Freitag, Juli 1, 2022
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StadtMensch – Lars Johansen mit Verantwortung in dieser Zeit

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Was bedeutet das eigentlich, Verantwortung zu übernehmen? Ist das überhaupt noch zeitgemäß? Das sind die Fragen, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich jetzt einen Supermarkt betrete und feststellen muss, dass Klopapier, Nudeln, Mehl und Mineralwasser in viel zu großen Mengen weggekauft worden sind. Einen Mundschutz zu bekommen, ist zu einem Abenteuer geworden. Dabei sollen doch nur Infizierte einen solchen tragen, um andere nicht anzuste-cken. Und wenn es in unserem Bundesland an etwas fehlt, dann an Infizierten. Verantwortung heißt hier schlicht, mit Augenmaß einzukaufen. Das bedeutet nicht einmal eine Einschränkung, sondern hat auch etwas mit Empathie zu tun, wenn ich nicht alle Flaschen mit Desinfektionsmittel mitnehme, sondern nur die, welche ich auch wirklich benutze. Genau so unnötig ist es natürlich, jeden, der in größeren Mengen einkauft, anzugehen, denn es soll doch tatsächlich noch Großfamilien geben und die brauchen nun einmal mehr als die handelsüblichen Mengen. Verantwortung bedeutet eben auch, dass ich meine Maßstäbe an mich und andere immer wieder überprüfe.

Aber es geht ja nicht nur um Krankheiten. Wenn in Magdeburg ein Kulturort wie die Aerosolarena schließt, dann sind natürlich in erster Linie die Betreiber selber dafür in der Verantwortung. Aber wenn es ein Baustein für die Kulturhauptstadtbewerbung ist und sich die Kulturbürokratie ihrer Mitverantwortung dafür entzieht, dann ist das alleweil bedenklich. Klar, Künstler sind manchmal schwierig im Umgang, aber das gehört zu Grenzüberschreitungen, und das ist Kunst nun mal, dazu. Und wenn die Verwaltung damit überfordert ist, dann ist das zu konstatieren und zu hinterfragen.

Die Übernahme von Verantwortung ist auch eine langfristige Verpflichtung. Sie sollte nicht am ersten (erwartbaren) Hindernis enden. Ein eigentlich erfahrener Fußballtrainer wie Jürgen Klinsmann zum Beispiel, der kurzfristig einen Trainerjob in Berlin übernahm und in der Winterpause für eine Summe Spieler einkaufen konnte, die bei anderen Vereinen für ein paar Spielzeiten reichen muss, tritt schon bei eher überschaubaren Problemen nach ein paar Wochen im Amt öffentlichkeitswirksam zurück – und in den sozialen Medien dann auch noch gegen den gesamten Verein nach. Täusche ich mich, oder nehmen solche Vorgänge zu? Wenn die eigene Work-Life-Balance wichtiger ist als die übernommene Verantwortung, dann gibt es ein Problem. Schließlich hatte sich der Trainer die Arbeit dort ausgesucht und grundsätzlich gewusst, auf was er sich einlässt. Und wenn er es nicht gewusst hat, dann ist er für die Arbeit nicht unbedingt gut geeignet. Zugegeben, ich verstehe nichts von Fußball und urteile nur von außen. Ich mag mich irren, aber der Eindruck, der bleibt, ist kein guter.

Und wenn die Vorsitzende einer großen Volkspartei beim ersten richtigen Gegenwind zurücktritt, dann wird dadurch die Krise, welche eine Krise des gesamten politischen Systems ist, nicht entschärft, sondern beflügelt. Denn dadurch wird das zunehmende Misstrauen gegenüber dem aktuellen politischen Personal nicht geringer. Natürlich haben sich Wahlergebnisse verändert, die Bindungsbereitschaft der Wähler an eine oder zwei große Parteien ist kleiner geworden und den Volkswillen adäquat umzusetzen, ist gewiss alles andere als leicht. Aber auch wenn es schwierig scheint, um so interessanter ist die Aufgabe, die disparaten Zielgruppen zu bedienen. Da kann es eben auch mal wechselnde Mehrheiten geben, Demokratie muss immer wieder, und heute mehr als noch vor ein paar Jahren, erkämpft und ertrotzt werden, auch und gerade weil sie im Osten erst 30 Jahre alt ist. Volksherrschaft bedeutet nun einmal, dass wir, das Volk, die Regierungsverantwortung selber tragen. Wir können sie delegieren, aber wer das System in Frage stellt, handelt verantwortungslos.

Das bedeutet auch, nachzudenken, bevor man zum Beispiel etwas in den sozialen Medien schreibt und dann auch hier mit Augenmaß vorzugehen. Schnell wird spekuliert, ohne das nötige Fachwissen oder auch nur die Grundkenntnisse über die Thematik zu besitzen. Wissen Sie wirklich, was in Syrien passiert? Wer dort gegen wen kämpft? Und wenn die Zivilbevölkerung aus den Kampfzonen flieht, dann sollte man genug Empathie aufbringen, um zu verstehen, dass es um das nackte Überleben geht. Ich muss nicht jeden mögen, der dem Tod entronnen ist, aber ihn, ohne ihn zu kennen, zurückzuweisen, ist nicht besonders verantwortungsvoll. Denn wir haben nun mal eine Geschichte, die vor gerade einmal 80 Jahren Millionen von Menschen, die einen anderen Glauben hatten, in die Emigration zwang, weil sie, wie Millionen anderer auch, sonst umgebracht worden wären. Wenn jemand darauf beharrt, deutsch und damit besonders zu sein, dann gehört es auch dazu, die Verantwortung für diesen Teil der Geschichte zu übernehmen. Und wenn jemand eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordert, dann will er sich aus dieser Verantwortung stehlen.

Schon ist die Verantwortung groß geworden, global sogar, wenn wir an den Klimawandel denken, für den wir durch unser Leben eben auch verantwortlich sind. Natürlich kann man ihn leugnen oder klein reden, aber es ist wie mit den Waffen, die wir in Krisengebiete liefern, letztendlich entscheiden wir über Schicksale und die Zukunft der Welt. Flüchtlinge kommen aus diesen Gründen zu uns, und sie zurückzuweisen, bedeutet eben auch die Verantwortung dafür zurückzuweisen.

Ob wir es mögen oder nicht, wir tragen Verantwortung. Es ist nicht einfach, keine Frage. Aber besser ist es, sie anzunehmen, als sie schnell los werden zu wollen. Denn wenn dir ein Populist die Verantwortung ohne viel Fragen abnehmen will, dann überlege gut, was du damit noch alles abgibst. Ohne Verantwortung zu sein, das bedeutet eben immer auch unverantwortlich zu sein.

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