theater zu Coronazeiten. | Lars Johansen