Sonntag, August 14, 2022
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StadtMensch: Smartphones und Konzerte

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Bob Dylan kommt im Herbst wieder nach Magdeburg. Und da hat der alte Mann doch Smartphones bei seinem Konzert verboten. Das ist ja fast wie in der Schule, mag dieser oder jene denken, denn da ist es ja theoretisch auch verboten, praktisch aber ist das Verbot schwierig durchzusetzen. Aber Schule ist ja auch Pflicht und Konzerte sind freiwillig. Wobei Dylan eigentlich fast schon Pflicht ist. Die ersten fragen sich schon, warum er denn nach so kurzer Zeit wieder nach Magdeburg kommt, was deutlich zeigt, das er die Stadt mehr schätzt als so mancher der Einwohner. Und gewiss wird es trotz des Verbotes ein gut verkauftes Konzert sein.

Das ist tatsächlich gerade ein Problem, denn mittelgroße Konzerte in mittelgroßen Lokalitäten sind zur Zeit sehr schlecht verkauft. „The Jeremy Days“, eine gar nicht so unbekannte deutsche Band um Dirk Darmstädter haben gerade ihre komplette Deutschlandtour gecancelt, weil der Vorverkauf geradezu unterirdisch schlecht lief. Und sie sind nicht die einzigen. Es hat etwas von Long Covid für Veranstaltungen, also die Nachwirkungen von Corona sind noch lange nicht überwunden. Und es gibt keine Garantie dafür, dass sie es je sein werden. Ganz nebenbei mangelt es auch der Konzertbranche an Fachkräften, so mancher Bühnenbauer, Licht- oder Tontechniker hat umgeschult und der Nachwuchs sucht sich krisensichere Berufe. Manche Kartenkäufer, die zu Hause eine Menge Karten von mehrfach verschobenen Konzerten herumliegen haben, warten mit dem Kauf neuer Karten bis kurz vor dem Termin. Wenn dann der Veranstalter langfristig absagt, weil der Verkauf nicht läuft, sieht sich der Kunde bestätigt. Das ist ein Teufelskreis, welcher nur schwer zu durchbrechen ist. Dazu kommt, dass niemand weiß, wie die Bestimmungen im Herbst wirklich aussehen werden.
Und schließlich haben sich Menschen an die allfällige Verfügbarkeit von Konzerten im Stream gewöhnt. Es kauft ja auch kaum noch einer CDs und nur wenige noch LPs, sondern alles ist bei Spotify zu einem lächerlichen Preis verfügbar, von dem kein musizierender Mensch leben kann. Dazu kommt, dass diejenigen, die Konzerte besuchen, das Live-Erlebnis anders genießen als noch vor ein paar Jahren. Denn neben dem Essen, welches man unbedingt in den sozialen Medien, mehr oder weniger appetitlich fotografiert, teilen muss, dem Urlaub und den Neuanschaffungen teilt man auch gerne sein Konzerterlebnis. Bewegte Bilder, mit dem Smartphone aufgenommen, sollen den Freunden und Bekannten einen Eindruck davon vermitteln, gerne auch via Livestream. Nun entsteht dabei meist die ewig gleiche Wurstigkeit mittelmäßiger Kameraleute, welche die eigentliche Pracht eines solchen Ereignisses nicht adäquat abzubilden vermögen, sondern stattdessen den ewig gleichen Bildersalat produzieren, der mit der steten Reproduktion des austauschbaren Bildmaterials so beschäftigt ist, dass die eigentliche Essenz komplett verloren geht. Und da es immer mehr Menschen für vollkommen normal halten, die dabei entstandenen bewegten Bilder, ohne Erlaubnis und Beteiligung der Kulturschaffenden auf der Bühne, im Netz zu verbreiten, entsteht eine Austauschbarkeit dieser eigentlich besonderen Ereignisse, welche dazu führt, dass die Besonderheit nicht mehr als solche erkannt werden kann. Das Schöne an so einem Konzert ist ja eigentlich, das man mit den Musizierenden in ei-nen Dialog tritt, einen Austausch, der eine unwiederholbare Situation erschafft, die letztendlich nur im eigenen Kopf abgespeichert werden kann, wenn nicht gerade ein offizieller Konzertfilm gedreht wird. Und auch dann ist man dort nur Teil des Publikums, also einer Masse von Menschen, die hier für einen kurzen Moment einen gemeinsamen Atem hat. Denn genau dieser entsteht bei so einer Live-Veranstaltung eigentlich. Und dieser „Geist“ eines Konzerts ist nur spürbar, wenn man bereit ist, sich ganz darauf einzulassen. Das mag jetzt ein wenig esoterisch klingen, aber viel besser vermag ich es nicht zu formulieren. Die Bühne ist ein „heiliger Raum“, etwas, was immer weniger Menschen bereit sind, zu verstehen, denn er verlangt ihnen Regeln ab, die sie oft nur als Bruch ebendieser Regeln kennengelernt haben. Dieser Regelbruch ist ja durchaus etwas gutes, aber er funktioniert nur, wenn man die Regel an sich erst einmal anerkennt. Aber genau das geschieht immer seltener. Und das bringt die Zuschauer um ein unwiederholbares, einmaliges Ereignis. Denn so wie sie es aufzeichnen, sind sie keine Zuschauer mehr, sondern Teil eines Arbeitsteams. Sie können nicht einfach unbelastet genießen, sondern wählen einen Bildausschnitt, um das Ereignis adäquat abzubilden. Sie zensieren sich selber und nehmen sich die Möglichkeit für den reinen, unbelasteten Genuss. Das Ereignis wird austauschbar, der Raum verliert die Heiligkeit und die Kulturschaffenden werden auf einen Teilaspekt ihrer Arbeit reduziert. Die Distanzierung von der Rolle als Publikum, als Resonanzboden für den kulturellen Akt schneidet entscheidende Teile aus dem Erlebnis heraus. Was bleibt, ist letztlich zu wenig. Und von der Bühne aus sieht man nicht in Augen und Gesichter, sondern in technische Prothesen, in eine kühle Distanz, die jeden kreativen Akt zu ersticken droht. Am Ende gehst du mit leerem Kopf und Herzen und einem vollen Smartphone nach Hause. Umgekehrt wäre es besser. Ein Genie wie der Literaturnobelpreisträger Dylan weiß das und versucht, es zu verhindern. Aber vielleicht ist es dafür längst zu spät. Vielleicht ist es für die Kunst schon zu spät. Oder eben doch nicht. Also kommt in die Konzerte und lasst eure Aufnahmegeräte zu Hause. Ihr werdet ein ganz anderes Erlebnis haben, dass sich viel tiefer bei euch einprägt.

Lars Johansen

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