Mittwoch, Dezember 8, 2021
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StadtMensch: Teurer bauen

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Dass die im Bau befindliche Elbbrücke mittlerweile dreimal so viel kostet wie vor sieben Jahren berechnet, sollte keine besondere Überraschung sein, denn daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt. Eine seriöse Planung wäre hier eher für uns alle viel überraschender gekommen. Und bei der momentanen Steigerung der Preise für Rohstoffe wird sich die Prognose ohnehin noch einmal locker verdoppeln. Wovon das bezahlt werden soll, das kann keiner sagen, aber der Stadtrat wird auf spätere Wahlperioden hoffen und der Oberbürgermeister wird dann weg sein. Vom Baustellenchaos in der Stadt will ich gar nicht erst anfangen zu berichten, da hat auch der neue Beigeordnete noch nichts verbessert. Es ist alles wie immer. Das stimmt nicht ganz, aber seit einigen Jahren klappt es einfach nicht so wie es sollte, wenn man einigermaßen ordentlich planen würde.

Aber wenigstens ist jetzt der Blaue Bock schon einmal wenigstens halbwegs fertig. Und er ist genau so geworden, wie man es erwarten konnte. Er steht da. Die Stadt ist vielleicht ein wenig urbaner geworden, aber auch gesichtslos geblieben. Da stört nichts, aber da mag der Blick auch nicht länger verweilen. Denn dieses weiße Gebäude mag die umliegende Architektur ein wenig zitieren, aber die optische Qualität der sogenannten „Stalinbauten“ erreicht es nicht einmal im Ansatz. Und wenn man sich die ersten Entwürfe für den Universitätsplatz so ansieht, dann ist da auch keine optische Verbesserung zu erwarten. Über das Aufwerten von Quartieren wird zwar viel geschrieben, aber die Resultate in Magdeburg erweisen sich immer wieder als erstaunlich mut- und visionslos. Dabei ist auch das nicht unbedingt erstaunlich, denn die Verantwortlichen haben eine größere Angst vor einem Shitstorm, als Lust auf eine innovative Idee. Von einer Zukunftsplanung wollen wir nicht zu reden beginnen, denn es wird sichtbar nur für den Tag gebaut. Stadtteile tatsächlich zu entwickeln und eine Planung anzuregen, welche über das Tagesgeschäft hinaus weist, damit kann man hier nicht rechnen. Und dem Stadtrat ist es leider ebenso gleichgültig, denn dieser nickt die mittelprächtigen Entwürfe meistens desinteressiert ab.

Werfen wir als gutes Beispiel dafür ruhig einmal einen Blick auf das „Magdeburger Tor“, welches den Damaschkeplatz und die Olvenstedter Straße vermutlich aufwerten soll. In den 90ern hätte ich dem zustimmen mögen, denn das wäre damals einmal eine deutliche Ansage gewesen, hier mit einem Gebäude zu starten, das der Beginn einer Hochhausbebauung hätte werden können, welche ja in Städten wie Leipzig durchaus funktioniert. Zum einen sind aber seitdem 30 Jahre ins Land gegangen und Innovation sieht mittlerweile anders aus und zum anderen kann man den nahezu identischen Bau in Braunschweig schon sehen, auch da steht er in der Nähe zum Hauptbahnhof und soll die Umgebung aufwerten. Dort gibt es im Umfeld schon ein paar andere Hochhäuser und das mag zueinander passen, ohne tatsächlich dem „Gesicht“ der Stadt etwas Relevantes hinzuzufügen. In Magdeburg soll der geplante Neubau vermutlich den Eingang zu Stadtfeld darstellen. Es steht aber tatsächlich sehr isoliert an dieser Stelle und korrespondiert baulich nicht mit einem einzigen Gebäude in der Nähe. Das bekommt dem Haus schlecht, welches sich in einer eher niedrigen Umgehungsbebauung wieder findet, die es in Braunschweig an der Stelle so nicht gibt. Warum versuchen wir also, eine Stadt wie Braunschweig eher schlecht zu kopieren, statt die Fläche dafür zu nutzen, Stadtfeld wirklich innovativ mit einem „Eingang“ an dieser Stelle zu versehen? Vielleicht sogar mit einem, mit dem man sich kreativ auseinandersetzen möchte. Ein verspiegeltes und damit auch versiegeltes, ganz sicher nicht offenes Haus an diese Stelle zu setzen, zeugt von Desinteresse an dem Stadtteil und seinen Gegebenheiten und wird den baulichen Herausforderungen des Ortes in keiner Weise gerecht. Der Braunschweiger Ansatz, eine leere Fläche neu zu füllen, kann hier nicht greifen, denn es gibt eine dichte Bebauung im unmittelbaren Umfeld. Das in Material und Bauweise aufzugreifen, könnte an diesem wichtigen Ort, an welchem eine Menge Straßenbahnlinien zusammentreffen und viele Gäste, die vom Haupt- oder Busbahnhof zum ersten Mal auf die Stadt treffen, eine Menge bewirken. Stattdessen setzen wir die Fehler vom Bahnhofsvorplatz bruchlos fort. Wir verpassen die einmalige Chance, an durchaus exponierter Stelle gestalterisch etwas für die Zukunft zu erreichen. Aber das scheint nicht zu den wichtigen Zielen der aktuellen Stadtplanung zu gehören. Ebenso wie der zunehmende Mangel von bezahlbarem Wohnraum im Innenstadtbereich verbauen wir hier die Möglichkeit für die Zukunft einer sozialen Stadt. Auch daran scheint niemand tatsächlich interessiert zu sein.

Auch der Rückbau betrifft in den allermeisten Fällen preiswert vermietete Flächen, welche durch eine hochpreisigere Bebauung ersetzt werden. So verdrängt man die Armut aus der Innenstadt, denn neu gebaute Quartiere richten sich nicht mehr an die davon Betroffenen. Man kann es nicht oft genug wiederholen, es mangelt an Sozialwohnungen. Stattdessen wenden sich die Neubauten an Besserverdienende. Selbst in Buckau steigen die Mieten gerade enorm an. Man muss sich Magdeburg leisten können. Immer weniger Menschen aber können das. Wenn wir so weiter machen, dann verschärfen wir die sozialen Konflikte, indem wir sie an die Peripherie verschieben. Verschwinden werden sie so aber ganz sicher nicht. | Von Lars Johansen

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