StadtMensch: Keine Zeit zu sterben

Das wäre der Titel vom neuesten James-Bond-Film gewesen. Natürlich hätte er richtig „No time to die“ geheißen und wäre im nächsten Monat in den Kinos angelaufen. Das tut er jetzt nicht. Warum ist das so wichtig? Vielleicht, weil es der letzte Tropfen ist, der ein großes Fass zum Überlaufen bringt. Dieses Fass ist die Innenstadt. Sagen wir ruhig: Unsere Innenstadt. Denn diese ist ohnehin schon gebeutelt vom Online-Shopping. Corona hat die Krise nur noch zugespitzt und die Schlagzahl für die Ruderpartie in Richtung Ende erhöht. Okay, das Bild ist so schief wie die Situation des Handels und der Gastronomie. Und es gibt im Moment niemanden, der das Bild gera-derücken mag, weil jeder so sehr mit sich selber beschäftigt ist, dass der Blick fürs Große und Ganze verloren zu gehen droht.

Also: Was hat 007 mit unserer Innenstadt zu tun? Eine ganze Menge, denn der Ankermieter im City Carré ist das Cinemaxx. Es gehört seit ein paar Jahren schon zu Vue Entertainment, ein Konzern, der in diesem Frühjahr eine andere große Kinokette übernommen hat, nämlich Cinestar. Das ist jenes Kino, was sich hier außerhalb der Innenstadt befindet. Nun darf ein Betreiber in einer Stadt nicht die zwei einzigen Multiplex-Kinos betreiben, denn das wäre ein Monopol. So muss das zweite verkauft werden. Wer aber mag in diesen Zeiten ein solches Kino kaufen, das ohnehin ein wenig aufgehübscht werden müsste? Das wird nicht billig und ist im Moment ausgeschlossen. Also wird es vermutlich das kommende Jahr nicht überleben. Umso mehr bleibt dann für das einzig verbliebene Blockbusterkino in der Innenstadt, mag man jetzt denken. Aber es gibt keine Blockbuster mehr, jedenfalls nicht in diesem Jahr, da die Verleiher nach dem eher schlechten Start von „Tenet“ erst einmal alles gecancelt haben. Das ist übrigens tatsächlich Cancel-Culture und zwar eine, die viel zerstören wird. In den USA, England und Irland wird die zweitgrößte Kinokette der Welt, Cineworld, ihre Kinos vorübergehend schließen, was 45.000 Menschen arbeitslos machen wird.

Hans-Joachim Flebbe, der Mann, der das Multiplex mit Cinemaxx nach Deutschland brachte und die Kette vor einigen Jahren gewinnbringend verkaufte, hat seit einigen Jahren das Konzept, sehr luxuriöses Kino mit sehr viel Service einem Publikum anzubieten, das ein wenig älter und finanziell besser gestellt ist als junge Menschen, die bis vor ein paar Jahren den Löwenanteil der Zuschauer ausmachten. Das hat sich ohnehin geändert, denn die Sehgewohnheiten dieser jungen Menschen haben sich massiv verändert. Davon ist, ganz nebenbei, auch das lineare Fernsehen betroffen, welches sich, mindestens bei dieser Zielgruppe, nur schwer gegen Streamingdienste und Youtube behaupten kann. Flebbes Kette befindet sich aber im Moment genau so in Schieflage wie der Rest der großen Kinos, denn er macht jeden Monat 400.000 Euro Verlust. Die Hoffnung auf einen rettenden Blockbus-ter ist zerschlagen, die Zukunft damit extrem unsicher. Auch hier steht eine periphere Schließung im Bereich des Möglichen. Wie Dominosteine werden damit auch die anderen Ketten kippen. Das betrifft übrigens nicht die kleinen Programmkinos, die von Blockbusterausfällen nicht betroffen sind, da sie solche nicht zeigen. Hier wird es, wenn auch mit geringeren Zuschauerzahlen, irgendwie weitergehen.

Wenn nun also das Cinemaxx in der Innenstadt schließen sollte, dann wird das City Carré eine Menge Geld verlieren, denn Kinoräume lassen sich nicht einfach so weitervermieten. Das neue Konzept, vor allem den Gastronomiebereich dort auszubauen, ist damit ebenfalls mit großen Problemen konfrontiert, denn zum einen fehlt das Kinopublikum, welches ein paar hundert Menschen am Tag ausmacht, und das vor oder nach dem Kino gerne noch verweilen und konsumieren mag. Zudem ziehen Anfang nächsten Jahres die Stadtwerke als wichtiger Mieter in ihren neuen Firmensitz. Die übrigen Büroräume werden sich noch ein wenig vermieten lassen, aber man darf nicht vergessen, dass immer mehr Firmen das Home-Office schätzen gelernt haben. Den Mitarbeitern erspart es Fahrtkosten und -zeiten. Sie müssen sich zwar Arbeitszimmer einrichten, aber das wird schon funktionieren. Büros werden früher oder später obsolet, denn je besser das Netz ausgebaut ist, desto weniger Bewegung wird notwendig sein.

Dazu kommen Clubs und Diskotheken, die schon lange geschlossen und deren mögliche Öffnungen bei steigenden Coronafallzahlen vermutlich ausgeschlossen sind. All das bringt weniger Menschen in die Stadt, die dort die Gastronomie nutzen. Das bedeutet für das City Carré, das durch den Tunnelbau ohnehin schon gebeutelt ist, und davon in frühestens zwei Jahren erlöst wird, fast schon unausweichlich das Ende. Bleiben wird eine hässliche Investitionsruine, welche die Innenstadt noch unansehnlicher machen wird. Und das ist dann das erste, was der Neuankömmling sieht, wenn er den Bahnhof verlässt. Auch das Allee-Center wird dadurch gebeutelt werden und die ganze Innenstadtgastronomie ohnehin.

Das klingt pessimistisch, aber es ist eben auch realistisch zugleich. Die Zuschauerzahlen in den Privattheatern und Kabaretts sind nicht dazu angetan, es positiver zu sehen. Denn trotz der sehr guten Hygienekonzepte kommen weniger Menschen als möglich, obwohl die Platzkapazitäten schon massiv reduziert wurden. Auf Dauer wird das ein Problem, welches die Schieflage der Stadt noch weiter verschärft. Es müssen neue Konzepte her, die dabei helfen, Trends umzukehren. Oder neue Trends etablieren. Mit den Mitteln, die bisher geholfen haben, wird nichts besser funktionieren. Denn auch die wenigstens halbwegs angesagten inhabergeführten Fachgeschäfte brauchen ein funktionierendes Umfeld. Und das ist im Moment nicht in Sicht. Also wohl doch: Zeit zum Sterben.

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