StadtMensch von Lars Johansen mit “Risse”

Landauf, landab ist es überall zu lesen, zu hören, zu sehen. Es wird geradezu multimedial in die Köpfe hinein geprügelt. Ein Riss geht durch die Gesellschaft, als wäre das die neueste Nachricht, die alle Verwerfungen erklären kann. So, als hätte gestern ein Erdbeben stattgefunden und auf einmal hätte sich dieser Riss wie aus dem Nichts aufgetan. Und natürlich ist er tief und die Gegensätze sind unüberbrückbar, das könne man ja sehr gut an der Wahl in Amerika sehen. Da sei ein ganzes Land völlig zerrissen und es sei völlig unklar, wie es nun weitergehen solle. Diese Rissmetapher ist inzwischen so wohlfeil geworden, dass sie für die weltweite Gesamtsituation herhalten muss, für Corona und Klimakrise, Gendersterne und Elektromobilität, Fahrradwege und Rechtsradikalismus. Überall geht ein Riss durch die Gesellschaft, obwohl bei diesen vielen Sachverhalten eigentlich schon ganz viele Risse unterwegs sein müssen, also ein riesiges Rissproblem auf uns zukommt, dass vermutlich mindestens einen weiteren Riss auslösen könnte, der natürlich wieder einmal mitten durch unsere Gesellschaft geht.

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Einmal ernsthaft gefragt: Wo kommt dieser ominöse Riss auf einmal her? Vielleicht ist er schon viel länger da und möglicherweise, dieses Wortspiel sei erlaubt, ist er eigentlich der Grundriss unserer Gesellschaft. Denn es kann doch sein, dass er dazu gehört, dass sie darauf aufbaut. Der Wunsch aller ist natürlich immer ein Konsens, eine große Versöhnung zwischen vielen unterschiedlichen Positionen, die überall nur zufriedene Gesichter zurücklässt. Was wäre aber, wenn es die nicht gibt und auch nicht geben kann? Es war, glaube ich, Peter Scholl-Latour, der, gefragt wie man den Nahostkonflikt lösen könne, die Frage zurückgab und fragte, warum man ihn lösen müsse. Die Fragestellerin sei wohl eine, die alles immer unbedingt lösen müsse. Aber es könne doch sein, dass er gar nicht lösbar sei. Und vielleicht hat er recht. Die besten Lösungen sind vielleicht keine. Sie halten ein Problem in der Luft, tarieren mühsam das Gleichgewicht aus, erfordern permanente Aufmerksamkeit und sind nie endgültig. Eine Endgültigkeit lässt keinen Widerspruch zu, etwas ist erledigt und man kann sich der nächsten Lösung zuwenden. Das Wort Endlösung gehört zu einem Sprachgebrauch, der zu Recht als totalitär begriffen wird. Nach dieser Lösung kann und darf es keine weiteren geben, es ist erledigt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Film „Metropolis“ von Fritz Lang und Thea von Harbou, der interessanterweise als erster Film in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen wurde. Es geht darin um den Aufstand der arbeitenden Massen gegen eine reiche Elite. Am Ende „vermittelt ein gutes Herz zwischen Hand und Hirn“, wie es im Film heißt. Man reicht sich die Hand und ab jetzt ist der Riss weg. Er ist aber nicht weg, die Reichen sind immer noch reich und die Massen schuften noch immer. Lang hat sich später von der Botschaft des Films distanziert und sie ausschließlich seiner Ex-Frau Thea von Harbou in die Schuhe geschoben. Die sympathisierte mit dem aufkommenden Nationalsozialismus, der genau diese Versöhnung, die keine war, keine sein konnte, anstrebte. Das Resultat war ein autoritäres Regime, das jede Abweichung streng bestrafte und letztendlich Millionen von Menschen das Leben kostete. Jede Form von Totalitarismus kann und will keine scheinbar endgültigen Lösungen von Problemen erneut in Frage stellen. Risse oder Abweichungen kann es da nicht geben.

Eine funktionierende Demokratie dagegen muss unterschiedliche Positionen aushalten, denn diese gab es nun einmal schon immer. Wenn sich also beispielsweise in Amerika zwei gleich große politische Lager gegenüberstehen, dann lässt sich das nicht einfach per Anordnung von oben lösen. Denn dieser scheinbare Riss, der von Kommentatoren immer wieder erwähnt, ja geradezu beschworen wird, ist einfach Teil der Gesellschaft.

Das mag nicht jedem zusagen, aber vielleicht ist es das tatsächliche Problem unserer Gegenwart, dass wir eine andere Position als unsere nicht oder nur schwer aushalten können. Schließlich neigen wir, und da nehme ich mich ausdrücklich nicht aus, dazu, unbedingt Recht behalten zu wollen und andere Positionen grundsätzlich abzulehnen. Dabei geht uns die Kunst des Kompromisses verloren. Nicht alles kann man mit einem solchen in Ordnung bringen, aber auf jeden Fall ist er eine Alternative zur Alternativlosigkeit. Da ist auch der Satz „Wir schaffen das“ von unserer Kanzlerin, den ich eigentlich sehr schätze, nicht ungefährlich, denn er setzt ein wir voraus, dass es aber nicht immer geben kann. Es ist möglich, dass „das“ geschafft wird, aber eben nicht von allen gleichermaßen, sondern nur von denen, die es schaffen wollen. Nun sollten sich die anderen nicht darauf zurückziehen, dass sie nicht gefragt worden seien und den Satz daher auch nicht mittragen müssten, könnten oder wollten. Denn es ist eines der Prinzipien einer Demokratie, dass eine Mehrheit sich in einigen Fragen durchsetzen wird, wenn kein echter (oder meinethalben auch falscher) Kompromiss möglich ist. Das sollte aber die Ausnahme bleiben. Wir müssen also wieder lernen, Widersprüche auszuhalten, über sie zu reden, aber sie auch stehenzulassen, wenn sie ein gedeihliches Miteinander nicht permanent stören. Das tun sie tatsächlich in den meisten Fällen nicht, sie gehören einfach dazu und einfache Lösungen dafür sollten uns immer wachsam werden lassen. Denn das macht die Demokratie zu einer starken Staatsform, die durch das Aushalten der Unterschiede noch stärker wird. Und die scheinbaren Risse sind dafür eben notwendig.

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