Mittwoch, Dezember 8, 2021
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StadtMensch: Recht auf Vergessen

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Setzen wir uns heute an den Computer, dann ist den meisten klar, dass es sich um ein digitales, aber kein privates Tagebuch handelt, wenn wir einen Text öffentlich ins Netz stellen. Aber ist es das wirklich? Oder gehen wir damit so salopp um wie mit einem Kneipengespräch? Man erzählt irgendeinen Unsinn und am nächsten Tag hat man das meiste vergessen. Den anderen Gesprächsteilnehmern geht es nicht anders. Ein unbedachtes Wort nimmt niemand wirklich übel und wenn doch, ist es mit einer einfachen Entschuldigung meistens schon getan. Natürlich hören auch ein paar Fremde mit, wenn es mal hoch her geht, aber auch das ist eigentlich gleichgültig, weil es in der Kneipe bleibt. Da geht uns manchmal der Mund über und wir erzählen Dinge, welche wir nüchtern niemandem zumuten würden. Manchmal macht es auch Spaß, gemeinsam mit anderen richtigen Unsinn zusammen zu fabulieren, der die Phantasie beflügelt und nach kurzer Zeit trotzdem vergessen ist. In den meisten Fällen ist das auch besser so. Ich habe mir lange Zeit einen Stift und einen Zettel neben meinem Bett bereit gelegt, damit ich, wenn ich mal nachts aufwachte und eine großartige, geradezu universale Lösung für ein wichtiges Problem hatte, diese sofort notieren konnte. Am nächsten Morgen habe ich nicht einmal entfernt verstanden, was ich da aufgeschrieben hatte. Sicher war nur, dass es nicht einmal ansatzweise für irgendetwas Sinnvolles taugte. Zum Glück hatte ich mir kein Smartphone dahin gelegt und den Unsinn auch noch direkt in den sozialen Medien gepostet. Mittlerweile lasse ich das mit dem Notieren ganz, weil es wirklich nie funktioniert hat. Anders ist es auf der Toilette, wo mir neben der Hauptaufgabe immer mal wieder gute Ideen in den Sinn kommen. Aber das ist unwichtig.

Wichtig dagegen scheint mir, dass ich immer wieder und möglicherweise öfter als früher überrascht bin, was für ein Unsinn seinen Weg in die Sozialen Medien findet. Ein einfacher Blick in ein Lexikon oder von mir aus Wikipedia sollte ausreichen, um herauszufinden, dass es sich genau darum handelt, um Unsinn. Und je dümmer die These, desto schlechter die Rechtschreibung. Ich mache da auch Fehler, keine Frage, aber wenn diese sich häufen und existenziell werden, dann stellt es beinahe eine Warnung dar. Wer schon die Grundlagen der Sprache nicht beherrscht, sollte sich damit zurückhalten, über das Leben und den Rest pseudowissenschaftlich zu reflektieren. Ist es mangelnde Schulbildung? Anders gefragt: Wo kommen die Flacherdler her, wenn der Physik- und Geografieunterricht einigermaßen adäquat erteilt wird? Wieso kann auf einmal eine nicht kleine Schar von Menschen Corona leugnen, wenn der Biologieunterricht doch so viele Grundlagen schaffen sollte, dass man dem problemlos entgegen stehen könnte? Fußballspieler lassen sich nicht dagegen impfen, weil ihnen Langzeitstudien fehlen. Aber wenn der Mannschaftsarzt ihnen Präparate gibt, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen, dann fragt sicherheitshalber keiner so genau nach, wie es da mit Studien aussieht. Das gilt ebenso für die notwendigen Impfungen für einen Auslandsaufenthalt. Auch diese nehmen die allermeisten gerne fraglos hin. Aber bei Corona erwacht ihr innerer Mediziner und der ist leider nicht besonders gut ausgebildet. Warum gibt es Menschen, die den Klimawandel leugnen? Über die Ursachen kann man trefflich streiten, aber der Sachverhalt an sich wird oft und gerne zurückgewiesen. Dabei sprechen die Zahlen für sich.

Die Dinge, die ich aufzähle, finden vor allem und zuerst im Internet statt. Und zwar nicht im „bösen“ Darknet, sondern bei Facebook, Twitter, Insta-gram, Tiktok und so weiter und so fort. Denn Jugendliche und die Erwachsenen bewegen sich immer öfter in dieser obszönen Gegenrealität. Corona hat den Trend noch verstärkt. Einen ausgedruckten Text hat man sich immer noch mal durchgelesen bevor man ihn weiter gerecht hat, ein Facebook-Posting erfährt diesen Luxus nicht. Ein Foto musste entwickelt und ein Video geschnitten werden und ging dann erst in die Welt hinaus. Heute macht das ein Gerät, schnell, effizient und vor allem ohne Kontrollmechanismus.

Das Netz aber vergisst nichts, jeder kleine Fauxpas ist für die Ewigkeit irgendwo abgespeichert. Und wenn dann eine junge Frau Chefin der Jugendorganisation der Grünen wird, dann fällt ihr genau das auf die Füße. Die Äußerungen einer 14-Jährigen landen auf einmal in den Schlagzeilen. Morddrohungen folgen prompt, und die kommen ganz sicher nicht nur von Minderjährigen. Da nutzt auch eine Distanzierung, eine Entschuldigung, ja selbst eine komplette Löschung schon vor Jahren nichts. Und dann kann eine Elke Heidenreich eine ganze Generation als sprachlos bezeichnen. Dabei ist die nicht dumm oder sprachlos, sie muss einfach mit Geräten umgehen, die so neu sind, dass es keine Gebrauchsanweisung gibt. Wir wissen nicht, was Elke Heidenreich so mit 14 gesagt hat und sie wird dankbar dafür sein, dass sich niemand mehr daran erinnert. Da reicht schon ein Streit mit den Eltern, eine dumme Drohung eines pubertierendes Kindes und schon ist man für den Rest seines Lebens stigmatisiert. Das gilt übrigens für jede politische Richtung. Man muss mit 14 auch das Recht haben, sich zu äußern, ohne dass es einem sein Leben lang nachhängt. Man muss Fehler machen dürfen, sich verändern. Und man muss Dinge vergessen können und dürfen. Das Internet ist unbarmherzig, seien wir barmherziger, denn wir sind Menschen. Nur Menschen vielleicht, aber genau das macht uns aus.| Lars Johansen

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