StadtMensch: Neue Namen, alte Namen

In der Stadt tobt gerade ein Streit um Namen. Er tobt nicht nur hier, sondern an ganz vielen Orten gleichzeitig, als müssten jetzt ganz schnell alle Namen verschwinden, die wir im Moment nicht mehr mögen. Das erinnert die Älteren gewiss ein wenig an die Zeit der Wende vor dreißig Jahren, in der auch eine Menge Namen verschwinden mussten, die nicht mehr in die neue Zeit zu passen schienen. Mit einem Furor wurde um- und neubenannt, als wäre es darum gegangen, jede Spur der 40 Jahre davor umgehend zu beseitigen. Alles, was auch nur im Verdacht stand, sozialistisch gewesen zu sein, hatte aus dem Stadtbild zu verschwinden. Nur die Weinert-Buchhandlung behielt ihren Namen, bis er vor einigen Jahren in einer Kette unterging und damit auch, leicht verspätet, verschwand. Keine Pionierparks mehr, kein Marx, keine deutsch-sowjetische Freundschaft. Keine Denkmäler mehr, die an diese Zeit erinnern. Das gleiche war 1945 passiert, als, in der völlig zerstörten Stadt, noch vor dem Neuaufbau, erst einmal die alten Namen verschwinden mussten. Auch Kaiser und Könige hatten ausgedient, siegreiche Schlachten durften nicht mehr Namensgeber sein und bei christlichen Begriffen musste man mindestens darüber nachdenken. Zweimal in knapp 50 Jahren veränderte also die Stadt radikal ihre Identität, in der Hoffnung, dass die Menschen sich und ihr Bewusstsein auch verändern würden. Aber ich kenne heute noch Menschen, die zum Bieruth fahren, wenn sie den Universitätsplatz meinen. Denn es braucht Jahre, bis sich so etwas durchsetzt, mindestens eine Generation muss darüber hinweggehen, bevor alle brav die neuen Namen verinnerlicht haben.

Ich erinnere mich, wenn wir in Hannover in den 80ern am Ostermontag demonstrierten, dann war die halbe Stadt auf den Beinen, während Frieden heute kein so großes Thema mehr darstellt. Wir trafen uns natürlich auf dem Carl-Peters-Platz. Und weil der kein geeigneter Namenspatron war, brachten ein paar Menschen immer Hussen mit, die über die Straßenschilder gezogen wurden und den Platz, während der Demonstration, in Bertha-von-Suttner-Platz umbenannten. Das gab allen ein gutes Gefühl und die Hussen mit dem neuen Namen wurden nach der Veranstaltung brav wieder abgenommen, so dass am Dienstag der Carl-Peters-Platz wieder seinen durchaus unfriedlichen Namen trug. Vor einigen Jahren wurde der Platz endgültig in Bertha-von-Suttner-Platz umbenannt und seitdem können sich alle das ganze Jahr gut fühlen.

Namen sind wichtig. Es sind schon Ehen fast daran zerbrochen, wer welchen Namen annimmt und warum nicht. Es gibt Vormamen, die man nicht in eine Gruppe Gleichaltriger hineinrufen sollte, weil sich sonst die Hälfte gemeint fühlt. Manche Modenamen bleiben, andere zeigen ein kurzes Fenster an, als alle ihren Kevin oder ihre Mandy oder ihren Stefan so nennen mussten. Manche Vornamen können die Herkunftsgegend innerhalb eines Landes, den sozialen Stand oder die politische Haltung der Eltern anzeigen. Sie begleiten uns das ganze Leben, vielleicht determinieren sie uns sogar.

Das ist mit Straßennamen und Ortsbezeichnungen nicht anders. Als Napoleon 1812 die Neue Neustadt gründete, die damals nach seinem Bruder noch Jeromestadt hieß, versuchte er, revolutionär wie er war, zu vermeiden, dass die Namen dort historische Ereignisse oder Personen in sich tragen. Eine Morgen-, Mittag- oder Abendstraße ist politisch unauffällig und hat die zweihundert Jahre seitdem ohne Umbenennungen überstanden. Kluge Idee. Man kann ja auch, wie in Mannheim oder auch New York, Nummern anstelle von Namen nehmen. Aber, ganz ehrlich, das macht eine Gegend gesichtslos. Obwohl, Fifth Avenue, das klingt schon weltläufig.
Auch mit Denkmälern ist es so. Die Ratsherren in Magdeburg brauchten zweihundert Jahre, um Otto von Guericke einen Brunnen mit seiner Statue zukommen zu lassen. Vorher war er als Bürgermeis-ter einfach noch zu umstritten. Vor ein paar Jahren dagegen nannte der Stadtrat ohne große Debatte oder langes Nachdenken den Turm im Rotehornpark in Albinmüller-Turm um. Wenn man seine Autobiografie einmal gelesen hat und die massive Ergebenheitsadresse an Hitler am Schluss, dann hätte man ruhig ein wenig intensiver diskutieren können. So wird er, früher oder später, seinen Namen wieder einbüßen müssen.

Aber der aktuelle Namensstreit tobt um eine Apotheke in Stadtfeld. Sie trägt einen Namen, den ein paar Apotheken in Deutschland immer noch tragen. Die Verteidiger dieses Namens werden nicht müde, zu betonen, dass er eine gute Tradition habe, von den Mauren her komme, die damals eine weit entwickelte Medizin gehabt hätten und natürlich würden damit auch der heilige Mauritius und seine heilige Lanze geehrt. Nach dem sei ja auch der Dom benannt und den wolle auch niemand umbenennen. Nun hat, zum einen, der Apothekenname an dieser Stelle keine Tradition, denn sie hieß seit der Gründung 1899 Kronenapotheke, was der DDR-Administration zu monarchistisch schien und zu dem neuen Namen führte. Zum anderen, wenn es ein Name ist, der Menschen ausgrenzt oder beleidigt, dann ist es nicht die beste Idee, ihn ohne Ende zu verteidigen, indem man mit überkommenen Ableitungen für ein heutzutage klar abwertendes Wort wirbt. Dass man dem Apotheker die entstehenden Kosten ersetzen muss, wenn man einen anderen Namen haben will, sollte aber auch klar sein.

Und, zusammenfassend gesagt, ich bin kein Freund von neuen Namen, weil diese Geschichte verfälschen, unsere Vergangenheit schön lügen und Städte geschichtslos werden lassen. Ich bin für Erklärungen, für Schilder, anstatt Denkmäler zu schleifen oder alles neu und nett zu benennen. Aber im Fall dieser Apotheke sollte man sich mit Augenmaß für den ursprünglichen Namen entscheiden. Da fällt keinem ein Zacken aus der Kronenapotheke.

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