Mittwoch, Dezember 8, 2021
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StadtMensch: German Angst

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Die ganze Welt weiß, dass wir in Deutschland Angst haben. In den USA, und nicht nur dort, wird dieses Phänomen als German Angst bezeichnet. Das bedeutet eher eine diffuse Angst, die sich nicht auf etwas Konkretes bezieht, sondern einfach da ist. Sind wir hier besonders schreckhaft? Oder sensibel? Ich weiß es nicht, aber wenn wir keine Angst haben, dann müssen wir das lernen. So gibt es bei den Gebrüdern Grimm ein „Märchen von Einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Der Held kann sich einfach nicht gruseln, weshalb er immer den einen Satz wiederholt: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“ Aber es gruselt ihm nie und wenn er am Ende mit der Königstochter verheiratet ist, dann leert sie einen Eimer mit kaltem Wasser und Fischen über ihm aus. Nun endlich hat er gelernt, was Angst ist. Dieses Motiv ist von vielen Autoren übernommen worden. All die wirklichen Schrecknisse vermögen uns nicht zu erregen, wir leben lieber in einer abstrakten Furcht. Oder in der sehr konkreten vor eiskaltem Wasser. Aber das ist eher eine rein körperliche Reaktion als wirkliche Angst.

Erleben sollen wir diese Angst auch, man spricht dabei von Angstlust. Denn schon in der griechischen Dramentheorie des Aristoteles können wir nur über Mitleid und Furcht zur Katharsis gelangen, also zur inneren Reinigung. Angst wird erregt und wirkt erregend zugleich. Ohne sie erlebt zu haben, können wir nicht zur inneren Ruhe kommen. Daher gibt es auch zur Rezeption von Horrorfilmen radikal unterschiedliche Auslegungen. Denn auch hier lässt sich letztendlich nicht endgültig entscheiden, ob das Erlebte bzw. Gesehene kathartische Wirkung hat oder nur verstörend wirkt. Vielleicht ist es etwas dazwischen, etwas, das sich nicht fassen lassen will. Die Macht der Bilder, derer man sich dafür bedient, ist groß und weitgehend unerforscht.

Die Angst oder das Gruseln ist interessanterweise dem Lachen verwandt. Denn beides geschieht, weil uns etwas überrascht hat. Beides führt zu einer körperlichen Reaktion, einer unbewussten Muskelkontraktion, einem Schütteln. Wir zittern oder wir lachen, aber wir können es nicht steuern, es geschieht einfach. Der einzige Unterschied ist die Art der Überraschung. Das komische und das unheimliche Geschehen lösen den gleichen Reflex aus und im Idealfall liegt in beidem auch das jeweils andere. Ein Clown ist niemals nur komisch, er macht uns am falschen Ort zur falschen Zeit auch Angst. Aber spätestens in der Geisterbahn erleben wir, dass was uns eigentlich erschrecken soll, durchaus zum Lachen reizt. Auch Autoritätspersonen, welche uns einzuschüchtern versuchen, scheitern immer mal wieder an der diesem Versuch innewohnenden Komik.

Die schwarze Pädagogik hat früher in der Erziehung mit diesen Mitteln gearbeitet. Den Kindern wurde Angst gemacht. Dafür wurde die natürliche Angst benutzt, denn Angst ist eigentlich normal und hat auch Vorteile, weil sie uns davon abhält, etwas zu unternehmen, was uns oder anderen schaden könnte. Wenn aber diese natürliche Emotion künstlich verstärkt wird, wendet sie sich gegen uns, weil sie uns davon abhält, irgendetwas zu tun, was uns nicht erlaubt ist. Die Angst vor Strafe wird so übermächtig, dass sie uns extrem einschränkt. Wir hinterfragen dieses uns anerzogene System nicht mehr, weil es uns natürlich erscheint, was es aber nicht ist.

Die Angst vor Überfremdung beispielsweise ist ebenso unausrottbar wie grundlos. Gerade weil es ihr an rationalen Gründen mangelt, ist sie nur schwer zu bekämpfen. Es geht nur um Glauben, nicht um wirkliches Wissen. Niemand behauptet, dass Integration unproblematisch sei, aber rasch wird aus lösbaren Schwierigkeiten eine irrationale und daher auch unauflösliche Angst. Diese verfestigt sich und schafft einen strukturellen Rassismus, welcher sich jeder Argumentation widersetzt. Eine vernünftige Diskussion ist so nicht mehr möglich. Oder wie es im Titel eines Fassbinder-Films so schön heißt: Angst essen Seele auf.

Dazu kommen die kleinen Ängste, die sich zu psychischen Krankheiten auswachsen können. Diese Phobien werden immer zahlreicher und sie werden beinahe schon gepflegt. Manchmal eignen sie sich auch gut, um etwas anderes zu kaschieren. Eine Homophobie, also eigentlich eine Angst vor gleichgeschlechtlicher Liebe, ist in den allermeisten Fällen keine Angst, sondern einfach eine extreme Abneigung, die schnell zu Hass werden kann. Dieser Hass kann schnell außer Kontrolle geraten. Ein Mann, der sich weigert, in einer Tankstelle eine Maske zu tragen, weil er eine diffuse Angst empfindet, regiert auf die Aufforderung, sie aufzusetzen, damit, nach Hause zu fahren, eine Waffe zu holen und den Menschen, der ihn aufgefordert hat, zu erschießen. Der Schütze empfindet seine Reaktion als verständlich und nicht überzogen. Viele Menschen im Internet geben ihm Recht. Der Erschossene sei doch selber schuld, denn wenn er nichts gesagt hätte, dann wäre ihm auch nichts geschehen. Die irrationale Angst ist zu aktiver Gewalt geworden.

Dabei gibt es gute Gründe dafür, auch Angst zu haben. Ich finde, man darf davor Angst haben, dass der Klimawandel angekommen ist und die Welt verändern wird. Man darf vor den milliardenschweren Rüstungsprogrammen Angst haben, die früher oder später zu Krieg und Tod führen müssen. Man darf Angst davor haben, einen sozialen Abstieg zu erleben. Denn das sind berechtigte und reale Ängste. Aber hier sollte und kann man die Ursachen dafür bekämpfen. Und dann ist der Grund für die Angst auch weg. Und das ist gut so. | Lars Johansen

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