StadtMensch: Es wird heiß

Der April dieses Jahres in Deutschland gilt als der heißeste April seit dem Beginn der Messungen im 19. Jahrhundert. Der Mai ließ es in Sibirien um 10 Grad wärmer werden als das langjährige Mittel in diesem Monat. Die Niederschläge im ersten Halbjahr in Sachsen-Anhalt waren wieder einmal, im dritten Jahr hintereinander, viel zu wenig. Kann man also mittlerweile unwidersprochen von einem Klimawandel reden? Vermutlich nicht, da müssen erst noch einige Jahre ins Land gehen, die von Missernten und Niedrigwasser in der Elbe begleitet werden, bis es endlich Konsens ist. Immer noch wird dagegen argumentiert, obwohl die Auswirkungen eigentlich nicht mehr zu übersehen sind. Wenn nicht endlich die künstlich aufgeschütteten Buhnen verschwinden, wird sich das schmale Rinnsal, welches einmal die Elbe war, noch tiefer eingraben bis die einzigartige Elbauenlandschaft auch noch verschwunden ist. Spätestens dann werden die Touristen ausbleiben, die schon jetzt im Harz fehlen, weil sie keine Lust mehr darauf haben, die vertrockneten und borkenkäfergeschädigten Baumreste in einer apokalyptischen Landschaft betrachten zu müssen. Noch ist nicht alles verloren, natürlich nicht, aber wir müssen unsere Blicke von Corona wieder ein wenig ab- und ähnlich wichtigen Dingen zuwenden.

Man muss „Fridays for Future“ nicht mögen, aber das Bewusstsein muss sich verändern. Über die Ursachen für die Situation können wir gerne streiten, aber erst wenn alle die Gegebenheiten endlich akzeptieren, können wir damit beginnen, etwas zu verändern. Und das Etwas sind wir. Wenn es für einige vielleicht immer noch eine schmerzhafte Erkenntnis sein mag, aber wir haben unser Blatt überreizt. Das ist keine Neuigkeit, doch es muss endlich Konsequenzen zeitigen. Der globalisierte Kapitalismus hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Corona ist genau so ein Teil davon wie der Klimawandel und die aus jenem resultierenden Auswanderungswellen aus den am schlimmsten betroffenen Gebieten. Wenn in einigen Teilen Afrikas die Temperaturen lebensbedrohende Höhen erreicht haben und diese Gebiete damit unbewohnbar werden, führt das ganz natürlich zu heimatlosen Menschen, die in andere Gebiete drängen. Je stärker der Wandel, um so stärker der Druck, seine Heimat zu verlassen. Wenn selbst Brandenburg und auch Teile von Sachsen-Anhalt versteppen, weil die Niederschläge fehlen, wenn also gemäßigte Klimazonen zu Wüstenlandschaften werden, dann sollte klar sein, dass es in den ohnehin schon heißeren Gebieten der Welt noch ärger zugeht. Die Brände in Australien oder Südamerika stehen jedem noch vor Augen, sind sie doch nur ein paar Monate her. Und durch unsere Lebensweise sind wir dafür einfach mal mitverantwortlich. Weil die Europäer während der Zeit der Kolonisierung der Welt im 16. und 17. Jahrhundert die dortige Bevölkerung mit den importierten Krankheiten aus ihrer Heimat zu großen Teilen ausrotteten und blühende Zivilisationen in marginalisierte Randexistenzen verwandelten, kommen nun die Krankheiten aus den hintersten Winkeln der Welt zu uns. Ob chinesische Fledermaus oder afrikanischer Affe, Corona oder Ebola, die unbekannten neuen Viren rücken mit jeder Reise, mit jedem Warenimport ein wenig näher. Es ist, als ob die Sünden der Kolonialisierung einige Generationen später endlich die Schuldigen um so härter bestrafen.

Der weltweite Kapitalismus wankt. Populistische Politiker geben ihm den Rest, die Seuchenopfer in Brasilien, England oder den USA, die weit über dem Durchschnitt liegen, sprechen eine deutliche Sprache. Und der mittlerweile kaum noch voll zurechnungsfähige amerikanische Präsident befeuert sogar noch die Rassenunruhen im eigenen Land, in der vergeblichen Hoffnung, so vielleicht doch die nächsten Wahlen zu gewinnen. Über 100.000 Coronatote, die höchste Arbeitslosigkeit unter der schwarzamerikanischen Bevölkerung jemals und die immer drohender aufziehende weltweite Rezession kann und will er so nicht in den Griff bekommen. Stattdessen lässt er sich den Weg freischießen, um vor einer Kirche mit der Bibel zu posieren, um Bilder zu produzieren, die ikonisch wirken sollen, aber nur die Autokratendämmerung noch schneller hereinbrechen lassen. Die Welt verändert sich gerade in einer Geschwindigkeit wie man es selten erleben konnte. Das hohe Tempo lässt überall Opfer zurück und die Unzufriedenheit steigt. Die Bundesregierung versucht mit gewaltigen Investitionspaketen dagegen zu steuern, die auf Kosten der nachfolgenden Generationen ein ins Ungleichgewicht geratenes System stabilisieren sollen.

Vielleicht sollten wir jetzt einmal innehalten und die Zeit nach Corona zu etwas anderem machen. Es ist schon so viel verändert, dass es tatsächlich nur vergleichbar kleine Schritte sind. Wir müssen achtsamer mit uns und der Welt umgehen. Es muss nicht immer um Expansion und Wachstum gehen, sondern vielleicht ist der Rückschritt endlich der entscheidende Fortschritt. Wie wäre es, wenn wir Wälder nicht mehr als Kapitalanlage begreifen, sondern als Lebensräume, Landwirtschaft als Lebensgrundlage ohne Massentierhaltung und Überdüngung? Wenn wir Mobilität als den Luxus akzeptieren, der sie ist und uns fortbewegen, ohne dafür permanent Öl zu verbrennen oder Strom zu verschwenden, als gäbe es den unendlich? Es gibt ein Leben ohne Kohlekraftwerke und Benzinschleudern, ich muss nicht jeden Tag im Internet etwas bestellen, was vom anderen Ende der Welt angeliefert wird und eine Energiebilanz aufweist, die schlicht asozial ist. Ich brauche nicht drei Monate Spargel und das ganze Jahr Erdbeeren. Und Kleidung kann ruhig teurer sein und dafür sehr viel länger halten.
Ich weiß, das sind Binsenweisheiten und alles andere als neu. Aber wir müssen endlich anfangen, denn sonst hört es auf. | Lars Johansen

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