Montag, September 26, 2022
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StadtMensch: Panische Zeiten

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Es ist heiß. So heiß, las ich neulich, jedenfalls in Spanien und Portugal, wie seit 1.200 Jahren nicht mehr. Das ist eine Feststellung, die nicht besonders hilfreich ist, denn dazwischen liegt eine kleine Eiszeit. Und während dieser, im Mittelalter und darüber hinaus, war es natürlich sehr viel kälter als heute. So eine nutzlose Erkenntnis, beziehungsweise die Mitteilung ebendieser, resultiert aus nutzloser Panik. Ja, es ist zu heiß und ebenfalls ja, der Klimawandel ist mit hoher Vermutlichkeit menschengemacht. Und, noch einmal ja, wir müssen umgehend etwas unternehmen. Etwas unternehmen bedeutet aber nicht, in Panik zu verfallen, stehen zu bleiben und laut um Hilfe zu rufen. Das hilft auch Ertrinkenden nur bedingt, wenn nämlich dadurch Menschen angelockt werden, welche die Ertrinkenden retten. Der Hilfeschrei als solcher zeitigt kein echtes Ergebnis. Aber zur Zeit will niemand retten, alle wollen nur um Hilfe schreien. Die Inflation, die steigenden Energiekosten, die sinkenden Wasserspiegel, die ausbleibenden russischen Gaslieferungen und natürlich der Krieg, alles wird benannt und beklagt. Gerne geschieht dieses auch sehr laut. Und je lauter und häufiger wir das hören, desto auswegloser scheint die Lage zu sein. Und diese scheinbare Ausweglosigkeit führt zu noch mehr Lautstärke. Diese aber hindert das Gehirn daran, nach Lösungen zu suchen. Denn bei aller Panik, und ich teile diese Besorgnis ja auch, wir müssen jetzt etwas tun. In alten Filmen wurden hysterischen Menschen immer schallende Ohrfeigen verpasst und das half, sie zum Schweigen zu bringen. In der Realität hat Gewalt noch nie etwas Vernünftiges erreicht. Und natürlich ist dieser Panikreflex an sich auch nichts Schlechtes. Der ist in unsere DNS eingeschrieben und hat uns, als wir noch auf Bäumen und später in Höhlen gelebt haben, meistens gerettet. Denn wir rannten weg, randvoll mit Adrenalin, schneller und weiter als wir es sonst vermocht hätten, und das Mammut oder der Säbelzahntiger erwischten uns nicht. Nun sind die beiden aber mittlerweile ausgestorben und wir rennen auch nicht weg, sondern irren im Kreis herum. Dadurch sehen wir beschäftigt aus, was wir aber nicht sind. In Gefängnissen übrigens gehen ja die Gefangenen im Hof auch immer im Kreis herum. So entsteht der Eindruck von Bewegung, auch wenn man nicht von der Stelle kommt. Interessanterweise laufen sie, mindestens in Deutschland, in allen Haftanstalten gegen den Uhrzeigersinn. Und niemand weiß, warum. Es gibt einen unbekannten Einfluss, der sie das automatisch tun lässt. Was ist da noch alles in unserer DNS eingebrannt?
Wenn wir etwas gegen die Situation unternehmen, dann ergibt es oft nicht viel Sinn. Wenn sich „Die letzte Generation“ auf den Straßen und Autobahnen festklebt, dann nützt das nichts. Denn kaum jemand der betroffenen Autofahrer wird für den Hinweis, dass automobilisierter Individualverkehr keine gute Idee ist, dankbar sein, sondern wütend über die Zeitverzögerung. Aber vielleicht irre ich mich auch, vielleicht ist es das einzige Mittel, um die Menschen davon abzubringen, unbedingt Auto zu fahren. Wenn die AfD dagegen ist, dann kann es vielleicht doch nicht ganz falsch sein. Diese hatte im Magdeburger Stadtrat den Antrag eingebracht, den studentischen Erlebnisraum „In-Takt“ in der Innenstadt nicht länger mitzufinanzieren, weil sich „Die letzte Generation“ dort im Juli präsentieren wollte. Abgesehen davon, dass es einen Zensureingriff in die studentische Autonomie darstellt, ist diese Vereinigung weder verboten, noch steht sie im Fokus vom Verfassungsschutz, anders als die AfD selber. Selbst eine FDP-Ratsfrau sprach sich in den sozialen Medien dafür aus, das Geld zu streichen, enthielt sich aber klugerweise in der Abstimmung. Denn diese Auffassung von Liberalität passt nicht in ihre Partei. Diese tut sich in der Ampelkoalition ohnehin nur durch Verhinderungsstrategien hervor. Wenn also die Panik wenigstens kleine Veränderungen in der politischen Gemengelage hervorrufen könnte, dann ertönt das liberale Veto. Und so laufen alle weiterhin kopflos kreuz und quer oder im Kreis herum. An diesen kopflosen Kreisläufen sind, wenn man dem Philosophen Richard David Precht und dem Soziologen Harald Welzer glauben darf, möglicherweise auch die Medien schuld, welche als „die vierte Gewalt“ sich selbst gleichgeschaltet haben. Das wollen sie jedenfalls in einem im Herbst erscheinenden Buch darlegen. Da Precht als Moderator für eben diese Medien arbeitet, bin ich gespannt, wie er es schafft, gleichgeschaltet und trotzdem ein Querkopf zu sein. Das macht die Panik aber auch nicht kleiner und Menschen brüllen „Lügenpresse“, während sie verwirrt herumrennen. Und wieder geschieht nichts.
Das gilt übrigens auch für Corona, für welches, bei langsam steigenden Zahlen, keine Strategie zu sehen ist, die uns im Herbst hilft. Wir warten einfach ab. Und gehen immer weniger weg. Da durch die Inflation auch die Preise steigen, leiden die Kultureinrichtungen, die nur mit viel Glück überlebt haben und nun nur auf Bruchteile ihrer Zahlen von vor der Epidemie kommen. Auch hier gibt es keine Lösungen, sondern nur Panik. Viele wechseln in sicherere Jobs. Das haben auch die Fachkräfte im Service von Flughäfen oder Kaufhäusern gemacht. Wenn Sie dort noch kompetentes Personal finden, dann haben Sie Glück, immer mehr davon verschwinden oder lassen sich verbeamten, denn eines ist sicher, die Bürokratie wächst. Und bei den nahezu unkündbaren Stellen finden sich dort immer mehr ein. Die Zukunft wird nicht gestaltet, sondern verwaltet. Kernenergie wurde von der EU sogar zu grüner Energie umgelabelt. Wenn jetzt noch der Weltuntergang als Wellnesswochenende durchgeht, dann lässt auch die Panik nach. Aber es wird eben auch nicht gehandelt, sondern abgewartet. Ich glaube, ich werde langsam panisch.

Lars Johansen

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