Montag, September 26, 2022
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StadtMensch: Kinderbücher und andere Aufreger

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Lars Johansen

Was ich als Kind gelesen habe, das muss ich als Erwachsener nicht mehr mögen. Oder ich mag es immer noch, weil ich vielleicht nie so ganz erwachsen geworden bin. Immer wenn ich Menschen meines Alters treffe, die von den Büchern um Harry Potter sehr begeistert sind, dann freue ich mich, dass sie gerne zu lesen scheinen und denke trotzdem bei mir, dass es doch eigentlich „nur“ Jugendbücher sind, die „man“ jetzt nicht mehr liest. Aber wie die Anführungszeichen zeigen, sind das nur Gedanken, die mir manchmal durch den Kopf gehen. Ich behalte das zum einen für mich und zum anderen weiß ich um meine Vorlieben bei Literatur und da sind einige Werke dabei, über deren Lektüre ich möglicherweise öffentlich richten würde, obwohl ich sie gerne mag. Es ist eben schwierig.

Noch schwieriger wird es, wenn Ideologien aufeinandertreffen. Die ganze Diskussion um Karl May beispielsweise war eine reine Inszenierung einer großen deutschen Boulevardzeitung. Da wurde nicht recherchiert, sondern vorverurteilt, behauptet und zusammen gemengt. Das Ergebnis dieser Denkfaulheit wurde dann zum allfälligen Einwerben von Klicks auf ebendiese Artikel im Internet verwendet. Man bezeichnet diesen Vorgang auch gerne als Clickbaiting. Eine Nullmeldung mit einer martialischen Überschrift vermag mehr Leser zu generieren als eine seriös und aufwändig recherchierte Reportage. Auch ich falle regelmäßig darauf herein, obwohl ich mich für einigermaßen resilient halte. In diesem Fall sah ich nur staunend dabei zu, wie sich eine Verteidigungslinie für Karl May aufbaute, der gar nicht angegriffen worden war. Denn eigentlich ging es um einen Verlag, der Kasse machen wollte, indem er ein von Lohnschreibern schnell zusammengeschmiertes Buch zu einem mittelmäßigen Kinderfilm auf den Markt warf. Darauf soll es Reaktionen gegeben haben, die der Verlag zwar behauptete, aber nie verifizierte. Hatte vielleicht nur ein empörter Lehrer, es sind immer Lehrer oder Lehrerinnen, dort angerufen oder gemailt? Wir werden es nie erfahren, denn auch auf Nachfrage gab es keine Informationen von Seiten des Verlages, welcher sich ohnehin sehr bedeckt hielt, was den konkreten Vorgang betraf. Die diffuse Mitteilung, aufgrund von Protesten würde man das Buch zurückziehen, ist alles, was sich dazu finden lässt. Aber nun brach ein Sturm los und auf einmal ging es um Karl May, obwohl der Film zwar eine Figur namens Winnetou auffuhr, die aber nur sehr bedingt mit den Filmen aus den 60er-Jahren und überhaupt nichts mit den Büchern Mays zu tun hatte.

Aber manchmal muss man eben einen Nebenkriegsschauplatz aufbauen, wenn ein intelligentes Gespräch über Kultur nicht mehr möglich ist. Kulturelle Aneignung ist ein Stichwort, das in so einem Zusammenhang gerne mal fällt und der Diskurs darüber wird dann so lange simplifiziert bis als Botschaft nur noch übrig bleibt, dass das eigene Kind nicht mehr als Indianer zum Fasching gehen darf. Das hat zwar niemand gesagt, genau so wenig übrigens wie die alten Winnetou-Filme nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen dürfen. Das tun sie in der ARD schon seit zwei Jahren nicht mehr und niemand scheint sie vermisst zu haben, doch das ZDF möchte sie wieder zeigen. Also könnte alles gut sein, aber wenn der Furor tobt, dann richtig. Auf einmal zeigte jeder seine Karl-May-Bücher vor und dass man sie immer wieder lesen würde und jetzt erst recht im Widerstand gegen die finstere Unterdrückung durch junge, politisch überkorrekte Widerlinge. Als ob irgendjemand die Bücher noch zum Feierabend zur Hand nehmen würde, posierte ein Volk von Literaturkritikern mit den Werken aus ihren Bücherschränken. „Wir lassen uns das Lesen nicht verbieten“, so klang es durch die Straßen, als würde ein übermächtiger Staat, die rotgrüne Diktatur, den armen Menschen, die es sich nicht einmal mehr leisten können, zu heizen, jetzt auch noch das Lesen verbieten. Das kannten wir noch, weil uns als Kindern das Lesen unter der Bettdecke von den Eltern verboten wurde. Und so wurden wir wieder zu den Kindern von damals, die sich endlich gegen die Eltern wehrten.

Dabei eignet sich gerade Karl May nur schwer für so einen Kulturkampf. Der von mir hochgeschätzte Arno Schmidt hatte sich ja bei dem monumentalen Werk „Sitara und der Weg dorthin“ bei dem Versuch verhoben, May mit Freunds Psychoanalyse zu interpretieren. Er versuchte, den Autor zum Schwulenfeind zu erklären, der mit seiner eigenen Sexualität große Probleme gehabt hätte, was ja auch die große Zahl von transsexuellen Figuren in seinen Romanen, wie zum Beispiel Tante Droll und andere, deutlich beweisen würden. Bewiesen hat er damit nur seine eigene Verklemmtheit und eigentlich schätzte er May sehr, wie sein Freund Hans Wollschläger bewiesen hat. Viel interessanter in diesem Zusammenhang ist, dass May ein Zensurfall in der deutsch-deutschen Geschichte ist. Denn die ost- und westdeutschen Ausgaben unterschieden sich teilweise beträchtlich voneinander, vollständig waren beide nicht und erst eine von Wollschläger mitverantwortete Gesamtausgabe aus den 80er-Jahren vermochte wieder den originalen May zu Wort kommen zu lassen. Als Beispiel möge hier die Figur des Klekih-petra dienen, welcher bei den Apachen lebte und Winnetous Lehrer war. Dieser war ein Deutscher, der nach der Revolution von 1848 nach Amerika auswanderte. In den DDR-Ausgaben war das wegen der gescheiterten Revolution passiert, in den westdeutschen, weil es die Revolution überhaupt gegeben hatte. Die Wahrheit bei May lag irgendwo in der Mitte und war nicht so leicht wie man es sich von offizieller Seite gewünscht hatte. Deshalb wurde gepanscht und zensiert, in beiden Teilen Deutschlands. Aber deshalb regt sich niemand auf, denn das hätte ja Substanz. Wenn wir uns heute erregen wollen, dann muss es auch um nichts gehen dürfen. Und das ist sehr schade.

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