StadtMensch – Lars Johansen: Zuhören sollen

Ich habe das Problem, dass Menschen von mir verlangen, ihnen zuzuhören, obwohl ich das schon längst tue. Denn sie meinen damit nicht, dass ich Ihnen zuhören soll, sie wünschen sich, dass ich ihnen zustimme. Für sie ist es längst eines geworden, zuzuhören und zuzustimmen. Wer eine andere Meinung hat, darf die zwar haben, aber eigentlich doch nicht. Denn die Meinung des Gegenübers wirklich zu verstehen, bedeutet auch, ihr zustimmen zu müssen. Natürlich ist das keine neue Entwicklung, aber Meinung und Glauben treten zunehmend öfter an die Stelle von Wissen.

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Das ist erstaunlich mittelalterlich, als man mutmaßliche Hexen als solche zu entlarven suchte, indem man sie gefesselt ins Wasser warf. Gingen sie unter und ertranken, dann waren sie keine Hexen gewesen und bekamen ein christliches Begräbnis. Überlebten sie diese Tortur aber, dann galten sie als Hexen und wurden zur Strafe verbrannt. Wir sprechen heute noch von Hexenverbrennungen, obwohl wir doch wissen sollten, dass Hexen nicht existieren. Korrekterweise müsste man einfach von Frauenverbrennungen reden, denn die meisten Opfer waren nun einmal weiblichen Geschlechts. Zugegebenerweise wurden im Mittelalter solche Bräuche nicht gepflegt, sie sind tatsächlich eine Erfindung der frühen Neuzeit. So weit ist das also noch gar nicht weg. Und zu wenig haben wir seit damals dazu gelernt. Denn so, wie wir immer noch und falsch von Hexenverbrennungen oder -verfolgung reden, so leicht geht es vielen über die Lippen, sich ebenfalls als verfolgt zu begreifen.

Wenn die eigene Meinung nicht zur vorherrschenden wird, dann fühlen sich viele schnell und leicht unterdrückt. Schon ist von einer Meinungsdiktatur die Rede, wenn doch nur eine demokratische Mehrheit anders entschieden hat. So wird aus einer Demonstration in Berlin, an der wahrscheinlich zwischen 17.000 und 20.000 Menschen teilgenommen haben, rasch eine Veranstaltung, an der mindestens eine Million teilgenommen hat. Das wäre ein Achtel der Berliner Bevölkerung und hätte die ganze Stadt zum Erliegen gebracht. Das ist aber nicht geschehen, die Einschränkungen dort waren überschaubar. Aber diese Logik und die Bilder alleine reichen nicht, denn die Teilnehmenden und ihre Unterstützer glauben nicht an die Realität, sie wissen von einer anderen Wahrheit, die keine Fakten braucht. Im Gegenteil, diese stören nur den Diskurs, den sie führen wollen und können. Und magst du nicht zustimmen, dann sind sie rasch beleidigt und fühlen sich ausgegrenzt. Denn du hast ja nicht zugehört und zugestimmt. Doch wehe, du mahnst Konsequenzen an, die folgen, wenn getan wird, was und wie sie es verlangen. Das empfinden sie als ungerecht, denn sie wollen natürlich nicht die Verantwortung übernehmen. Dafür sind andere da.

Es sind nicht so viele, wie man immer denken mag, wenn man ihnen zuhören muss. Sie sind weniger als sie selber glauben, aber sie sind vor allem eines: Laut. Und sie sind damit groß geworden, dass ihnen ihre Eltern versprochen haben, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Niemand hat ihnen je gesagt, dass es zum einen mühevoll werden und zum anderen Widerstände geben könnte, die sie überwinden müssen. So überwinden sie nicht, sondern versuchen sie wegzudiskutieren. Ein einfaches Beispiel möge das illustrieren: Ein Basketballspieler, der in diesen Zeiten an einer Versammlung vieler teilnimmt, ohne sich ausreichend zu schützen, vergisst damit, dass sein Sport ein Mannschaftssport ist, er also seine Mitspieler anstecken könnte. Wenn ihn sein Verein nun entlässt, weil er rücksichtslos ist und andere gefährdet, dann empfindet er das als Diktatur. In einer echten Diktatur würde er das weder öffentlich sagen dürfen, noch frei herumlaufen. Aber sofort sind Unterstützer da, die seine Meinungsfreiheit in Gefahr sehen. Hätte er seine Meinung zuhause geäußert und multimedial in die Welt hinaus trompetet, wäre er nicht entlassen worden. Aber er will alles zugleich, einen gut dotierten Job, der Mannschaftsarbeit und damit auch Rücksicht verlangt, und gleichzeitig möchte er die damit einhergehende Verantwortung nicht akzeptieren. Er gibt ein Statement ab, dessen Tragweite er nicht übersieht.

Auf der anderen Seite gibt es ein sehr gutes Beispiel dafür, dass jemand seine Verantwortung ernst nimmt. Karin Lompscher war in Berlin für die Linke als Bausenatorin tätig. Nun kam heraus, dass sie tatsächlich vergessen hatte, Nebeneinkünfte zu versteuern. Insgesamt ging es um die vergleichsweise kleine Summe von 7.000 Euro in zwei Jahren. Nun muss man dazu wissen, dass sie für die Einführung des Mietendeckels und für den Wohnungsmangel in Berlin nahezu ununterbrochen Rücktrittsforderungen ausgesetzt war. Aber sie nahm ihre Verantwortung wahr und erledigte ihre Arbeit. Sie hat auch die 7.000 Euro sofort nachgezahlt und ist dann unaufgefordert von sich aus zurückgetreten, weil sie auch dafür die Verantwortung übernahm. Das hätte ihr nicht passieren dürfen, sagte sie und tat, was ihr richtig schien. Ein Amthor oder Scheuer würde nicht einmal auf die Idee kommen, Konsequenzen aus dem eigenen Handeln zu ziehen. Ein Trump würde … aber ist es nicht ohnehin egal, was ein Trump würde?

Und das ist genau das Gegenteil von dem, was die ewigen Schwätzer tun, sie steht für das ein, was sie für richtig hält. Sie trägt die Konsequenzen, ohne dass man sie daran erinnern muss und sie gibt damit der Politik auch ein wenig Würde zurück. Doch sie stellt damit auch eine Ausnahme dar in einer Welt, die sich gefährlich ichbezogen entwi- ckelt. Aber ich bin nun mal nicht wichtig und meine Meinung ist nur eine von vielen und wer mir zuhört, der muss mir nicht zustimmen. Wir können gerne darüber reden. Aber, bitte, verlangt nicht, dass ich euch dann auch zustimme.

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