StadtMensch: Ich wohne in der Sesamstraße

Man mag es kaum glauben, aber es ist ziemlich genau 50 Jahre her, dass die Sesamstraße nach Deutschland kam. Puristen mögen jetzt einwenden, dass es erst 1973 so weit war, dass die Serie, welche 1969 im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, auch in Deutschland eine Heimat fand. Aber tatsächlich liefen im Mai 1971 ein paar nicht synchronisierte Folgen als Test im NDR-Fernsehen. Das Konzept war neu und geradezu revolutionär, denn es war ein Kinderprogramm, welches sich an Kinder richtete, die in einer wirklichen Welt lebten. Präziser formuliert, es war eine urbane Welt, in welcher die Puppen mit den Menschen, Erwachsenen und Kindern, zusammen zu leben schienen.

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Wenn sich Menschen meines Alters an ihre Kindheit erinnern, dann erinnern sie sich natürlich auch an das Kinderfernsehen jener Zeit. Ich hatte das Glück, in einer Gegend aufzuwachsen, in welcher es neben der Augsburger Puppenkiste auch ein Märchenland mit Meister Nadelöhr und Professor Flimmrich gab. Das war immerhin ein wenig Abwechslung. Irgendwo zwischen russischen Märchenfilmen, die ich bis heute liebe, Pittiplatsch und Schnatterinchen, Pippi Langstrumpf und dem kleinen König Kalle Wirsch wurden wir groß. Später kamen noch die ungeheuer phantasievollen tschechischen Reihen dazu, aber da war ich eigentlich schon zu alt. Eins hatten diese Programme gemeinsam. Sie spielten fast nie in großen Städten. Die damals schon alten Erich-Kästner-Verfilmungen, die ich ab und an sehen konnte, hatten immer auch etwas urbanes, aber das war die große Ausnahme. Kinder lebten im Fernsehen in Märchenwäldern oder auf dem Land. Die Stadt gab es nicht, das galt interessanterweise für West wie Ost. Natürlich gab es sie auch, das Sandmännchen tauchte manchmal in absurd verniedlichten Städten auf, aber Großstädte eigneten sich scheinbar nicht fürs Kinderfernsehen. Irgendwie mussten Kinder vor ihrer eigenen Umgebung geschützt werden. Es war noch nicht an der Zeit, echte Probleme zu zeigen, es musste immer ein wenig phantastisch verbrämt werden.

Glückliche Kinder lebten auf dem Land, in niedlichen kleinen Dörfern, die zwar nichts mit der Realität zu tun hatten, in denen man aber im anliegenden Märchenwald sprechenden Tieren begegnen konnte. Hexen, Erdmännchen, Kobolde und Elfen bevölkerten diese dörfliche Welt und, wenn es dann realer werden durfte, Pippi Langstrumpf, mit der man echten Piraten begegnen konnte. Die lebten in der Südsee und da würde unsereiner nicht hinkommen, was nicht an den Reisebeschränkungen lag, sondern schlicht am mangelnden Kapital. Aber man konnte sich dahin träumen. Obendrein belehrten uns diese Phantasiewesen immer, wobei Pippi die löbliche Ausnahme darstellte. Wir sollten spielerisch lernen, dass man besser nett und freundlich ist, brav folgt und Eigensinn immer bestraft wird. Pittiplatsch war kein Vorbild, sondern ungezogen, und darum wurde er auch stets bestraft, schon dadurch, das ihn eine überfürsorgliche, aber scheinbar gleichaltrige Ente bemutterte. Das Frauenbild war also auch klar. Die Anarchie der amerikanischen Zeichentrickfilme aus den 30er- und 40er-Jahren wurde von uns ferngehalten, so gut es ging. Deutschland, Ost wie West, hatte ein Kinderbild, welches in den 50ern hängen geblieben war. Und als dann Schweinchen Dick im Zweiten Deutschen Fernsehen auftauchte, wurde es sogleich wieder verboten, weil besorgte Eltern einschritten und die Repressionsmaschinen wieder anwarfen.

Deutsche Märchen wa-ren immer schon Vatermärchen gewesen, was sie interessanterweise von den meisten anderen Ländern unterschied. Es gab keine bösen Väter, Könige oder Zauberer, stattdessen böse Stiefmütter, Hexen und Königinnen. Natürlich gab es auch liebende Mütter, beispielsweise im russischen Märchenfilm, wo sie dann gleich zu mythischen Urmüttern mutierten und die böse Baba Yaga von Männern gespielt wurde, so dass sie keine eindeutige Geschlechtlichkeit zu entwickeln vermochte. Und in diese Welt brach auf einmal die Sesamstraße ein, die in einer Stadt spielte, in der echte Menschen lebten, zusammen mit merkwürdigen Puppenmonstern, die sich mit ihnen ganz selbstverständlich den Wohnraum teilten. Manche wirkten fast menschlich, wie Ernie und Bert, manche vorstellbar wie Bibo, der ein großer Vogel zu sein schien. Aber dazwischen tummelten sich anarchische Monster, die in Mülltonnen lebten oder Kekse fraßen. Und die wurden für ihr offensichtliches Fehlverhalten auch nicht bestraft. Der Märchenwald war auf einmal nicht mehr unheimlich weit weg und wurde von steifen Handpuppen oder Marionetten bevölkert, die meistens nicht einmal den Mund öffnen und trotzdem sprechen konnten. Nein, hier lebten in unmittelbarer Nachbarschaft phantastische Figuren in diesem urbanen Zauberwald, in welchem auch niemand geheimnisvoll raunte, wenn ein Monster auftauchte, sondern das Phantastische normal und real zu sein schien. Die Monster unter unseren Betten wollten nicht uns fressen, wenn wir uns weigerten, einzuschlafen, sondern Kekse. Und der Vampir wollte uns nicht beißen, sondern zählen. Der Frosch war kein verzauberter Prinz, sondern tatsächlich ein Frosch.

Das ging auch nicht lange gut in Deutschland, denn Bayern weigerte sich, die ganze Serie auszustrahlen. Oskar, der griesgrämige Mülltonnenbewohner, musste auf Intervention von Eltern verschwinden, die multikulturelle Bevölkerung der Sesamstraße wurde durch deutsche Schauspieler ersetzt, die mit Samson und Tiffy Figuren an ihre Seite bekamen, welche sich auch mit Meister Nadelöhr gut verstanden hätten. Die kurze Zeit der ersten Anarchie verschwand, bevor dann langsam rebellische Stadtkinder das Fernsehen bevölkerten. Ohne die Sesamstraße wäre das vielleicht nicht passiert. Manchmal stelle ich ein paar Kekse aufs Fensterbrett oder klopfe, bevor ich die Mülltonne öffne, denn es könnte ja doch jemand dort leben. Vor 50 Jahren bin ich in die Sesamstraße gezogen. | Lars Johansen