Samstag, Mai 21, 2022
Anzeige

StadtMensch: Say It In English

Anzeige

Folge uns

Entschuldigung, wenn ich die Überschrift in Englisch abgefasst habe. Aber manchmal tut das not. Eigentlich natürlich nicht, doch genau darum soll es gehen. Denn wir sprechen auf einmal alle Englisch. Nicht besonders gut, das versteht sich von selbst, es ist mehr so ein Pidgin-Englisch, welches eine rudimentäre Verständigung ermöglicht, aber eigentlich nicht weiter führt. Denn wir beherrschen es, also die meisten Menschen, welche ich hier kenne, zwar ein wenig, aber nicht so gut wie ein „Native Speaker“. Wenn ich mich in den sozialen Medien so tummle, dann stoße ich immer öfter auf englische Phrasen, die weltläufig klingen sollen, aber eigentlich nur die Mittelmäßigkeit ihrer Verfasser widerspiegeln. Denn über Poesiealbumsprüche kommt das Niveau nur selten hinaus. Aus der Weltläufigkeit wird so eine verstärkte Provinzialität.
Ein wenig erinnert mich das an die Zeit meines Studiums in den 80er- und 90er-Jahren. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass ich ein altsprachliches Gymnasium besucht habe, auf welchem Englisch eher stiefmütterlich behandelt wurde. Und natürlich wählte ich es ab der 11. Klasse ab, denn Latein (und ein wenig Altgriechisch) reichte mir völlig aus. Da ich aus keinem reichen Elternhaus stammte, lag ein längerer (oder auch kürzerer) Auslandsaufenthalt für mich ohnehin nicht im Bereich des Möglichen. Kurz und gut, als ich begonnen hatte, in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften zu studieren, war mein Englisch bestenfalls vorhanden, mehr nicht. Die vielen ausländischen Dozenten dort sorgten bald dafür, dass es sich verbesserte, aber richtig gut wurde es nicht. Wir verständigten uns irgendwie. Das hatte einen gewissen Charme und funktionierte bei der Theaterpraxis auch ganz gut. Eine gute theoretische Textinterpretation hingegen wurde erschwert.
In den Anglistikseminaren, welche wir besuchen durften, und in denen es um Theater ging, wurde meistens Deutsch gesprochen und man konnte die deutsche Übersetzung des englischen Originals benutzen. Doch immer, wenn der Diskurs zu anspruchsvoll zu werden drohte, zeigte eine Anglistin auf, es befanden sich sehr viel mehr Frauen als Männer in diesem Studiengang, und bat darum, das Gespräch in englischer Sprache fortzusetzen. Dieser Vorgang führte automatisch dazu, dass der hohe Anspruch sich erübrigte, denn alle suchten nur noch verzweifelt nach einem differenzierenden Fachvokabular, welches schon im Deutschen nicht gerade einfach war, in einer anderen Sprache aber schier unmöglich. So simplifizierte sich das Gespräch ziemlich schnell.
Und genau das geschieht, wenn wir Englisch im Alltag verwenden. Zwischentöne verschwinden, Ironie lässt sich schwerer erkennen und uneigentliches Sprechen wird verunmöglicht. Egal wie gut jemand die Sprache zu beherrschen vermeint, er wird sie immer schlechter als seine Heimatsprache sprechen. Natürlich gibt es ein paar Genies, welche fließend in Englisch parlieren können und sich dabei nicht wie an Wortfindungsstörungen leidende Trottel anhören. Aber diese stellen die Ausnahme dar. Auch ist der Auslandsaufenthalt von Jugendlichen heutzutage nahezu schon obligatorisch. Doch auch hier gibt es immer noch enorme Unterschiede, welche durch das Einkommen der Eltern determiniert werden. Und gewiss beherrscht man danach auch sehr gut die jeweilige Fremdsprache, aber sehr gut ist immer noch ein großes Stück von perfekt entfernt. Auch muss heute immer öfter im wissenschaftlichen Bereich auf Englisch publiziert werden. Aber da lässt man sich gerne helfen, weil die eigenen Sprachkenntnisse in den meisten Fällen überschaubar sind. Auch ein Lexikon leistet hier gute Dienste. Richtig tiefschürfend wird es aber in den allermeisten Fällen nicht. Man versuche sich einfach einmal den umgekehrten Zustand vorzustellen und möge überlegen, wie ein Nichtmuttersprachler mit einem Text von Adorno und dessen Interpretation umgeht.
Das alles hält aber Menschen nicht davon ab, zum Beispiel auf Facebook, englischsprachige Statusupdates zu veröffentlichen. Ich will sie daran nicht hindern und freue mich darüber ja auch, weil ich meistens wenigstens rudimentär verstehe, was gemeint ist. Aber in den meisten Fällen entsteht der Eindruck, dass die Verfasser der Welt ihre vorzüglichen Sprachkenntnisse vorführen wollen. Das erinnert an Urlaubsfotos von sehr exotischen Orten und Bilder von erlesenem Essen. Alles ist möglich, aber es bleibt immer ein kleiner Beigeschmack von Angeberei. Hier ist dann das Vokabelheft oder Übersetzerprogramm das Pendant zu Fotoshop.
Ich spreche hier übrigens nicht von Anglizismen, mit denen ich keinerlei Probleme zu haben pflege. Ich empfinde sie als Erweiterung der deutschen Sprache, welche auf diese Weise lebendig zu bleiben vermag.
Gerne machen sich Menschen, die mit ihren Sprachkenntnissen prahlen, über die schlechte Aussprache oder Grammatik von Personen, die im öffentlichen Leben stehen, lustig. Da wird der deutsche Akzent von Außenministerin Annalena Baerbock zur Lachnummer. Nun hat sie im Ausland studiert, beherrscht die Sprache einigermaßen und geht souverän mit der Kritik um. Und haben Sie schon mal einem amerikanischen Außenminister dabei zugehört, wie er Deutsch radebrecht? Die berühmte Kennedyrede in Berlin lebt auch eher von der Unkenntnis der deutschen Sprache, die dem Präsidenten lautmalerisch zum Ablesen notiert wurde. Auch hoffe ich, dass bei schwierigen diplomatischen Verhandlungen Dolmetscher anwesend sind. Denn da sind Zwischentöne gefragt. Und eben keine Slogans wie „Come in and find out“, von dem eine Menge Menschen annahmen, dass er auf Deutsch „Komm rein und finde wieder raus“ bedeuten würde. Meistens versteckt der englische Spruch nur die Aufgeblasenheit und Banalität seiner Botschaft, die im Deutschen sofort auffallen würde. Mashed Potatoes sind eben auch nur Kartoffelstampf und der ist auch nur Püree und letztlich nur ein hochgestapelter Kartoffelbrei.

Lars Johansen

WEITERE
Magdeburg
Klarer Himmel
16.7 ° C
16.7 °
14.4 °
59 %
1.3kmh
9 %
Sa
17 °
So
19 °
Mo
22 °
Di
20 °
Mi
20 °

E-Paper