Samstag, Oktober 16, 2021
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StadtMensch: Magdeburg baut

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In Magdeburg wird viel gebaut. Das ist eine offensichtliche Binsenweisheit, denn jeder kann es sehen. Die Gleichzeitigkeit vieler Baustellen hat dazu geführt, dass die Innenstadt nicht nur unter Corona gelitten hat, sondern auch an der mangelnden Erreichbarkeit. Um die Gleis-, Tunnel- und Brückenbaustellen soll es hier auch gar nicht gehen, sondern um Gebäude, welche restauriert werden. Da gibt es eine Menge Licht, aber auch Schatten und vor allem einen sehr unterschiedlichen Umgang mit der Problematik. Für mich ist das alles Überstrahlende natürlich die Restaurierung der Hyparschale. Seit ich 1994 hier ankam, wies man mich oft und gerne auf deren Qualitäten hin. 1969 errichtete Ulrich Müther (1934-2007) diesen herausragenden Bau der architektonischen Moderne. 25 Jahre später war davon nichts mehr zu erkennen. Für mich stellte es sich als zerfallende Ruine dar, deren Qualitäten nicht mehr erkennbar waren.

Nun bin ich ein Laie, was Architektur betrifft, aber zugleich durchaus daran interessiert. Die Bauten der 60er und 70er Jahre sind für das Magdeburger Stadtbild durchaus prägend gewesen. Denn die im zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Stadt wurde in jener Zeit gleichsam neu erfunden und war konzeptionell durchgeplant. Etwas, was heute zum einen kaum noch stattfindet, und zum anderen durch die Abrisse und Neubauten der vergangenen Jahre nahezu bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. Die eigentliche Absicht jener Zeit ist nicht mehr zu erkennen, da auch die Restaurierungen den ursprünglichen Charakter der Bauten, zum Beispiel im Nordabschnitt des Breiten Weges, radikal veränderten. Der „Katharinenturm“ beispielsweise erinnert nur entfernt an das ehemalige „Haus der Lehrer“, nachdem es völlig entkernt und quasi neu errichtet wurde. Von Neu-Olvenstedt möchte ich gar nicht erst anfangen. Und ja, es gefällt mir durchaus, was dort geschehen ist. Aber ich gebe gerne zu bedenken, dass wir damit auch etwas verlieren. Der Breite Weg war in seinem Nordabschnitt vollständig erhalten, was die Architektur der 60er Jahre in der DDR betrifft. Hätte man ihn gleichsam museal erhalten, dann wäre damit auch ein Zeitzeugnis erhalten worden, welches einiges über jene Zeit erzählen könnte. Es nicht zu tun, ist einerseits pragmatisch, andererseits doch ein wenig geschichtsvergessen, bzw. darauf angelegt, einen Teil der Geschichte auch baulich zu überwinden. Das ist gewiss diskutabel, aber die Gespräche dazu wurden nie geführt. Ich bin auch nicht sicher, ob es praktikabel gewesen wäre, möchte aber nur zu bedenken geben, dass das Gesicht der Stadt jener Tage unwiederbringlich verloren ist. Um so mehr freut mich die sichtbar voranschreitende Sanierung der Hyparschale. Denn hier erkennt man ein wenig vom Geist der ausgehenden 60er Jahre, der auch im Westen der Bundesrepublik seine Spuren hinterlassen hat und auch dort gerne verändert und versteckt wird, weil er als vermeintlicher Irrtum entlarvt wurde.

Gerne nennt man die Ergebnisse jener Tage „missverstandenes Bauhaus“. Das mag sogar stimmen, aber dieser Gedanke klammert Epochen immer auch aus. Und ihre ästhetischen Qualitäten werden möglicherweise erst von kommenden Generationen entdeckt. Die Hyparschale vermag es nun, diese Zeit lebendig zu erhalten.

Gleichzeitig gehen die Planungen für ein kleines Viertel auf dem Prämonstratenserberg voran. Die Prämonstratenser selber wer-den gerade mit der Sonderausstellung „Mit Bibel und Spaten – 900 Jahre Prämon-stratenser-Orden im Kulturhistorischen Museum geehrt. Ihr Berg mitten in der Stadt mit wunderbarem Elbblick, der noch eine klei-ne Grünfläche beherbergt, soll nun verdichtet und damit bebaut werden. Ziel ist es, mit historisierenden Bauten ein wenig an die mittelalterliche Stadt zu erinnern. So wie wir die Moderne verdrängen, möchten wir uns scheinbar gerne an ein idealisiertes Mittelalter zurückerinnern. Ich persönlich finde die Idee nicht schlecht, aber der Bürgerprotest dagegen, nicht nur der direkten Anwohner, ist erstaunlich groß. Müssen wir in Zeiten des Klimawandels Böden versiegeln oder ist es wichtiger die Urbanisierung Magdeburgs voranzutreiben? Ich vermag die Frage nicht so leicht zu beantworten, die Argumente auf beiden Seiten sind gut und stark. Gerne würde ich hier Fachleuten für Stadtbau und Umweltschutz vertrauen, denen es möglicherweise gelingt, einen gangbaren Kompromiss für alle Seiten zu finden oder mich und andere von einer Variante voll zu überzeugen. Besser aussehen als vieles, was in den letzten Jahren hier entstanden ist, würde es gewiss.

Aber während wir auf der einen Seite restaurieren und auf der anderen eine ideale Vergangenheit baulich zurückholen wollen, gehen wir mit echter historischer Bausubstanz doch sehr eigenwillig um. Denn beim Neubau der Polizeigebäude in der Nähe vom Hasselbachplatz finden wir ein historisches und denkmalgeschütztes Gebäude, welches nun aber doch abgerissen werden soll, weil es nicht mehr in die Zeit passt. Es sieht so aus, als würde das auch passieren, was uns noch einmal die Indifferenz vor Augen führt, mit welcher wir mit der Baugeschichte umgehen. Vor zwei Jahren wurde auch der komplett erhaltene Krankenhausanbau am Uniklinikum, welcher von Johannes Göderitz 1931 errichtet wurde, einfach abgerissen, weil er nicht für ein modernes Herzzentrum genutzt werden könne, welches unbedingt an diesem Standort errichtet werden musste. Momentan sanieren wir aber die Magdeburger Stadthalle, welche ebenfalls von jenem Göderitz geplant wurde, obwohl sie ganz gewiss nur bedingt für die Anforderungen an moderne Veranstaltungstechnik taugen mag. Es gibt hier kein einheitliches Vorgehen, sondern man entscheidet nach Tagesform und Geschmack. Dieser Umgang mit der Architekturgeschichte Magdeburgs ist schlicht unangemessen, intransparent und bedauerlich. Auch wenn er manchmal positive Resultate zeitigt. | Lars Johansen

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