StadtMensch: Warum gibt es eigentlich keine Extremstürme

Das Wort „Shitstorm“ hat sich, seit ein paar Jahren schon, auch bei uns eingebürgert. Wenn irgendeine Situation zu eskalieren scheint, dann wird es gerne benutzt, sofern diese Situation nur virtuell, also im Internet außer Kontrolle gerät. Schnell ist die Presse dabei, dieses Wort in die Überschriften zu schieben. Es lässt mich an die alten schwarz-weißen Horrorfilme der 30er Jahre denken, in denen am Ende immer ein mit Mistgabeln und Fackeln bewaffneter Mob das Monster, den Werwolf oder den Vampir zu lynchen versucht. Zu Beginn des nächsten Films scheinen die Menschen dann alles vergessen zu haben, nur um am Ende erneut ebenso zu eskalieren. Dem wohnt eine gewisse Komik inne, die von den später gedrehten Parodien auf das Genre dann auch erbarmungslos ausgenutzt wurde.

Die Verwendung des Wortes „Shitstorm“ erinnert daran. Es ist nur eine Schimäre, eine Erfindung der Presse, so wie der Mob nur fantasielosen Drehbuchautoren eingefallen ist, die ein spektakuläres Ende für ihre Filme brauchten. Eigentlich schildert es nur ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem Internet und den sozialen Medien. Denen traut man alles zu, schließlich lassen sie die Jugend verrohen und schließen die Alten aus. Natürlich stimmt beides nicht, aber wenn alle das sagen, dann muss doch etwas dran sein. Denn warum sollte jemand so etwas einfach erfinden? Er hätte doch nichts davon. Auch das ist eine grundfalsche Annahme. Denn das lineare Fernsehen und die Tageszeitungen verlieren ihre Nutzer. Schuld daran sind in erster Linie sie selber, denn das Nutzerverhalten junger Menschen, den Digital Natives, hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Sie gehen anders mit Medien um, nutzen wechselnde Möglichkeiten, sich zu informieren oder zu unterhalten, und verweigern sich Abonnements und gewachsenen Programmstrukturen des Fernsehens.

Statt darauf zu reagieren und die eigenen Angebote entsprechend zu verändern, verharren Medien in den althergebrachten Strukturen und greifen die veränderten Nutzergewohnheiten an. Das erinnert an die deutsche Automobilindustrie, die den Wandel verschlafen hat, nun auf ihren Produkten sitzen bleibt, und dafür Fördermittel bekommen möchte, um die eigenen Fehler zu kaschieren. Sonst müssten sie eben Arbeitskräfte entlassen, drohen sie nimmermüde, kassieren die staatlichen Gelder und entlassen dann trotzdem irgendwann.

Ähnlich geht es Konzernen wie Karstadt, die jahrzehntelang die Innenstädte mit mehr oder minder hässlichen Zweckbauten abtöteten, das Internet und die gewandelten Kundenbedürfnisse verschliefen und nun für die Misswirtschaft ihrer miesen Manager alimentiert werden wollen. Wo waren denn Quelle und Neckermann als Amazon anfing? Sie saßen oben in der Nahrungskette und kamen nicht auf die Idee, sich zu wandeln und ihre fabelhafte Logistik zu nutzen, um dem neuen Konkurrenten Paroli zu bieten. Ich habe es nie verstanden, warum gerade die Versandhäuser so schnell verschwunden sind. Schließlich hätte es gereicht, ihre Kataloge zu digitalisieren und dann Amazon vom Markt zu fegen. Aber es kam anders. Und es wurde nur über den Wandel geklagt, statt ihn zu erkennen und zu nutzen. Mit dem Wandel der Lese- und Sehgewohnheiten ist es nicht viel anders. Statt damit umzugehen, wird er lauthals beklagt und verteufelt. Wenn die Netzgemeinde nun über einen Vorgang kontrovers diskutiert, dann geschieht das über Twitter, Instagram, Facebook oder andere Foren. Dabei fallen zugespitzte Formulierungen, die nicht immer freundlich sein müssen.
Wenn man sich ein paar Jahre zurückerinnert und beispielsweise an „Der Aufmacher“ von Wallraff aus dem Jahre 1977 denkt, dann wird man an die Kampagnen der BILD-Zeitung denken müssen, gegen die heutige „Shitstorms“ ein laues Lüftchen sind. Und auch FOX-News in den USA werden bis heute zwar als wichtiger Teil eines weltweit operierenden Nachrichtenkonzerns gesehen, aber als einer, der Realität verändert hat und immer noch verändert. Da sind es nicht Internetnutzer, sondern Medienprofis, die sehr bewusst Kampagnen steuern. Und ebendiese nennen kritische Diskurse im Netz gerne „Shitstorm“. Denn das sind keine von Konzernen gesteuerte Kampagnen, sondern tatsächlich unabhängige Ideen. Natürlich ist das Netz nicht wirklich gänzlich frei und nicht jede scheinbar hingeworfene Bemerkung ein purer Zufall. Die meisten dieser Aufreger laufen durchaus ähnlich ab. Jemand macht eine dumme Bemerkung, einen Fehler, der öffentlich wird und dann viral geht. Ob Jana aus Kassel oder Michael aus dem Magdeburger Stadtrat, naive Zeitgenossen, die glauben, dass ihre kleinen Dummheiten, die sie selber öffentlich machen, schon irgendwie übersehen werden, können Pech haben und man kritisiert sie dafür. Je heiterer der Fauxpas, desto schneller schlägt die Kreativität von Millionen netzaffiner Menschen zu. Da kann es schon ausreichen, seltsam gekleidet an der Inauguration eines Präsidenten teilzunehmen, um weltweit zu einem Bilderwitz zu werden.

Bei Fernsehsendungen merken es die eigentlich zuständigen Redaktionen, die Landesmedienanstalten oder sogar die Presse nie, sondern zuerst die Netzgemeinde. Wenn zum Beispiel in einer Sendung über Rassismus nur von davon nicht Betroffenen diskutiert wird, entschuldigen sich nachher zwar alle Beteiligten und der Sender auch, aber dann ist es eigentlich zu spät, das hätte vor der Ausstrahlung auffallen müssen. Der scheinbare Sturm der Entrüstung ist nur eine Anmerkung, auf die dann von den Betroffenen extrem reagiert wird. Man möchte sich eben gerne verfolgt fühlen, um mitreden zu können und betroffen zu sein. Mit Kritik umzugehen, ist nicht unbedingt leicht. Aber ein wenig Gegenwind ist trotzdem noch lange kein Sturm.