Sonntag, August 14, 2022
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StadtMensch: Ein Häuschen mit Garten

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Lars Johansen | Es war 1958, da sangen Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller: „Hach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten … “. So sah der Wirtschaftswundertraum der Deutschen aus, besser gesagt der Westdeutschen, der ostdeutsche Kleinbürgertraum vermutlich ähnelte eher einer Datsche. Aber Neuss und Müller waren zum einen Kabarettisten und singen dieses Lied im Film „Das Wirtshaus im Spessart“ und zum anderen spielen sie dort Räuber. Und natürlich singen sie schief. Der Spießertraum ist eben nur zum Lachen. Und wie es dann „Ton Steine Scherben“ einige Jahre später präzisierten: „Der Traum ist aus.“

Und jetzt äußert sich auch noch, nicht singend wenigstens, Anton Hofreiter, der wohl unbeliebteste Grüne im Land, schließlich hat er lange Haare, das ist doch schon lange out oder frisch wieder in, wer weiß das schon, aber das mag man nicht. Und dann hat er auch noch sein Studium abgebrochen, ein Schicksal, das er zwar mit über einem Viertel der Studenten in Deutschland teilt, aber so etwas macht man doch nicht. Da schämt man sich gefälligst still zu Hause, denn es ist ein Makel, schlimmer als mit abgeschriebenen Doktorarbeiten in der Politik tätig zu sein. Nun sollen aber Parlamente doch einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Bevölkerung abbilden. Das tun sie aber leider nicht, denn die vielen Juristen und Beamten, die sich eindeutig in der Überzahl befinden, sind alles andere als repräsentativ. So ist Hofreiter einer, über den immer wieder gerne gespottet wird. Und dann lehnt er sich auch noch in einem Superwahljahr weit aus dem Fenster und will den Traum vom Einfamilienhaus zerstören.

Der Bausparvertrag war aber doch immer einer der Kernpunkte deutscher Finanzpolitik. Alle sparten für das Häuschen und wer dann eines hatte, konnte zeigen, dass er es sich auch leisten konnte, dass er fleißig dafür gearbeitet hatte. Und in den USA, da hatte sogar fast jeder ein Eigenheim oder ein Loft in Soho oder musste eben in der Bronx vor sich hin vegetieren. Weltbilder sind oft einfach. Wenn man sich aber die Bilder aus Detroit ansieht, wo nach der großen weltweiten Börsen-, Banken- und Wirtschaftskrise riesengroße, mit Einfamilienhäusern vollgebaute Stadtviertel auf einmal nahezu komplett leer standen, weil niemand mehr die Raten bezahlen konnte, dann zeigt sich, dass der Traum eben doch nur ein Traum war und zum Trauma wurde. Lange Rede, kurzer Sinn: Ist das Einfamilienhaus eigentlich überhaupt noch zeitgemäß? Sind die Grünen nur eine doofe Verbotspartei oder sollte der Hofreiter am Ende vielleicht Recht haben? Neu gebaute Häuser versiegeln immer auch den Boden. Das ist in einer Großstadt nicht ganz so wild, denn da ist der Boden ja schon versiegelt. Aber Einfamilienhäuser haben, mit Verlaub, in einer solchen nichts zu suchen. Eine Stadt ist, wie der Name schon sagt, ein urbaner Raum. Urbane Räume sind verdichtet, man baut in die Höhe, Einfamilienhäuser sind da wirklich nur reine Platzverschwendung. Außerdem enturbanisieren sie den Raum.

Schauen Sie einmal aus dem Fenster, wenn Sie in Magdeburg durch die Lüneburger Straße fahren und dann, nach dem Durchfahren einer Eisenbahnbrücke in der Lübecker Straße und damit in der Neuen Neustadt landen. Auf einmal stehen sie da mitten in der Stadt und scheinen zu sagen: „Ab hier ist die Innenstadt vorbei, jetzt kommt die Vorstadt und dann bist du schon auf dem Land.“ Genau, es sind Einfamilienhäuser, aneinandergereiht in einem Gewerbemischgebiet, welches so auf einmal zu einem Wohngebiet geworden ist, weil es der zuständigen Verwaltung egal war. Kurz danach beginnt wieder die Stadt, Stadt zu sein. Das zersiedelt und ist meist auch einigermaßen unattraktiv, denn die Häuser entstehen immer nahezu gleichzeitig und sehen vielleicht zehn Jahre einigermaßen langweilig, aber akzeptabel aus, doch danach nur noch wie ein vergessenes Zeitdokument, Bausünden aus ferner Zeit.

So individuell wie das Tattoo mit den Kindernamen oder dem Hochzeitstag, das Arschgeweih des frühen 21. Jahrhunderts. Billig und ähnlich und ökologischer (und ökonomischer) Unfug, der einen viel größeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt als die Miet- oder Eigentumswohnung. Daneben wimmert gerne der notorische Carport vor sich hin, denn ohne Auto geht hier nichts. Öffentliche Verkehrsmittel erschließen solche Siedlungen nicht oder nur notdürftig, denn die Einwohnerzahlen machen das nicht zu einem lohnenden oder wenigstens akzeptablen Geschäft. Das gilt auch und in verstärktem Maße für die Zusammenballungen dieser Neubaugebiete am Stadtrand.
Während der ländliche Raum verödet, wird hier guter Boden nutzlos versiegelt. Wer ein Haus haben will, bitte, aber warum muss das neu gebaut werden? Die Dörfer in der Umgebung sind voller leerem Wohnraum. Der Neubau ist nur ein Prestigeobjekt. Die Nähe zu den Nachbarn ist genau so wie in einem Mehrfamilienhaus gegeben, man hockt aufeinander und wird gemeinsam alt. Die Kinder wollen das Haus später auch nicht haben, weil es nur wenig Infrastruktur in der Nähe gibt und diese künstlichen Gebilde nie zu angesagten Stadtvierteln werden. Sie sind kein Kiez, kein Kulturort, sondern das teurere Pendant zum Arbeiterschließfach. Jeder sanierte Plattenbau, aber auch Altbau oder Bauernhof ist eine sinnvollere und vor allem nachhaltigere Investition. Es könnte eben nicht schön sein und ist es auch nicht, dieses amorphe Siedlungsgebilde, dieser Traum ist eigentlich ein Alptraum.

Interessanterweise haben daher Kommunalpolitiker unterschiedlicher Parteien der Forderung Hofreiters genau so zugestimmt wie Stadtplaner, die sich mit der Materie wirklich auskennen. Aber die Reaktionen darauf waren ungleich leiser, denn sie polarisieren nicht so wie der Grüne. Laut muss es sein und gerne hässlich, eben genau so wie ein neues, preiswertes Einfamilienhaus.

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