StadtMensch: Keinesfalls systemrelevant

Im Moment will auf einmal jeder mit einer Vehemenz unbedingt systemrelevant sein, als hinge die Seligkeit davon ab. Dabei ist nicht einmal klar, was mit diesem System eigentlich gemeint ist: Der Kapitalismus an sich, die Demokratie als solche oder Deutschland im Speziellen? Und was bedeutet dabei Relevanz? Grundbedürfnisse, überlebensnotwendige Tätigkeiten und Produkte oder doch letztendlich wieder alles? Kaugummi, Kultur und Klopapier, die alles irgendwie zusammenhalten? Doch niemand mag sich um diese so wichtigen wie eigentlich völlig offenen Fragen scheren, stattdessen wird erst einmal gefordert.

Die Tourismusbranche barmt zusammen mit der Lufthansa um die ausgefallenen Fernreisen, die, wenn wir einmal ehrlich sind, Corona hier überhaupt erst ausgelöst haben. Die Autoindustrie freut sich, dass der Dieselskandal halbwegs vergessen ist und kommt mit Abwrackprämien um die Ecke, die gefälligst gleich gezahlt werden müssen, damit die immer noch geschockten Menschen sich erst einmal ein paar neue fahrbare Untersätze zulegen, als ob sie nichts Besseres zu tun hätten. Schließlich sei doch die Feinstaubbelastung während des Lockdowns nicht geringer geworden, was zu beweisen scheint, dass ihre Dreckschleudern wenigstens daran nicht schuld sind. Die Kaufhäuser, die sich, wie Karstadt und Kaufhof, schon vor der Krise in gewaltiger Schieflage befunden haben und nur unter Auflagen fusionieren durften, drohen mit den Schließungen, die ohnehin unumgänglich gewesen wären. Der stationäre Handel, der die Digitalisierung komplett verpasst hat, verlangt jetzt Hilfen, die er nicht brauchen würde, wenn er sich in den letzten Jahren schon modernisiert hätte. Die Systemgastronomieketten, die ihren immergleichen Fraß in jeder Stadt in die zunehmend widerwilliger reagierenden Mäuler ihrer Kunden gestopft hatten und sich schon vor der Krise in der Krise befanden, verlangen ebenfalls Hilfen für ihre schon lange nicht mehr zeitgemäßen Konzepte. Das gilt genauso für die Shopping-Malls, diese Krebsgeschwüre der geschwächten Innenstädte, deren Mieter ebenfalls schon vor Corona in Scharen das Weite gesucht hatten, weil die Kunden lange genug kein Interesse mehr an den austauschbaren architektonischen Bausünden zeigten, die in jeder Stadt nahezu identisch aussehen, sodass du in Magdeburg in die Filiale irgendeiner Kette hinein gehst und nicht erstaunt wärest, wenn du in Erfurt oder Leipzig oder München wieder herauskommen würdest und den Unterschied erst bemerkst, wenn zuhause der Schlüssel nicht mehr passt.

Kurz, jeder Versager aus der Wirtschaft hat endlich eine wohlfeile Ausrede und klagt eine Systemrelevanz ein, die er gewiss nie hatte und auch nie haben wird. Aber da es alle so machen, fällt es nicht auf, dass niemand genau weiß, wovon da überhaupt geredet wird. Wichtig ist nur, dass es Geld gibt. Die Lufthansa zum Beispiel verlangt eine Summe, die umgerechnet für jeden Mitarbeiter 65.000 Euro bedeuten würde. Diese werden das Geld aber nie sehen, da es dort versickert, wo es schon immer hingekommen ist, nämlich in den Taschen der Aktionäre und des Managements. Als ob irgendjemand die Lufthansa vermissen würde. Und ein umweltgerechter Umbau ist das letzte, was ein solcher Konzern in die Tat umsetzen würde, außer er wird mit neuen und weiteren Fördergeldern dazu quasi gezwungen.

Also, wie sieht es mit dieser Systemrelevanz nun aus? Aus alten, überholten Strukturen scheint dieses merkwürdige, obskure und undefinierte System zu bestehen. Ist es also eigentlich nur eine seltsame alte Konstruktion, die nicht grundlegend saniert, sondern nur ein wenig neu gestrichen wird, um bis in alle Ewigkeit so wie bisher weiter zu funktionieren? Oder ist nicht einmal die Funktion klar? Und bedeutet Relevanz in diesem Fall nur, dass es ein wenig neuen Wein in den alten Schläuchen gibt, deren Löcher mühsam gestopft werden. Aber der Wein ist ohnehin längst Essig und bestenfalls für den Salat relevant. Da haben wir den Salat.

Vielleicht wird es ein wenig klarer, wenn wir uns ansehen, was am allerwenigstens systemrelevant zu sein scheint, also was als letztes wieder öffnen darf. Da haben wir zum einen die Bühnen und Konzerthallen und schließlich, noch dahinter, die Bars und ganz am Ende die Clubs. Also Musik hören, Trinken und Tanzen ist nicht systemrelevant. Und das ist mir ungeheuer sympathisch. Denn, wenn ich eines niemals sein wollte, dann das, systemrelevant. Ich wollte immer Sand im Getriebe sein, Störfaktor in der großen Maschine, dysfunktional. Ich wollte immer etwas machen, dass sich nicht leicht einordnen und verwerten lässt, vorsätzlich wertloses produzieren, nichts Bleibendes hinterlassen. Tanzen und Trinken also ist es, was dieses System sprengt. Schade, dass ich in beidem nicht besonders gut bin. Aber ich weiß jetzt wenigstens, was ich tun kann, um diese verdammte Relevanz zu vermeiden.

Und, liebe Kabarettkollegen, seid mir nicht böse, wenn ich ein wenig erstaunt bin, wie sehr viele von euch nach dieser Relevanz streben. Schließlich habt ihr dieses System doch bisher immer mehr oder weniger heftig kritisiert. Und als scharfe Kritiker wollt ihr euch diese Kritik von dem kritisierten System nun auch noch bezahlen lassen. Mindestens ein angemessenes Ausfallhonorar soll es sein für die Zeit, in der ihr nicht arbeiten konntet. Ich verstehe das schon, schließlich wollt ihr auch nur von eurer Arbeit leben. Aber wenn ihr kein Sand mehr seid, sondern Öl, dann hat euch das System am Ende instrumentalisiert. Das ist nicht verwerflich, aber eben vor allem eins, bezeichnend. Ihr haltet das System am Laufen. Und damit seid ihr nicht mehr relevant, außer für das System.

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