Stadtmensch: Stadt der Zukunft von Lars Johansen

Natürlich würde mich interessieren, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte. Aber ich weiß nicht einmal genau, wie die Stadt heute aussieht. Ist es so wie in Frankfurt und Berlin, wo ganze Stadtteile oder Stadtschlösser so gebaut werden, wie sie einmal vor einhundert Jahren ausgesehen haben könnten. Man baut zurück in die Vergangenheit mit viel Ornamenten und ein paar Straßen weiter gesichtslose Glas- und Betonriesen, auf deren Oberflächen sich die neu errichtete Vergangenheit dann wiederum spiegeln kann. Das ist so widersinnig wie wohlfeil, denn man bedient die Anhänger einer rückwärts gerichteten Architektur genau so wie die Fans futuristischer Fantasien. Das Nebeneinander dieser Extreme lässt die Gesichtslosigkeit der Städte noch deutlicher zu Tage treten. Aber wie löst man das Dilemma?

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Abhilfe könnte tatsächlich ein Freiraumlabor schaffen, so wie es im Nordabschnitt des Breiten Weges in Magdeburg stattfand. Aber das hätte bedeutet, es auch ernst zu nehmen, den Laborcharakter nicht nur zu behaupten und tatsächlich mit Stadtforschern oder radikalen Künstlern zu erforschen, wie oder was Stadt heute sein könnte. Da hätte möglicherweise auch Jules Verne geholfen, der hier, aber nur auf seinen Kapitän Nemo reduziert, auftauchte. Viel interessanter wäre eine Beschäftigung mit seinem „verlorenen“ Werk gewesen. Dieses, von ihm „Paris im 20. Jahrhundert“ benannt, war 1863 entstanden, wurde von seinem Verleger als zu pessimistisch empfunden und erst einmal zurückgestellt. Erst 131 Jahre später, 1994, erblickte es das Licht der Öffentlichkeit. Es ging um das Jahr 1960, wo ein junger Geisteswissenschaftler in einer futuristischen Architektur mit ebenso futuristischen Fortbewegungsmitteln lebte, in einer Zeit, in welcher die Kunst und Literatur nichts galten. In dieser Seelenlosigkeit der Stadt, bzw. der „Unwirtlichkeit der Städte“, wie Margarete Mitscherlich die urbanen Klötze der 60er Jahre bezeichnete, musste er geradezu zwangsläufig scheitern. Verne dagegen hatte mit diesem spät entdeckten Werk einen hochinteressanten Diskurs zur Stadt geschaffen. Obendrein erschien dieses Werk neu illustriert von dem französischen Zeichner Francois Schuiten, der mit der bahnbrechenden Graphic-Novel-Reihe „Die geheimnisvollen Städte“ seit 30 Jahren Stadt neu und faszinierend denkt. Aus der Synthese von Verne und Schuiten hätte man einen schönen Ausgangspunkt gehabt, um Magdeburg, die verbaute Schönheit, auf eine Zukunft hin zu untersuchen, die jenseits von Domquartier und Tunnelobszönität vielleicht eine neue Richtung entwickeln könnte.

Aber das war nicht das Ziel, denn organisiert wurde der eher fehlgeschlagene Versuch von einer städtischen Leerstandsmanagerin. Den Misserfolg kann und mag man ihr nicht einmal vorwerfen, denn die Aufgabe war letztendlich nicht, ein echtes Testgelände zu etablieren, sondern den Ladenbesitzern ein wenig Kurzweil mit einem Stadtstrand, ein paar Hochbeeten, einer offenen Bühne und etwas Musik zu bieten. Die Hoffnung, dadurch wenigstens kurzfristig Aufmerksamkeit und eine höhere Frequentierung zu erreichen, könnte, mit großen Abstrichen, ein wenig erfüllt worden sein. Dafür versenkte man mit immerhin 150.000 Euro ein Budget, welches ziemlich genau der jährlichen Förderung für die freie Kultur in Magdeburg entspricht.

Leider wurde dadurch die wirkliche Chance nicht genutzt, tatsächlich etwas zu verändern. Denn die Bauvorhaben der letzten Zeit sind dringend auf den Prüfstand zu setzen. Beginnen wir doch ruhig beim Domquartier. Die Plattenbauten, welche dort vorher gestanden hatten, wiesen zur Straße hin Grünflächen und Bäume aus, die den Breiten Weg an dieser Stelle zu einer angenehmen, baumbestandenen und sanft beschatteten Fläche machten. Das war für das Binnenklima dort eine echte Wohltat und kühlte im Sommer den Ort ein wenig ab. Dieser Vorteil ist komplett verschwunden, die kleinen Ersatzpflanzungen sind nicht einmal ansatzweise adäquat. Dafür haben die Innenhöfe gewonnen. Diese sind üppig begrünt und hinterlassen einen hochwertigen Eindruck, richten sich aber ausschließlich an die Bewohner des eher hochpreisigen Wohnraumes. Das ist undemokratisch und entspricht ganz sicher nicht der Idee einer Stadt für alle. Es wird eher der Trend zum sogenannten Cocooning bedient, also dem Zu-Hause-Bleiben. Das lädt nicht zum Flanieren ein, es werden keine Geschäfte frequentiert und ob die Gastronomie dort längerfristig überleben wird, ist somit mehr als zweifelhaft, denn der unweit gelegene Hasselbachplatz stirbt gerade munter vor sich hin, jeden Monat verschwinden ein oder zwei gastronomische Einrichtungen. Das im Domquartier integrierte Parkhaus zementiert den Autoverkehr als vorherrschende Verkehrsform für die nächsten Jahre.

Dazu passt, dass überraschenderweise eine grüne Kulturbeigeordnete gewählt wurde, die gewiss tadellos kompetent ist und einen ausgesprochen guten Eindruck macht. Damit aber bleibt den Grünen aus Gründen der Partei-Arithmetik der Posten des oder der Verkehrsbeigeordneten verwehrt. Hier ist nun mit einem Sozialdemokraten zu rechnen. Auf diese Weise ist, wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, der Autoverkehr in der Innenstadt auf Jahrzehnte festgeschrieben. Nicht umsonst hatten ja vor allem CDU und SPD den Tunnelbau am Bahnhof auf massiven Druck eines sozialdemokratischen Oberbürgermeisters durchgesetzt. Je näher dessen endgültige Fertigstellung rückt, umso klarer wird das rückständige Konzept dahinter. Fußgänger und Radfahrer teilen sich den engen Platz, damit der Autoverkehr mehrspurig fließen kann. Damit ist die Zukunft der Innenstadt festgeschrieben und vertan, andere Aspekte werden sich auch aufgrund des Geldmangels durch die überhöhten Tunnelkosten und, machen wir uns nichts vor, die noch länger anhaltende Corona-Krise nicht realisieren lassen. So gesehen, ist die Zukunft dunkel. Aber andererseits: War sie das nicht immer?

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