StadtMensch: Kultur vergessen von Lars Johansen

Irgendwie will heute jeder unbedingt Teil der Kultur sein. Von der Esskultur ist es ein kurzer Weg zur Einkaufskultur und irgendwann ist der Begriff so verwässert, dass alles gemeint sein könnte. Ganz wichtig dagegen und gerne unterschätzt ist die Clubkultur. Das hängt natürlich damit zusammen, dass es immer noch einen eher konservativen Kulturbegriff gibt, der Jugendkultur zum einen gerne ausschließt. Zum anderen wird gerne vergessen, dass Clubkultur längst nicht mehr nur Jugendkultur darstellt.

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Ich erinnere mich daran, als ich 1994 noch neu in der Stadt war, gerade mal 30 Jahre alt und Besuch von einem gleichaltrigen Freund bekommen hatte. Der Taxifahrer, der uns beide fuhr, bedauerte uns ein wenig, denn für die Disco wären wir ja nun wohl zu alt. Selten habe ich mich so alt gefühlt wie damals. Aber er hatte natürlich nicht ganz unrecht. Heute ist es in dem Alter eher unproblematisch, in Clubs aufzuschlagen, denn zum einen ist die klassische Diskothek nicht mehr exis-tent und zum anderen haben sich Altersgruppen verändert. Popkultur ist heute zu etwas geworden, was man viel länger leben kann und auch wenn ich persönlich es eher seltsam finde, dass 80-jährige Männer auf der Bühne Popmusik spielen, würde Mick Jagger vermutlich grinsen, den Rollator abstellen und ans Mikrophon sprinten. Und er hätte natürlich Recht.

Zum anderen hat sich der Kulturbegriff eben doch gewandelt. DJs legen nicht einfach nur Platten auf, obwohl es das sicherlich auch noch gibt, sondern kreieren mit einer Menge Techniken eigene Musikkunstwerke, die zwar vorhandene und fremdkomponierte Musik beispielsweise als Samples recyceln, aber durchaus Eigenständigkeit beweisen. Niemand würde einem Sänger absprechen, ein Künstler zu sein, nur weil er die Kompositionen anderer singt, oder einem Schauspieler unterstellen, dass er nur fremde Texte aufsagt und damit nicht eigenständig durch seine Interpretation etwas Neues, Einmaliges schafft. Und Clubkultur ist nicht nur bei den jungen relevant, sondern mindestens bis zur Midlifecrisis.

Trotzdem sind die Clubs, mindestens in Magdeburg, immer noch geschlossen. Es gibt zwar erste Pläne, sie wieder zu öffnen, aber die gehen zum einen, und das ist wirklich interessant, vom Wirtschaftsministerium aus, und zum anderen sind sie noch nicht weit gediehen. Leider hat sich die Staatskanzlei, welche hierzulande für die Kultur zuständig ist, hier bisher wenig engagiert. Immerhin findet langsam ein Umdenkprozess statt. So hatte der Kulturstaatssekretär vor ein paar Wochen auf die Frage, was denn mit der Clubkultur sei, eher ahnungsarm reagiert. Er ging von Jugendclubs, also vermutlich soziokulturellen oder Jugendzentren aus. Auf den Hinweis, was wirklich gemeint sei, sprach er von „Tanzvergnügen“ und dass dieses weiterhin nicht erlaubt sei. Bei solchen Worten denke ich an meine Mutter, die mittlerweile über 80 Jahre alt ist und gerne von „Beatmusik“ spricht, weil Popmusik in den 60ern so genannt wurde. Immerhin ließ sich der Staatssekretär davon überzeugen, noch einmal darüber nachzudenken.

Menschen mit eher konservativen Kulturbegriffen tun sich schwer damit, alternative Kunstformen ernst zu nehmen. Der ehemalige Kulturbeigeordnete, ein ausgewiesener Experte für Kaiser Otto und die mittelalterliche Kultur, der für jeden Steinbro-cken aus dem ottonischen Zeitalter heldenhaft gekämpft hätte, ließ die Aerosolarena kampflos aus der Stadt verschwinden, obwohl sie Teil der Kulturhauptstadtbewerbung gewesen war. Der Wert der Graffitikunst war ihm in keiner Weise bewusst, Künstler wie Harald Nägeli (der mittlerweile auch schon 80 Jahre alt ist) oder Banksy, deren Kunstwerke auf dem freien Markt mittlerweile hohe Preise erzielen, gehören, vermutlich, nicht in seine Vorstellung von ernsthafter Kultur. Ohnehin hielt sich der Widerstand gegen die Schließung eines mindestens national bekannten Kunstortes in engen Grenzen. Schnell war ein neuer Betreiber gefunden und irgendwie würde es schon weiter- gehen. Wenn jemand auf die Idee käme, einen Placido Domingo oder José Carreras durch Dieter Bohlen zu ersetzen, würde es zu Recht einen Aufschrei geben, hier blieb er aus. Graffiti gelten immer noch als Schmierereien, was sie, wenn es sich nicht um reine Tags, also Namenszüge, handelt, wahrlich nicht sind. Und auch diese können überaus kunstvoll sein, nicht umsonst gelten Kalligraphen als Künstler.

Als die Stadt Geld für die von Corona gebeutelten Künstler in die Hand nahm, bekamen die Clubbetreiber erst auf Nachfrage davon etwas ab, nachdem sie zuerst zurückgewiesen worden waren. Die freie Kulturszene musste hier der Politik ein wenig Nachhilfe geben, um das zu ändern. Dass es sich änderte, ist immerhin ein Fortschritt. Und als die Landesregierung ein erneutes Stipendienprogramm für Künstler initiierte, war zum einen die Überraschung groß, dass diese kaum Anträge stellten, weil viele von dem Bewerbungsprocedere schlicht überfordert, erschöpft oder enttäuscht waren. Zum anderen wurde mindestens ein Antrag aus der Clubszene erst einmal zurückgewiesen. Aber auch hier kam es zu einer Aussprache und möglicherweise ändert sich das. Es sind kleine, aber wichtige Schritte. Doch erst, wenn die Initiative, Clubs wieder zu öffnen, nicht nur vom Wirtschafts-, sondern auch vom Kultur- und nicht zuletzt auch vom Sozialministerium ausgeht, dann wird die Clubszene vielleicht als das erkannt, was sie schon länger ist: Unersetzbar für die Kultur eines Landes, aber auch für das soziale Miteinander. Und darum ist es ein wichtiger Baustein für eine Normalisierung der Verhältnisse, dass die Clubs ernst genommen und, wenn sie auch weiterhin nicht öffnen können, wenigstens angemessen dafür entschädigt werden.

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