Samstag, Mai 21, 2022
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StadtMensch: Eingebildet

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Es gibt Lehrermangel. Dieser Satz stellt für viele Menschen anscheinend immer noch eine Überraschung dar, denn sonst wäre irgendwann in den letzten dreißig Jahren doch mal etwas dagegen unternommen worden. Zu meiner Schulzeit in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war immer von einer Lehrerschwemme die Rede gewesen, welche auf uns, den Pillenknick, traf. Dabei gab es nicht genug Lehrer und immer fiel etwas aus, aber das hielt sich noch im Rahmen des Üblichen, wie auch immer dieser Rahmen ausgesehen haben mag. Jedenfalls waren die Zustände gesellschaftlich akzeptiert und man riet davon ab, auf Lehramt zu studieren, weil man wegen besagter Lehrerschwemme, die es ja tatsächlich nicht gab, ohnehin keine Arbeit finden würde. Viele hörten auf diesen Rat und sahen sich anderweitig um. Das Resultat war, dass es noch viel weniger Lehrpersonal als ohnehin schon gab, und die Lage langsam begann, sich dramatisch zuzuspitzen.

Nach der deutschen Vereinigung wurde es nicht viel besser. Immerhin fanden ein paar Lehrer, die im Westen keinen Arbeitsplatz gefunden hatten, hier eine Möglichkeit zu arbeiten, aber das reichte bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Dieser Vorgang fand keineswegs versteckt oder verborgen vor der Welt statt, sondern ziemlich offensichtlich und für jeden ausrechenbar. Denn die Geburtenzahlen sanken nach der Wende zwar erst einmal, um dann doch wieder in die Höhe zu schnellen. So ergab es sich, dass die wenigen Nachwendekinder zu noch weniger Lehrern wurden. Die Überalterung an den Schulen schritt gut sichtbar voran. Es war absehbar, dass irgendwann und dann ziemlich gleichzeitig ein großer Lehrermangel auf uns zu kommen würde. Das wurde wahrgenommen und irgendwie auch registriert, aber kein Bildungspolitiker kam auf die Idee, antizyklisch eine große Zahl von Lehrern zu rekrutieren. Dazu war Bildung auch Ländersache und die konnten ihre Fehler individuell machen. Das würde schon keine Auswirkungen auf die gesamte Republik haben.

Da alle so dachten und bei den Kultusministerkonferenzen die Fehler noch multiplizierten, begann sich das Szenario immer drohender aufzubauen. Niemand steuerte dagegen, im Gegenteil, die geisteswissenschaftlichen Studiengänge wurden flächendeckend zusammengestrichen, damit man an den Instituten effizienter werden konnte. Gerade jetzt wird an der Universität in Halle die geisteswissenschaftliche Fakultät radikal verkleinert, nachdem dieses schon vor Jahren in Magdeburg geschehen war. Nun mag man über die Zweckmäßigkeit von Geisteswissenschaften trefflich streiten, unstrittig aber ist doch wohl, dass die Germanistik den Deutschunterricht personell bestücken kann. Diesem aber kommt eine immer größere Wichtigkeit zu, spätestens seit die Migrantenzahlen vor knapp zehn Jahren in die Höhe geschossen sind. Mit guten Sprachkenntnissen kann man gut integriert werden. Wer gut integriert ist, kann hierzulande studieren und dann wiederum zum dringend benötigten Lehrpersonal stoßen. Weniger Deutschlehrer bedeuten im Umkehrschluss weniger gute Sprachkenntnisse und damit ein Integrationsproblem mehr. Das mag denjenigen in die Hände spielen, für welche Migration ohnehin ein grundsätzliches Problem darstellt. Aber die Zahl derer schrumpft angesichts des immer deutlicher werdenden Fachkräftemangels. Wir brauchen mehr Menschen, egal welcher Nationalität, die in der Lage sind, hier qualifiziert zu arbeiten. Das ist eine wichtige Aufgabe des Schulsystems, diese grundsätzliche Qualifikation zu ermöglichen.

Aufmerksame Leser werden an dieser Stelle bemerken, dass sich die Schlange gerade in den Schwanz beißt. Das tut sie schon seit Jahren und kein deutscher Bildungspolitiker ist willens oder in der Lage, dieses Schlangenproblem einigermaßen radikal zu lösen. Denn eigentlich ist es ganz einfach, aber in dieser Einfachheit liegt ein weiteres Problem. Man muss einfach sehr viel Geld in die Hand nehmen und das Bildungssystem grundsätzlich reformieren. In den zwei Coronajahren ist es nicht gelungen, den Unterricht wirklich digitaler zu gestalten. Es ist zwar ein wenig besser geworden, aber noch weit entfernt von gut. Bildungspolitik darf zum einen nicht länger Ländersache sein und zum anderen muss man sich von vielen liebgewonnenen Gewohnheiten lösen. Große feste Schulgebäude sind genau so obsolet wie Frontalunterricht vor Schultafeln.

Die Zukunft ist flexibler, aufgelockerter und damit zeitgemäßer. Die Kinder kennen sich mit ihren Smartphones besser aus als die Lehrer. Das Tablet muss als Standard kostenlos an alle Kinder ausgegeben und das Lehrpersonal daran geschult werden. Mit einem kostenlosen flächendeckenden W-LAN, in vielen asiatischen Ländern Alltag, wird jeder Ort, sogar eine Wiese im Park zum Unterrichtsplatz. Heute in der Bibliothek, morgen in einer Fabrik, übermorgen in einer Behörde oder dem Landtag, die ganze Welt kann Schule sein. Dafür bedarf es gut geschultes Personal und die technischen Voraussetzungen müssen stimmen. An beidem mangelt es zur Zeit. Überall gibt es gute Ansätze, aber die kommen über Pilotversuche nicht hinaus. Solange wir das Bildungssystem unterbudgetiert lassen, kann daraus nichts werden. Das Geld, welches dort investiert wird, ist gut und zukunftsträchtig angelegt. Aber das bedeutet jetzt erst einmal Schulden, und da Politik meistens nur bis zur nächsten Wahl denkt, wird es so nicht gemacht. Nur langfristige Strategien können zum Erfolg führen, aber die mag eben heute keiner beginnen, da er den Lohn erst ernten kann, wenn er sich schon lange nicht mehr in Amt und Würden befindet. Und dieses Haschen nach Lob und Anerkennung im Hier und Jetzt, Eitelkeit also, das ist das Problem. Und darum lässt es sich so nicht lösen. Denn wer mag schon darauf verzichten?

Lars Johansen

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