StadtMensch: Selbstgerecht

Manche Menschen schreiben Bücher. Das ist an sich auch gar nicht so schlimm, obwohl es schon mehr als genug davon gibt. Menschen, die sich politisch betätigen, schreiben besonders gerne Bücher, statt die Energie, welche dabei benötigt wird, dafür zu verwenden, gute Programme in Realität zu verwandeln.

Sahra Wagenknecht schreibt gerne und viel, weil sie weiß, dass sie nicht in die Verlegenheit kommt, ihre Thesen irgendwann einmal umsetzen zu müssen. Und wenn sie in einem Superwahljahr wie diesem vor den Wahlen ein Buch veröffentlicht, dann hat sie dabei möglicherweise im Sinn, ihre Ausgangsposition für eine aussichtsreiche Kandidatur zu stärken. Sie betrachtet sich als prominentes Parteimitglied, welches aufgrund dieses Status‘ Sonderrechte genießt. Nun polarisiert sie gerne und das ist in Wahljahren nicht ganz so gerne gesehen. Und so wird dann aus dem Buch rasch ein Werk, in dem sie aus enttäuschter Liebe mit ihrer Partei abrechnet, weil sie sich dort unverstanden wähnt. Ihre Bewegung „Aufstehen!“, die sie federführend mit ins Leben gerufen hat, ist einigermaßen gescheitert, und auch das trägt sie vermutlich ihrer Partei und der Linken als solcher auch parteiübergreifend nach.

Schließlich weiß sie doch, was gut ist für das Land und die Menschen. Und wenn diese es nicht einsehen und ihr die Chance geben wollen, die Rosa Luxemburg des 21. Jahrhunderts zu werden, dann reagiert sie eingeschnappt. Schnell ist sie dabei, alle anderen zu Salonlinken zu erklären, zu Menschen, denen es am richtigen Klassenbewusstsein mangelt, über welches sie natürlich verfügt. Das erinnert ein wenig an die Situation der alten Bundesrepublik in den 70er Jahren, eine Ära, die nicht umsonst die bleierne Zeit genannt wurde. Auf der einen Seite stand die RAF, welche für sich den richtigen Standpunkt behauptete und ihr gegenüber ein hilfloser Staat, der mit Gegengewalt reagierte. Die RAF formulierte klar „Schwein oder Mensch“ und das man sich entscheiden müsse, was man denn nun sein wollte. Für Zwischentöne gab es keinen Platz und an den Unis hockten die langsam alternden K-Grüppler, die geradezu sektiererisch auf obsoleten Standpunkten verharrten. Da empfand auch mal ein „Mescalero“ aus Göttingen „klammheimliche Freude“ über die Ermordung des Generalstaatsanwaltes Buback, wofür er sich 20 Jahre später dann bei dessen Sohn brieflich entschuldigte.

Aber 1977 war das eben noch der richtige Klassenstandpunkt. Es gab ein klares Feindbild und das war nun einmal das Establishment. Davon hatte man auch nicht abzuweichen, wenn man ein guter Linker sein wollte. Und der westdeutsche Staatsapparat sorgte mit seinen Handlungen dafür, dass sich diese Position verhärtete. Die sozialliberale Koalition war in jenen Tagen nur bedingt liberal und Helmut Schmidt wirkte nicht mehr wie der Sozialdemokrat, welcher er doch eigentlich sein wollte. Das hat sich tatsächlich in den vergangenen Jahren geändert. Der Staat ist liberaler geworden, neoliberal gewiss auch, aber kaum noch mit dem Gebilde aus den 60er oder 70er Jahren zu vergleichen. Ganz weit weg ist er von den 50ern, als man im Westen das dritte Reich unter den Tisch zu kehren versuchte und mit dem Wirtschaftswunder die wirklichen Probleme übertünchte. Aber nach jenen Jahren, die sie selber nicht erlebt hat, sehnt sich Sahra Wagenknecht zurück. Denn damals war der Feind noch leicht zu erkennen. Der dicke Kapitalist mit der fetten Zigarre im Mund, welcher vom damaligen Wirtschaftsminister und späteren Kanzler Ludwig Erhard so perfekt verkörpert wurde, eignete sich hervorragend als Watschenmann.

Wagenknecht macht auch keinen Hehl daraus, dass sie sich nach diesem holzschnittartigen Feindbild zurücksehnt. Und damit ist sie ja auch nicht alleine. Die Komplexität der gegenwärtigen Welt ist für viele nicht mehr zu durchschauen. Das bildet schließlich auch den Nährboden für Verschwörungstheorien. Denn diese sind nichts anderes als die Vereinfachung der Gegenwart. Für Wagenknecht beginnt die Apokalypse schon mit den 68ern, denn diese machten die Dualität von Gut und Böse kaputt, weil ihre Revolution auch eine des Privaten war. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Das ist zu viel Adorno für Wagenknecht. Für sie sind das Salonlinke und Lifestylerevolutionäre, welche sich auf Nebenkriegsschauplätzen herumtreiben, statt den Klassenkampf zu leben. Dabei vergisst sie vermutlich ihren Lebensgefährten Oskar Lafontaine, der in den 90ern zur sogenannten Toskanafraktion in der SPD gehört hatte. Sie möchte sich wieder für den „kleinen Mann“ einsetzen und ärgert sich, dass dieser an die AfD verloren wurde. Sie beklagt Zuwanderung, welche sie nur als Mittel zum Lohndumping und nicht als kulturelle Bereicherung begreifen mag. Sie kann mit der Diversität der Geschlechter nichts anfangen, denn auch das lenke letztendlich nur von der Revolution ab. Das erinnert an Andreas Baader, der die Frauen in der RAF als Zofen bezeichnete, eine Benennung, die, wenn man bei diesem Wort den ersten und den dritten Buchstaben austauscht, die eigentliche Stoßrichtung erkennen lässt.

Das alles bewegt sich so weit in der Vergangenheit, dass es mit der Gegenwart nichts zu tun hat. Es ist rückwärtsgewandt und vor allem deshalb AfD-nah. Es taugt nicht für eine Komplexität, die uns alle zu überfordern droht. Aber es hilft nichts, sich die Vergangenheit zurückzuwünschen. Das hat noch nie geholfen. Die Gestaltung der Zukunft ist zugegebenermaßen schwierig, aber auch deshalb durchaus reizvoll. Sahra Wagenknecht ist das nicht mehr zuzutrauen. | Von Lars Johansen