Mittwoch, Dezember 8, 2021
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StadtMensch: Mal kein Rückblick

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Am Ende eines Jahres oder, wie man gerne nimmermüde und grundfalsch zu sagen pflegt, zwischen den Jahren, blickt man zurück. Verklärt oder kritisch, aber man schaut nicht nach vorne. Und so will ich ein wenig versuchen, diesem Missstand abzuhelfen. Ganz wird es nicht gelingen, denn der Blick nach vorn resultiert bekanntermaßen aus den Erfahrungen der Vergangenheit.

Tesla eröffnet eine Elektroautofabrik in Brandenburg. Und, wenn man IHK und Handwerkskammern glauben darf, dann wäre so etwas in Sachsen- Anhalt auch gar nicht möglich. Es mangelt flächende-ckend an Breitbandausbau, Fachkräften, einem gut funktionierenden ÖPNV, der die Pendlerströme lenken könnte und schließlich auch an ausgewiesenem Bauland für Großunternehmen. So schreibt es jedenfalls die Mitteldeutsche Zeitung. Um das kostenlose Azubi- oder Schülerticket wird in der Politik gefeilscht, obwohl es zweifellos nottut. An Lehrern mangelt es auch und es sind vor allem keine in Sicht. Die Musikschulen im Land melden gerade ebenfalls Notstand. Kein Wunder, kann man doch außer Kunst in Halle nichts wirklich Künstlerisches in Sachsen-Anhalt studieren. Immerhin bilden wir hier Ingenieure aus, aber auch das in zu kleiner Zahl.

Sie merken gerade, dass ich immer noch nicht nach vorne schaue. Zugegeben, es fällt schwer, wenn man sieht, wie wir uns die Zukunft gerade selber verbauen. Enercon schließt hier, nach Milliardengewinnen und Millionen von staatlichen Zuschüssen. So lange es funktioniert, dass Unternehmen, die sich eben nicht für die Herausforderungen wappnen wollen, alimentiert werden bis sie schließlich weiterziehen, wird dieses Problem weiter bestehen. So lange es Gesetze gibt, die Windräder mindestens 1000 Meter von jedem bewohnten Platz entfernt sehen wollen, werden wir im dicht besiedelten Deutschland keine mehr bekommen. So lange Biogasanlagen verteufelt, Elektromobilität dämonisiert und Klimaveränderungen geleugnet werden, so lange steht hier die Entwicklung still. Kohle und Benzin sind rückwärtsgewandte Energieträger, die nicht mehr lange da sein werden. Das Geld für die Übergangsregeln in den betroffenen Berufsgruppen muss dann aber auch zielgerichtet eingesetzt werden und nicht mehr Touristen nach Naumburg holen.

Was alles nicht geht, das erfahre ich jeden Tag. Über das, was gehen könnte, darüber will niemand reden, denn schon wird irgendwo erst einmal gelacht. Und ich nehme mich dabei nicht aus. Auch ich habe über die Flugtaxis unserer „Zukunftsministerin“ Dorothee Bär gelacht. In Asien werden sie gerade Realität, vielleicht lösen sie wirklich Verkehrsprobleme. Mehr Straßen und Brücken und Tunnels tun das nicht. Magdeburg befindet sich verkehrstechnisch auf dem Holzweg, die Modelle der 50er oder 70er taugen nicht mehr für die Innenstädte der Zukunft. Ein Parkhaus im neuen Domquartier stellt einfach nur resilientes Beharren auf einem Status Quo dar, der längst obsolet ist. Die Krise des Einzelhandels ist eine Krise der Innenstädte. Aber eben auch eine Chance. Ladenleerstand ist ein Alarmsignal, aber nicht das Todesurteil. Die Schlangen zur Weihnachtszeit sind kürzer geworden, man geht nur dann noch in die Stadt, wenn man etwas erleben will. Die neue Weihnachtsbeleuchtung ist ein Weg, flächendeckendes kostenloses WLAN dazu nicht die schlechteste Idee, denn schon gehen die Bilder in den sozialen Medien noch mehr und schneller herum, machen aus dem abstrakten Vorgang den konkreten Wunsch, das mitzuerleben.

Man kann den lokalen Handel ganz einfach stärken, zum Beispiel mit höheren Renten, die nicht auch noch wie zur Zeit immer stärker besteuert werden. Die „Ehrenrente“ ist zwar Wort des Jahres, geht aber an den allermeisten Betroffenen vorbei. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre eine Lösung. Warum es nicht kommt? Weil dann ein Haufen Behörden überflüssig würden und sehr viele hohe Kosten für Personal in Finanz- und Sozialämtern ersatzlos wegfallen würden. Nein, die Behörden wurden nicht personell ausgeblutet, wie man immer wieder hört. Sie haben schlicht die dringend notwendige Digitalisierung verschlafen. Verständlich, denn wer unkündbar ist, weigert sich auch, neue Techniken zu akzeptieren. Warum auch? Wenn es mit Akten, Stempeln und Papieren so gut funktioniert und sich der Bürger immer noch wie ein Bittsteller zu absurden Behördenöffnungszeiten vor Ort einzufinden hat, dann ist es doch vergnüglicher, als digital zu arbeiten bzw. es wenigstens zu lernen. Die Stadt Magdeburg überlegt gerade ernsthaft, vielleicht doch Windows 10 einzuführen, aber das entspricht ja nicht der DSVGO, wie die Datenschutzbeauftragten zu bedenken geben. Die DSVGO aber nutzt ohnehin nur Abmahnbuden und anderen Kleinkrämern, die jeden Fehler im Impressum gleich gerichtsnotorisch machen. Für den Verbraucher stellt das Gesetz zum zu großen Teil nur ein Hemmnis dar. Das Problem ist, dass in den Parlamenten zu viele Juristen und Staatsbedienstete arbeiten. Da mag man keine Gesetze beschließen, die einen selber betreffen.

Jeder Zug in Japan, jedes Internet in Nepal ist besser organisiert als das deutsche Pendant. Noch haben wir hier diesen oder jenen technischen Vorsprung und einen demokratischen und stabilen Staat. Aber so lange unterprivilegierte Kinder schlechtere Bildungschancen haben, wir bei PISA-Studien nur mittelmäßig (und schlechter werdend) abschneiden, Fachpersonal fehlt und die Zukunftsfähigkeit rapide nachlässt, stehen wir vor sehr großen Problemen. Kein Tempolimit haben wollen, aber sich komplett überholen lassen, das ist Deutschland zur Zeit. Hey, das neue Jahr muss besser werden. Lars Johansen

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