Freitag, Juli 1, 2022
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StadtMensch: Ist das Kunst oder kann das weg?

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StadtMensch |Lars Johansen

Ich vermute, dass ich mir mit dem folgenden Text nur bedingt Freunde schaffen werde. Aber vielleicht vermag er ein wenig zu erklären, warum es in den Zeiten von Corona keine ordentliche staatliche Kulturhilfe gibt. Denn eigentlich verachtet die Politik die kulturelle Szene in diesem Land. Sonst würde der kolportierte Satz der Bundeskanzlerin, den ich hier aus der FAZ zitiere nicht so gefallen sein: „Wenn etwa auch Künstler mit Steuergeld gerettet werden sollten, werde man dies in Spanien und Italien vermerken und darauf verweisen, dass Deutschland offensichtlich über genug Geld verfüge.“ Es heißt, er sei wohl doch nicht so gefallen, aber er spiegelt wider, was Politik von Kunst hält. Wäre es anders, dann hätte es Dementi nur so gehagelt. Dabei ist Kunst der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält.

Aber der Umgang mit Kunst in Deutschland ist ein durchaus schwieriger. Und, keine Angst, das gilt vermutlich nicht nur in Deutschland, sondern auch im gesamten Rest der Welt. In normalen Zeiten zeigen sich Politiker gerne mit ihrem Kunstinteresse in der Öffentlichkeit und es wird ein Loblied auf die Wichtigkeit der Kunst gesungen. Verstärkt wird das in den vergangenen Jahren auch zunehmend als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen. Dazu wurde der neue Begriff der Kreativwirtschaft entwickelt, der vieles zu subsumieren scheint. Denn darunter fallen gleichermaßen die Event-Agentur, der Schlagersänger, die Fernsehmoderatorin, Klinikclowns, Performancekünstler und Straßenmusiker. Man könnte auch sagen: Eigentlich alle. Wenn Onkel Lutz als Ausgleich zum Job als Bankkaufmann beim Kinderfest aus Ballons bunte Tiere knotet oder Tante Beate in ihrer Freizeit einen Quält näht, dann ist das alles Kunst. An sich ist dagegen nichts zu sagen, denn dieser sozialdemokratische Kulturbegriff hat es geschafft, Kunst zu demokratisieren. Das ist tatsächlich hilfreich, um Menschen an kreatives Denken heranzuführen und so gesellschaftliche Freiräume zu schaffen.

Aber vielleicht sollte man doch wieder lernen zu unterscheiden. Denn zum einen gibt es da die Soziokultur, die niedrigschwellige Kulturangebote schafft und so auch denjenigen Teilhabe ermöglicht, die durch ihre Herkunft davon sonst vermutlich ausgeschlossen wären. Das ist Kultur für alle und da hilft auch der Begriff „Kulturelle Bildung“ weiter. Kulturpädagogen aber sind keine Künstler, sondern Kulturvermittler. Das wissen sie oft selber nicht genau und beginnen sich für Künstler zu halten. In Ausnahmefällen mag das zutreffen, aber in der Regel sind sie „nur“ Lehrer. Wären sie gut darin, zu lehren, würde das auch kein Problem darstellen, aber oftmals fällt der pädagogische Part schon in der Ausbildung ein wenig hinten herunter.

Dann mag es auch Kultur als Dienstleistung geben, da sind wir mitten in der immer unüberschaubarer werdenden Welt von Kulturmanagern, Agenturen, Designern, vielem also was man früher als Kunstgewerbe bezeichnet hätte und auch mitten in der rein kommerziellen Kultur. So schießen immer mehr Studiengänge aus dem Boden, die sich „Cultural Engineering“ oder „Angewandte Kulturwissenschaft“ nennen und eigentlich nur den Beruf des Veranstaltungstechnikers losgelöst von dessen praktischen Fähigkeiten zusammenfassen. Es gab in Deutschland vermutlich noch nie so viele Agenturen wie heute. Schwierig wird es immer dann, wenn sie sich selber als Kulturproduzenten begreifen und nicht als diejenigen, die die tatsächlichen Künstler mit deren potentiellen Kunden zusammenbringen. Sie begreifen sich gerne als Kreative. Sind sie auch, aber, verdammt noch mal, keine Künstler.

Wenn also zum Beispiel ein Künstler eine Kulturvermittlerin, die sich nicht ganz so begreifen mag, in einer Diskussion angreift, wird dieser Dissens sichtbar. Jeder kann kreativ sein, aber nur wenige Künstler. Autoren, die als Selfpublisher auf dem E-Book-Markt unterwegs sind oder Hobbyautoren sind keine Künstler. Schauspielerinnen, die Kinderbücher mit selbst gemalten Bildern auf den Markt werfen, bleiben Schauspielerinnen, aber sind keine Malerinnen. Und nach drei Clown- und zwei Improvisionstheaterworkshops ist man kein professioneller Bühnenkünstler. Ich merke dieses Missverständnis an einfachen Dingen. Zuschauer stellen Gläser oder Handtaschen auf dem Bühnenrand ab und zeigen sich verwundert darüber, dass der Künstler darauf nicht positiv reagiert. Sie begreifen ihn als Dienstleister und können Dinge wie die „Heiligkeit des Raumes“ nicht verstehen. Kunst aber trägt immer auch etwas Religiöses in sich, und dabei geht es nicht um eine bestimmte Religion, sondern um Spiritualität. Daraus entstand sie und darüber funktioniert sie. Dass dazu auch Handwerk gehört, ist klar, aber es ist nur ein notwendiger Teil. Dazu gehört schlicht auch Talent. Das ist zutiefst undemokratisch, unfreundlich und definitiv nicht immer leicht konsumierbar. Es ist sperrig, es will nicht gefallen, es fällt aus der Zeit. Goethe war zu Lebzeiten erfolgloser als Kotzebue. Die Erfolgsmaler aus Van Goghs Zeit, der zu Lebzeiten nie ein Bild verkaufte, sind zu Recht vergessen. Das klingt elitär, das ist elitär.

Aber so lange der schwammige Kreativwirtschaftsbegriff als Kultur und als Kunst verkauft wird, so lange wird Politik Kunst abtun können. Nicht umsonst wurde ein Antrag aus dem Stadtrat in Magdeburg, der Gelder für die Kunst freischaufeln sollte, von Dilettanten so verändert, dass er nur Wirtschaftsförderung darstellte. Künstler aber sind keine Wirtschaftsfaktoren, sie sind mehr als das, sie sind eine Grundlage einer Gesellschaft. Und so lange das nicht verstanden und der Kunstbegriff weiter aufgeweicht wird, so lange werden sie in Krisenzeiten nicht unterstützt werden. Denn diese Unterstützung müsste bedingungslos sein, so wie Künstler bedingungslos ihrer Arbeit nachgehen. Denn Kunst ist auch Arbeit, aber keine Kreativwirtschaft. Sie ist kein weicher Standortfaktor und kein Luxus. Sie ist der einzige entscheidende Unterschied zur tierischen Existenz. Sie macht den Menschen aus.

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