Freitag, Juli 1, 2022
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StadtMensch: Transformation

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Magdeburg ist in Bewegung. Denn es steht eine grundlegende Änderung im Selbstverständnis der Stadt an. Und dafür verantwortlich ist tatsächlich Intel. Möglicherweise ist die Ansiedlung des Chipherstellers der Auslöser für eine weitere Transformation einer Stadt, die sich seit Jahren auf der Suche nach einer neuen Identität befindet.

Erinnern wir uns einfach an die vielen Transformationen in der Vergangenheit. Unter Otto dem Großen entwickelt sich im 10. Jahrhundert eine überschaubare Siedlung in der Börde zu einer Metropole als neue Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Immerhin gewann die Stadt eine Bedeutung, welcher der Roms nahezu ebenbürtig war. Dieser Zustand hat nicht lange angehalten, aber er hat die Geschichte des Ortes nachhaltig geprägt.
Fast 300 Jahre später, um 1225, entsteht mit dem Magdeburger Recht im Sachsenspiegel eine Rechtsgrundlage, welche zumindest für Osteuropa eine ungeheure Wirkmächtigkeit entfaltete und das Verständnis von Stadtrecht grundlegend und neu definierte. Große Teile Europas nutzten es als Grundlage für ein modernes Rechtsverständnis.

Ein paar Jahrhunderte später blühte Magdeburg erneut auf, diesmal als eines der Zentren des evangelischen Lebens in der Mitte Europas. Unseres Herrgotts Kanzlei ist nicht nur der Titel einer Erzählung Wilhelm Raabes, sondern auch der Ehrentitel der protestantischen Metropole, die im 16. Jahrhundert den Bischöfen und Fürsten trotzte und die Macht eines neuen Bürgertums beschwor. Karl der Fünfte hatte das sogenannte Interim erlassen, um die neuen religiösen Verwerfungen, welche durch Luthers Thesen entstanden waren, erst einmal in einer Art Zwischenstatus zu belassen, um dann irgendwann die Protestanten wieder in die katholische Kirche einzugliedern. Und so hatte er Magdeburg 1547 unter Reichsacht gestellt, welche erst sein Nachfolger Ferdinand der Erste 1562 aufhob, und 1550 wurde die Stadt erfolglos belagert. Zwei Jahre später musste der Kaiser diese konfessionelle Spaltung dann anerkennen. Der Anteil Magdeburgs daran ist nicht zu klein zu bewerten und führte mittelbar 1631 zur kompletten Zerstörung, die durchaus symbolischen Charakter hatte. Das Bürgertum hatte erst einmal wieder gegen die Fürsten verloren. Und ein neues Wort war in den europäischen Sprachschatz eingegangen: Magdeburgisieren, ein unangenehmer Euphemismus für die totale Zerstörung eines Ortes.

Doch die Stadt erholte sich, schwer zwar, mühevoll, und es dauerte lange, aber am Anfang des 18. Jahrhunderts haben wir wieder eine Festungsstadt von einiger Größe, die 1806 sogar als größte Festung Preußens gilt. Auch die napoleonische Besatzung vermag diesem Status nichts anzuhaben. Erst der Bau der Eisenbahn und die Einsicht, dass sich ein derartiges Festungswesen wohl überlebt hat, führt Ende des 19. Jahrhunderts zum allmählichen Rückbau der Anlagen.

Stattdessen verwandelt sich Magdeburg erneut, transformiert im 19. Jahrhundert zu einer modernen Industriemetropole, der im Deutschen Reich eine immer größere Bedeutung zukommt. Damit ist dann spätestens 1945 mit der erneut kompletten Zerstörung der Stadt Schluss.

Doch wieder erfindet sich Magdeburg im 20. Jahrhundert neu und wird nun Stadt des Schwermaschinenbaus. Das Stadtzentrum wird weitreichend abgerissen und völlig neu errichtet. Eine Musterstadt für den Sozialismus entsteht in den 70er-Jahren. Eine weitere Transformation hat eingesetzt, bleibt aber unvollendet, weil die Wiedervereinigung dem ein Ende setzt. Innerhalb weniger Jahre wird der Schwermaschinenbau marginalisiert. Und es bleibt erst einmal, beinahe passend, wenn man Otto von Guerickes Erfindung bedenkt, ein Vakuum zurück. Obwohl die Arbeitslosigkeit im 21. Jahrhundert allmählich zurückgeht und modernes Dienstleistungsgewerbe entsteht, fehlt doch eine grundlegende Agenda. So wie der Stadtumbau eher planlos erfolgt und in vielem zufällig agiert wird, so sehr fehlt der Mut zu etwas Größerem.

Genau das könnte sich tatsächlich jetzt ändern. Nein, es muss sich ändern. Denn endlich wird etwas sichtbar, das mindestens für die nächsten Jahrzehnte sehr einflussreich werden wird. Intel ist natürlich erst ein Anfang. Und wenigstens die Landesregierung hat reagiert und eine Stabsstelle in der Staatskanzlei eingerichtet. Denn, anders als viele vermuten und es von der Stadt gerne verbreitet wird, ist die Ansiedlung tatsächlich nur bedingt dem scheidenden Oberbürgermeister oder der Wirtschaftsbeigeordneten zu verdanken. Diese haben zwar nichts verhindert oder unglücklich agiert, aber die Handschrift eines anderen ist deutlich zu spüren. Der ehemalige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und neuer Leiter der Stabsstelle ist ein unauffällig agierender Ingenieur, der es immer wieder schafft, Innovationen zu etablieren, ohne dabei lautstark seine Wichtigkeit zu betonen. Daher ist ihm zuzutrauen, diese Transformation Magdeburgs in eine digitale Metropole voranzutreiben. Denn eine Ansiedlung wie Intel wird weitere Firmen auf den Plan rufen. Elektromobilität und Digitalisierung werden in einer sich zunehmend verändernden Arbeits- und Lebenswelt immer größeren Raum einnehmen. Und Magdeburg hat die erneute Chance, Vorbildcharakter (nicht nur) für Deutschland zu entwickeln. Das bedeutet aber auch eine grundlegende Veränderung im Denken einer Stadt. Alte Muster werden da nicht weiter helfen. So etwas wie den Bahnhofstunnel kann sich eine transformierende Stadt eigentlich nicht mehr leisten, denn das verweist in die Vergangenheit. Es ist daher zu hoffen, dass die neue Oberbürgermeisterin ihre Wahlversprechen, alles so weiter wie bisher zu machen, vergisst und sich auf eine notwendige Transformation einlässt. Dann, und nur dann, wird Magdeburg in dieser Welt im Umbruch eine gewichtige Rolle spielen. Denn wenn diese Stadt eines kann, dann sich neu zu erfinden. Und jetzt ist die Zeit dafür endlich angebrochen.

Lars Johansen

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