StadtMensch Lars Johansen: Am Ende allein

Mich haben die Bilder vom Kapitol in den vergangenen Tagen nicht, wie so viele, an die Machtübernahme im dritten Reich erinnert. Denn dort übergaben die demokratischen Parteien den Nazis überraschend friedlich die Macht, weswegen man heute auch eher von einer Machtübergabe spricht. Und dann wurde es für die folgenden zwölf Jahre sehr dunkel. Das war jedoch kein Betriebsunfall in der deutschen Geschichte, sondern eine folgerichtige Fortschreibung der gesellschaftlichen Entwicklung jener Tage. Die Konzentrationslager stellten daher auch eigentlich keine Überraschung dar, sondern ergaben sich letztendlich als Konsequenz aus den Ankündigungen von Hitler. Wer dessen „Mein Kampf“ gelesen hatte, der ahnte nicht nur, sondern wusste, was geschehen würde. Ein Band mit Hitlers Reden lag immer auf dem Nachttisch von Donald Trump. So berichtet es jedenfalls seine Ex-Frau Ivana.

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Mich erinnerten die Bilder aber nicht an den Reichstag 1933, sondern viel eher an ein Ereignis, welches in diesen Tagen ziemlich genau 40 Jahre alt wird. Es war im Februar des Jahres 1981, als ein spanischer Obrist namens Tejero zusammen mit einem Trupp der Guardia Civil auf einmal im spanischen Parlament auftauchte, ein paar Maschinenpistolensalven in die Decke des Hohen Hauses abgab, die Politiker als Geiseln nahm und einen Putsch des Militärs verkündete. Fünf Jahre vorher war der Generalissimo Franco verstorben und seine Nachfolge hatte ein junger König namens Juan Carlos angetreten. Doch dieser, ein Zögling des Diktators, hatte seinerzeit etwas Außergewöhnliches getan. Er setzte nämlich die Demokratie durch und beendete damit eine faschistische Militärdiktatur, die das Land nahezu 40 Jahre beherrschte. Das hatte wirklich niemand von dem jungen Monarchen erwartet. 1978 kam es zum ersten Putschversuch, der kläglich scheiterte, aber dessen Protagonisten, darunter auch Tejero, nur zu lächerlich kleinen Strafen verurteilt wurden. Nun schien es gefährlicher zu sein. Die Situation stand kurzzeitig auf der Kippe. Vielleicht zögerte Juan Carlos einen Moment zu lange, vielleicht aber auch nicht, auf jeden Fall machte er sehr deutlich klar, dass er nicht für eine Führungsrolle in einer neuerlichen Diktatur bereit stünde. Daraufhin verließ das Militär seine Kasernen nicht, Tejero und seine Mitverschwörer gaben auf und die junge Demokratie war gerettet. Ich erinnere mich an die Bilder, die damals verschwommen durch unsere Nachrichtensendungen flimmerten und ich fand das Standvermögen des Königs heldenhaft. Wenn ich heute Bilder vom gealterten Juan Carlos sehe, von seinen Geldgeschäften, Frauengeschichten und dem erzwungenen Rücktritt lese, dann ist das für mich ein anderer Mensch. Ich bringe den alten und den jungen König nicht zusammen zu einer Figur. Das ist einerseits tragisch, aber auf der anderen Seite eben auch ein vielschichtiges Leben, dessen einzelne Facetten nicht immer in Einklang zu bringen sind.

Die Ereignisse in Washington auf dem Kapitol jedenfalls schienen ein wenig die Wiederholung des spanischen Putschversuchs, aber als Farce, zu sein. Vierzig Jahre später sind es keine Soldaten, sondern ein Haufen verrückter, entschlossener Wutbürger, die es wirklich blutig ernst meinen, aber nicht einmal ansatzweise in der Lage sind, abzuschätzen, was ihr Handeln bewirkt und was sie tatsächlich getan haben. Es sind Erwachsene, die nie richtig erwachsen geworden sind, sondern im Stadium pubertierender Jugendlicher verharren. Sie verstehen vermutlich nicht einmal, was da geschehen ist, denn sie sind ja nicht alleine auf die Idee gekommen, es ist Trump selber, der sie an diesem Tag (und an so vielen davor) aufgeheizt hat. Er sagte kurz vorher zu ihnen, dass sie das Kapitol besetzen sollten und, vor allem, dass er bei ihnen wäre. Das war er aber nicht. Er ließ sie losziehen und verschwand in sein Weißes Haus, um sich die Bilder aus dem Parlament im Fernsehen anzuschauen. Es war doch nur eine weitere Folge seiner Reality-Show, die diesmal, die Einschaltquote muss schließlich stimmen, dramatisch zugespitzter war als sonst. Und wenn alles von den Technikern, der Redaktion und der Sendeleitung erledigt worden war, würde er auftauchen und, wie in den guten alten Fernsehzeiten, zu Joe Biden „You are fired“ sagen, gespielt böse schauen und dann würden die Leute lachen und applaudieren und die Show wäre vorbei. Immerhin hatte er dafür einen Stern auf dem Hollywood-Boulevard bekommen. Fast wie der spanische König würde er dann alle aufgebrachten Gemüter beruhigen und die Show eine weitere Spielzeit bekommen. Vielleicht war es das, was ihm durch den Kopf ging, die marodierenden Massen von Putschistenparodisten jedenfalls taten nur, wie ihnen geheißen wurde.

1961, zwanzig Jahre vor dem spanischen Putschversuch und 60 Jahre vor der Parodie darauf, gab es in den USA das berühmte Milgram-Experiment des gleichnamigen Psychologen. Den Teilnehmern wurde suggeriert, dass sie Menschen Stromschläge verpassten, die möglicherweise bleibende Schäden hinterlassen oder gar den Tod bewirken könnten. Aber ein Wissenschaftler erklärte ihnen, sie müssten sich nicht sorgen, weil er die Verantwortung dafür übernehmen würde. Nahezu alle gaben diese gerne und bereitwillig ab und taten, wie ihnen geheißen wurde, obwohl sie sehen konnten wie die Opfer (von Schauspielern sehr realistisch dargestellt) litten. 2021 funktionierte es in Washington im Parlament genau so. Nur übernahm der Verantwortliche keine Verantwortung und die Toten waren genauso echt wie der Schaden für die amerikanische Demokratie. Trump kann schon lange nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, für ihn ist alles eins: Wie ein Nero vor dem brennenden Rom, ein alter Mann im Führerbunker, alleine, verrückt und letzte Anweisungen murmelnd, bevor es vorbei ist. Beinahe, aber nur beinahe, könnte ich fast etwas Mitleid mit ihm haben.

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