StadtMensch Lars Johansen: Über Respekt

Vor 50 Jahren kniete ein deutscher Bundeskanzler in Polen nieder. Eigentlich sollte er nur einen Kranz niederlegen, ein wenig den Kopf senken und dann zur Tagesordnung übergehen. Aber er entschied sich anders. Der Kniefall war ein spontaner Akt, keine Schar von PR-Mitarbeitern hatte die Idee gehabt, nichts war choreografiert, sondern es geschah einfach, weil Willy Brandt es für notwendig hielt, sich bei dem ganzen polnischen Volk zu entschuldigen. Dabei war er selber ein Opfer der Nationalsozialisten gewesen, er trug gewiss zuletzt irgendeine Schuld an den Dingen, die geschehen waren. Aber trotzdem nahm er in dem Moment ganz persönlich die Verantwortung für diese Schuld an. Die Ikonografie dieser nicht inszenierten Szene ging gerade deswegen um die Welt und in die Geschichte ein. Der kalte Krieg, der damals noch herrschte, wurde dadurch, und die ein Jahr vorher ebenfalls von Brandt begonnene sogenannte Neue Ostpolitik, langsam in eine Entspannungsphase übergeleitet, die schließlich, fast 20 Jahre später, in der Wiedervereinigung mündete. Es war eine Geste, die Respekt abnötigte, ein Respekt, der verdient und nicht eingefordert war. Ein Jahr zuvor hatte Brandt in der ersten sozialdemokratisch geführten Regierung der Nachkriegszeit den Posten des Bundeskanzlers übernommen. Davor hatte er, bis 1966, als regierender Bürgermeister in Westberlin gearbeitet. Seine Vorgänger dort waren Menschen wie Otto Suhr, der sich im aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten engagierte oder Ernst Reuter, der 1935 Deutschland verlassen hatte, nachdem ihn eben diese Nazis erst seines Amtes enthoben und dann in ein Konzentrationslager gesperrt hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er, seit 1931, den Posten als Magdeburger Oberbürgermeister bekleidet.

Daran erkennt man gut, dass der Kniefall von Warschau aus einer Tradition geboren wurde, in der Menschen, die im erbitterten Widerstand zum Dritten Reich gestanden haben, die Bundesrepublik mit aufgebaut haben. Es sind die Menschen, welche Spuren in dieser Demokratie hinterlassen haben, die sich Respekt verdient haben, weil sie Humanität auch gegen schwerste Widerstände verteidigt haben. Willy Brandt, der das Dritte Reich im Exil in Norwegen und Schweden überlebt und sich trotzdem im Untergrund gegen das Regime engagiert hatte, wurde für seinen Kniefall von den gleichen Kräften angegriffen, die ihn schon vor und während der Kriegszeit verfolgt hatten. Trotzdem hat er für seine Haltung niemals Respekt eingefordert, er hat ihn bekommen, weil er sich jenen mit ebendieser Haltung verdient hatte.

Wenn sich heute junge Menschen mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleichen und Respekt einfordern, weil sie wegen einer Seuche eine Gesichtsmaske tragen sollen oder ihre Freundinnen für ein paar Monate nicht treffen dürfen, dann zeigt das vor allem, wie geschichtsvergessen sie sind. Doch verwunderlich ist es nicht, denn Erwachsene, die eigentlich als Vorbilder fungieren sollen, wenn sie beispielsweise Verantwortung in der Politik tragen, leben ihnen das nicht anders vor. Denn wenn ein nordrhein-westfälischer Ministerpräsident mit Ambitionen für das Kanzleramt dieses Weihnachtsfest als „das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“, tituliert, dann ist das mindestens ebenso geschichtsvergessen. Denn der kälteste Winter des vergangenen Jahrhunderts herrschte in Deutschland tatsächlich 1946/47, also kurz nach dem Krieg. In dem zerstörten Land verhungerten und erfroren mehrere hunderttausend Menschen, weil es in diesem Hungerwinter an so ziemlich allem mangelte. Der Kölner Erzbischof Frings sanktionierte damals in seiner Silvesterpredigt sogar Mundraub für den Eigenbedarf. Angesichts dieses Elends verbietet sich eine solche Politikerphrase eigentlich von alleine, aber aufgrund dessen ist es nicht verwunderlich, wenn junge Menschen daraufhin tatsächlich glauben, dass sie gerade unzumutbaren Bedingungen ausgesetzt sind.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das allfällige Einfordern von Respekt für pure Selbstverständlichkeiten ein Ausmaß angenommen hat, welches jedes vernünftige Maß bei weitem übersteigt. Denn eigentlich ist der wirkliche Respekt schon lange verloren gegangen. Welche Institution wird heute denn noch wirklich respektiert? Alles wird, zu Recht, hinterfragt. Sogenannte Respektspersonen, denen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Wirkmächtigkeit, nur wegen ihres Amtes Respekt entgegengebracht wird, gibt es kaum noch. Selbst die Unfehlbarkeit des Papstes ist schon lange obsolet. Das ist auch gut so. Doch je mehr dieser generelle Respekt vor Institutionen schwindet, desto schneller und häufiger wird er von denen eingefordert, die ihn anderen nicht unbedingt entgegenbringen, ihn selber aber auch nicht verdienen wollen oder können, sondern aufgrund ihrer Position erwarten.

Wenn also ein Oberbürgermeister, welcher auch in der Tradition eines Ernst Reuter steht und der nahezu 20 Jahre in dieser Stadt sein Amt erfolgreich ausübte, am Ende seiner letzten Amtszeit beginnt, Respekt einzufordern, den er, seiner Ansicht nach, nicht mehr bekommt, dann bleiben Fragen. Vor allem, wenn es einer ist, der selber gerne eine deutliche Sprache gegenüber anderen bevorzugt und es im alltäglichen Umgang durchaus auch mal an Empathie und eben auch Respekt mangeln lässt. Dass er in seiner Amtszeit im Stadtrat nie gelogen oder intrigiert haben will, wird mindestens denen ein wenig befremdlich vorkommen, die den Beginn seiner Amtszeit miterlebt haben. Seine Aussagen mögen der Wut des Moments geschuldet sein, aber sie lassen tief blicken. Es ist schade, wenn ein verdienter Politiker, und das ist er unzweifelhaft, bei seinem vorzeitigen Abgang so viel Geschirr zerschlägt und vor allem eines tut: Den verdienten Respekt verlieren.

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