StadtMensch Lars Johansen: Rasse gibt es nur in der Terrasse

Im Moment zeigen alle gerne pikiert mit den Fingern auf die Amerikaner, weil es dort so viel Rassenhass gibt. Das ist angenehm weit weg und betrifft uns mithin nur peripher. Aber so bequem das auch scheint, so verlogen ist es gleichzeitig. Das beginnt schon mit dem Begriff der „Rasse“, der sich zwar immer noch im Grundgesetz befindet, aber nichtsdestoweniger trotzdem grundfalsch ist. Rassekaninchen und Rassehunde mag es geben, beim Menschen verbietet sich dieser Begriff von alleine.

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Der weiße Mitteleuropäer ist ein Zufallsprodukt der Evolution und nicht, wie er nimmermüde betont, Teil einer überlegenen Rasse. Wir haben hier über viele Jahre durch das milde Klima Haare und Farbe eingebüßt, unterscheiden uns aber ansonsten nur sehr bedingt vom Rest der Welt. Niemand würde bei zwei Zwergpudeln von unterschiedlichen Rassen sprechen, beim Menschen hingegen tut man es in widersinniger Weise bis heute. Wenn es aber keine Rassen gibt, dann kann es also eigentlich auch keinen Rassismus geben. Aber so wie sich der Niederbayer gerne vom Oberfranken unterscheiden möchte, der Hallenser vom Magdeburger und der Sudenburger vom Lemsdorfer, der Punk vom Rocker und der Veganer vom Vegetarier, muss man notfalls Unterschiede konstruieren, um welche zu haben. Und je älter diese Konstrukte sind, um so haltbarer sind sie auch.
Im Hamburger Zoo Hagenbeck wurden noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Afrikaner zusammen mit den Tieren ausgestellt. Das passierte auch, nebenbei gesagt, mit Menschen mit Behinderungen, die weltweit in so genannten Freakshows über die Jahrmärkte tingelten. Das scheinbar andere, die scheinbare Abweichung von einer willkürlich gesetzten Norm, wurde gerne beglotzt und damit ausgegrenzt. Das diente auch zur Selbstvergewisserung der Schauenden, die sich auf der „richtigen“ Seite wähnten, obwohl sie dessen gar nicht so sicher sein konnten. Abgrenzung stärkt immer auch das eigene Selbstbewusstsein. Und wenn es keine Unterschiede gibt, dann muss ein Trikot, eine Fahne oder eine Religion her, um Konstrukte zu schaffen, die, gerne auch mit Gewalt, gegen „Andere“ verteidigt werden. Herrschende können sich so länger an der Macht halten, soziale Ränge konstruiert, fest zementiert und sogar Haar- und Augenfarben instrumentalisiert werden.

Das ist nicht erst seit gestern so, sondern seit jeher wird der Streit um die besten Futterplätze mit allen Mitteln ausgetragen. Eigentlich müssten alle gleichzeitig fressen. Aber da kommt der genetisch bedingte Egoismus ins Spiel, denn wer mehr und besseres frisst, lebt länger und gesünder. Also versucht jeder, dieses Ziel zu erreichen. Die größten Egoisten stehen daher meist in der Fresskette ganz am Anfang. Die scheinbare Überlegenheit ist darum eigentlich nur ein Übermaß an schlechtem, für die Gemeinschaft schädlichem Benehmen. Rassisten mangelt es demnach schlicht an Gemeinsinn. Weil das aber nicht unbedingt vorteilhaft wirkt, müssen Konstruktionen her, die schlechtes Benehmen zur Norm erklären und Überlegenheit konstruieren, wo es nur um blanken Egoismus geht.
So kamen in den vergangenen Jahrhunderten Rassetheoretiker und Philosophen (darunter sogar Immanuel Kant, der am Mythos der Überlegenheit einer bestimmten Hautfarbe mitstrickte) ins Spiel, die im Auftrag der Herrschenden deren Herrschaft zementierten, indem sie ihnen und ihren Gefolgsleuten eine gewisse Überlegenheit andichteten. Die Gottkönige regierten bis ins 18. Jahrhundert, Monarchien gibt es bis heute und die Demokratie setzte sich nur langsam durch. Aber auch in dieser wurden wieder Unterschiede gemacht, Völker oder Nationen kreiert, Erbfeinde zusammenfabuliert und Kriege und Konflikte geschürt, um den gemeinen Bürger davon abzuhalten, die neuen Herrschaftsformen genauer zu hinterfragen. Jedes System konstruiert scheinbar naturgegebene Hierarchien neu oder übernimmt alte und bewährte Stereotypen, um eine Mehrheit hinter sich zu bekommen, die bereit ist, diese künstlichen Gebilde als einzige Wahrheit zu akzeptieren.

Und wir gehen ihnen immer wieder gerne auf den Leim, weil es einfach bequemer ist, nicht alles permanent zu hinterfragen. Ich nehme mich da nicht aus. Ich bin mit Stereotypen aufgewachsen, die ich bis heute verinnerlicht habe. Das Andere wird erst einmal nicht als Bereicherung, die es aber eigentlich ist, sondern als Bedrohung wahrgenommen, die mir etwas wegnehmen will. Dabei bin nicht ich es, dem etwas genommen wird, sondern denjenigen, die sich in diesem System sehr gut eingerichtet haben und zuerst an den Futternäpfen sind. So lange Gast- oder Fremdarbeiter aus anderen Ländern das System klaglos am Laufen hielten, weil sie benötigt wurden, waren sie, wenn auch nicht wirklich willkommen, wenigstens geduldet, natürlich am Ende der Hierarchie. Als sie, aufgrund ökonomischer Veränderungen, zum einen nicht mehr benötigt wurden und zum anderen in der zweiten Generation mehr als berechtigte Ansprüche zu stellen begannen, wurden sie als Konkurrenz instrumentalisiert und damit scheinbar zu einer Gefahr für das Gemeinwohl.

Wenn wir uns eingestehen, dass das nur ein Konstrukt ist und die Gemeinsamkeiten bei weitem größer als die Unterschiede sind, und wenn wir bereit sind, künstliche Hierarchien zu erkennen und zu dekonstruieren, dann werden wir der (nicht nur) kulturellen Bereicherung gewahr und dann werden endlich die als anders wahrgenommen, die sich tatsächlich an uns bereichern. Und dann erkennen wir, dass es zum Beispiel nicht die Roma in der Magdeburger Neuen Neustadt sind, die das Problem bei Corona darstellen, sondern die sozialen Zustände, die dafür sorgen, dass ausschließlich der Reichtum Weniger und die Armut Vieler solche Seuchen befeuern, ja sogar die eigentliche Ursache dafür sind.

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