Freitag, Januar 21, 2022
Anzeige

StadtMensch: Über allen Wipfeln ist Ruh

Anzeige

Folge uns

Der Wald stirbt. Nein, das ist keine neue Nachricht, aber es bleibt wahr. 40% der Fichten im Harz sind tot. Das stimmt natürlich nicht, werden nun die Puristen erwidern, denn sie sind ja „nur“ schwer geschädigt. Und „wir“ sind auch nicht schuld daran, sondern der Borkenkäfer. Nicht der ominöse asiatische Laubholzbockkäfer, wegen dem in Magdeburg das halbe Baumgrün gefällt wurde, welches nicht den Neubauten, Rohrverlegungen, Straßenbahnstrecken, vorauseilendem Gehorsam oder amtlicher Inkompetenz zum Opfer gefallen ist. Die Bäume haben in Magdeburg nicht mal die Chance abzusterben, sondern werden immer rechtzeitig umgesäbelt, bevor wirklich was passieren kann. Den Rest erledigt der zunehmend ausbleibende Niederschlag, der aber natürlich nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Der ist ganz natürlich und dass der Anteil kranker Bäume dreimal so hoch ist wie vor dreißig und sogar noch vor vier Jahren, interessiert niemanden ernsthaft, denn es ist ein alter Hut.

Es mag wie ein Pfeifen im Wald klingen, aber da ist kein Wald mehr, in welchen man hineinrufen kann und aus dem es dann genauso heraus schallt. Und es gibt auch keine Querdenker oder Verschwörungstheoretiker, die sich dafür interessieren. Dabei könnte man doch noch am ehesten hier Echsenmenschen vermuten, deren einziges Ziel es ist, die Menschheit auszurotten. Aus welchem Grund hätte man sonst im Harz Monokulturen von Fichten anlegen sollen, die dann folgerichtig vom Borkenkäfer befallen werden und, übrigens für jedermann deutlich sichtbar, absterben? Sollten also die Forstwirte und Waldbesitzer im Harz in den letzten Jahren versucht haben, uns zu schädigen, dann haben sie erfolgreich gearbeitet. Das könnte man zurecht auch vom Magdeburger Grünflächenamt behaupten, denn entgegen aller vollmundigen Ankündigungen reduziert sich der Baumbestand in der Stadt Jahr für Jahr weiter. Aber erst auf intensive Nachfrage wird mit diesen Fakten herausgerückt.

Interessant ist tatsächlich, dass auch eine grüne Beteiligung an der Landesregierung in den letzten Jahren nichts genutzt hat, denn gerade in deren (Mit-)Regierungszeit sind die Zahlen so massiv in die Höhe geschossen. Das zeigt deutlich, dass Naturschutz nicht ihr ureigenes Thema ist oder scheinbar an den Gegebenheiten scheitern muss. Da sind allgemeine infrastrukturelle Fragen und vor allem Radverkehrskonzepte eben wichtiger. Der Landschaftsschutz wird nebenbei abgefrühstückt. Auch darum kommt die grüne Bewegung hierzulande mit den Stimmanteilen auf dem flachen Land nicht weiter, sondern findet nur in den großen Städten eine sichtbare Resonanz.

Bäume haben tatsächlich keine Lobby. Sich dafür zu engagieren, hat möglicherweise keinen Charme. Denn die hier aktiven Menschen wirken wie aus der Zeit gefallen, in einer Mischung aus Esoterik, scheinbarer Fortschrittsverweigerung und einer Verschrobenheit, welche an einen Waldschrat gemahnt. Natürlich lassen sich Politiker parteiübergreifend gerne bei Baumpflanzaktionen filmen und schnell sind ein paar Fotos gefunden, auf denen Bürger Bäume pflanzen, aber das viel zu wenige Nachpflanzen von kleinen Schösslingen, welche dann zu großen Teilen dank den ausgedehnten Trockenphasen auch noch eingehen, nutzt niemandem ernsthaft.

„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“, konnte Bertolt Brecht 1939 noch in seinem berühmten Gedicht „An die Nachgeborenen“ schreiben, um dann fortzufahren: „Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“ Aber nun können, sollten und müssen wir sogar mal wieder über Bäume reden, weil es da eben auch um Untaten geht. Denn relativ gedankenlos wird hierzulande immer noch mit dem Baumbestand umgegangen. Gesagt wird es parteiübergreifend zwar anders, aber immer wenn es wirklich ernst wird, dann erinnert sich niemand mehr an gegebene Versprechen. Es ist unstrittig, dass abgestorbene oder einsturzgefährdete Bäume in den allermeisten Fällen gefällt werden müssen. Und wenn ihre Wurzeln zu tief in wichtige Leitungen eingedrungen sind, muss man natürlich auch über die weitere Existenz nachdenken. Aber dabei handelt es sich um Ausnahmen. Oft reicht ein zu sehr beschattetes Fenster oder ein leicht verdunkelter Innenhof, um die Betroffenen zur Kettensäge greifen zu lassen. Dann werden Schäden angerichtet, welche nicht wieder gut zu machen sind. Und wenn die Nachpflanzungen vor zwanzig oder dreißig Jahren auch noch funktioniert haben, so klappt das heute eben nicht ohne weiteres. Viele der jungen Bäume gehen ein, weil die Trockenheit ihnen zu sehr zusetzt. Kurze warme Winter rotten die Schädlinge nicht aus, invasive Tier- oder Pflanzenarten tragen auch zur Schädigung bei. All das sind keine neuen Botschaften, aber anscheinend werden sie von der Politik nicht oder nur bedingt verstanden. Zusammen ergeben sie ein erschreckendes Bild. Weder gibt es eine einheitliche Vorgehensweise, noch wird der Zustand als so besorgniserregend empfunden, dass wenigstens ein rascher Notfallplan entsteht. Kurz, es geschieht außer ein paar netten Ankündigungen und unzureichenden Neupflanzungen nichts.

Selbst wenn das Umdenken jetzt einsetzen würde, dauert es mindestens zehn oder zwanzig Jahre bis man Resultate erkennen kann. Aber der Baum wird immer noch zu sehr als Wirtschaftsfaktor begriffen und nicht als das, was er vor allem ist, nämlich überlebenswichtig für uns alle. Er soll an dieser Stelle keinesfalls romantisch überhöht werden, auch wenn man rasch in die Situation gerät, das zu tun. Nur steigt die Gefahr, dass wir vor lauter fehlenden Bäumen irgendwann überhaupt keinen Wald mehr sehen können. Und der würde wirklich fehlen. | Lars Johansen

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Klarer Himmel
-1.7 ° C
-0.8 °
-3.4 °
82 %
0.5kmh
1 %
Fr
4 °
Sa
6 °
So
6 °
Mo
8 °
Di
6 °

E-Paper