Montag, September 26, 2022
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StadtMensch: Früher sterben

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Die Lebenserwartung in Sachsen-Anhalt ist im Vergleich zu 2019 um ein Jahr gefallen. So etwas geschieht normalerweise nur im Kriegsfall. Nun haben wir ja gerade Krieg, aber nicht hier. In Schleswig-Holstein zum Beispiel ist die Lebenserwartung im gleichen Zeitraum dagegen ungefähr gleich geblieben. Warum ich gerade diese beiden Länder miteinander vergleiche? Weil es dort vergleichbare Zahlen gibt und beides sind keine unbedingt reichen Bundesländer. Am Geld liegt es also vermutlich nicht. Wir haben ohnehin noch Unterschiede zwischen West und Ost. Im Osten wird ein jetzt neugeborenes Mädchen im Schnitt 0,6 Jahre vor einem westdeutschen sterben, bei den Jungen liegt der Unterschied sogar bei über zwei Jahren. Abgesehen davon, dass es bedenklich ist, immer noch zwischen West und Ost zu unterscheiden, sollte uns die zusätzliche Verminderung um ein Jahr in Sachsen-Anhalt doch nachdenklich machen.

Liegt es an der schlechteren ärztlichen Versorgung? Immerhin leben hier mehr Menschen auf dem Land, wo es an Ärzten mangelt. Auch ist die Bevölkerung überaltert, was ja eigentlich ein Indiz für eine höhere Lebenserwartung sein könnte. Aber leider ist dem nicht so. Man ist hier zwar alt, aber nicht so alt wie im Westen. Liegt es am geringeren Einkommen, was zu schlechterer Ernährung führt, weil man gezwungen ist, billiger einzukaufen? Und was mag das bei den steigenden Energiepreisen bedeuten? Werden wir hier dann noch früher ins Gras beißen müssen? Oder gibt es möglicherweise noch ganz andere Gründe, die viel tiefer liegen?
Wenn ich hier in die Straßenbahn einsteige und eine Mund-Nasen-Maske trage, dann bin ich damit ein Exot. Die allermeisten Mitfahrer tragen überhaupt keine Masken mehr oder unter dem Kinn oder bestenfalls nur über dem Mund. Und sie starren dich teilweise mit durchbohrenden Blicken an, weil du ihnen entweder ein schlechtes Gewissen machst oder sie dich für einen Knecht der Herrschenden halten, der fraglos alle staatlichen Bedrückungen erträgt, statt sich wie sie im glorreichen Widerstand zu befinden. Wenn ich in Braunschweig, wohin ich mit dem 9-Euro-Ticket gerne mal hinfahre, um bei meinem Lieblingshändler meiner DVD-Sucht zu frönen, in eine Straßenbahn einsteige, dann tragen die Menschen dort ausnahmslos Masken. Die Selbstverständlichkeit, mit der dort den staatlichen Vorgaben nachgekommen wird, findest du in Magdeburg nicht. Auch sind die Menschen hierzulande im Schnitt viel weniger geimpft als im Westen. Das wäre mir persönlich auch gleichgültig, denn das sollen alle halten, wie sie denken. Ich bin gegen einen Impfzwang. Aber wenn ich Menschen sehen muss, die zum Beispiel bei den Montagsdemos, welche eine Pervertierung der eigentlichen Montagsdemos von 1989 darstellen, aber wir haben nun einmal Demonstrationsfreiheit und die ist ein hohes Gut, zum Widerstand aufrufen gegen ein angeblich totalitäres System, dann ärgert mich das. Wenn ich dann auch noch T-Shirts sehen muss, auf denen „Ungeimpft und stolz darauf – kein Fürstenknecht“ steht, dann werde ich sogar ein wenig wütend. Denn Freiheit hin oder her, man muss auf diesen Unsinn nicht auch noch stolz sein. Noch einmal, man kann es tun oder lassen, aber warum muss man damit prahlen? Was ist das für ein erbärmlicher Widerstand, der andere gefährdet? Denn Corona gibt es und ich kenne Menschen, die daran verreckt sind, nicht gestorben, sondern regelrecht verreckt, oder die an Long-Covid leiden und auch das ist kein Vergnügen und es gibt keine Therapien, weil alles noch nicht ausreichend erforscht ist. Und auch die Kulturveranstaltungen leiden immer noch an Zuschauermangel, weil sich immer noch zu wenige Menschen in geschlossene Räume zu gehen trauen oder einen Maskenzwang ablehnen oder einen bevorzugen würden. Nun bin ich jemand, der von der Kultur lebt, da urteilt man mit heißem Gemüt. Aber da ist immer noch dieses eine Jahr. Wir sterben hier früher, weil Menschen keine Rücksicht nehmen wollen oder staatliche Maßnahmen grundsätzlich ablehnen oder bessere medizinische Kenntnisse als die Fachleute haben. In Österreich hat sich sogar eine Ärztin getötet, die sich öffentlich als Impfbefürworterin positioniert hat, weil sie von sehr vielen Menschen wegen ihrer Haltung persönlich bedroht wurde und dem Druck nicht mehr standzuhalten vermochte.

Wenn man sich privat dafür entscheidet, keine Maske zu tragen und sich nicht impfen zu lassen, dann ist das für mich kein Problem. Diejenigen müssen dann eben mit den Konsequenzen leben. Dazu gehört, dass öffentliche Verkehrsmittel in Deutschland nicht von ihnen benutzt werden können. Das mag ihnen nicht gefallen, aber wenn sie sich nicht an die Regeln halten, dann verkürzen sie das Leben ihrer Mitmenschen im Schnitt um ein Jahr. Würde es nur ihr eigenes Leben betreffen, dann wäre mir das gleichgültig, denn ich kann niemanden dazu zwingen, länger zu leben. Aber wir alle müssen, ich wiederhole es gerne noch einmal, deswegen ein Jahr früher sterben als noch vor drei Jahren.
Und wenn schon am Montag demonstriert werden muss, dann vielleicht gegen die neue Armut, die uns noch früher sterben lassen wird, gegen die hohen Energiepreise, welchen den Energielieferanten gewaltige Gewinne bescheren, weil sie die Preise schon erhöhten, als sie noch genug billiges Gas in ihren Tanks hatten; gegen verkürzte Schulzeiten und kalte Räume im Winter, gegen eine Fußball-WM in einem mörderischen Unrechtsstaat und gegen eine Klimakatastrophe mit Waldbränden und ausgetrockneten Flüssen. Gegen all das bin ich gerne mit dabei. Denn da muss man sich öffentlich positionieren, denn das ist keine private Entscheidung.

Lars Johansen

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