Freitag, September 17, 2021
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StadtMensch: Warum wir nicht wollen, was wir wollen

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Jeder weiß heute, was wir wollen. Denn Werbung wird immer weiter personalisiert. Wenn man sich durch das Internet bewegt, wird das ausgewertet. Man merkt es daran, dass, wenn man etwas sucht, plötzlich überall Banner und andere Werbungen aufploppen, welche das gesuchte Produkt bewerben. Wer ein neues Fahrrad erworben hat und das als Foto bei Facebook oder Instagram einstellt, der wird überschüttet mit Angeboten zu Fahrrädern. Schon daran kann man unschwer erkennen, dass die künstliche Intelligenz doch nicht so intelligent ist, wie alle immer denken. Denn diese Ware habe ich ja schon erworben. Ein wirklich guter Algorithmus böte jetzt Fahrradhelme, Kindersitze, Versicherungen oder Schlösser an. Aber ganz so weit ist er noch nicht. Der Nachteil bei dieser ganzen personalisierten Werbung aber ist ein ganz anderer. Du bekommst zum großen Teil nur noch das angezeigt, von dem man denkt, dass du es willst.

Begonnen hatte das damals bei einem mittlerweile zu einer riesigen Datenkrake herangewachsenen Monopolversandhaus. Dort jedenfalls zeigte man mir von Anfang an, was andere Menschen, die das, was ich geordert habe, ebenfalls gekauft haben, ansonsten noch so erworben haben. Jahrelang hatte ich überlegt, völlig absurde Dinge gleichzeitig zu bestellen, also einen Horrorfilm und dazu Bleichmittel, Spitzhacke, Spaten und feste Folie. Das würde Menschen vielleicht Angst machen oder sie auf Ideen bringen. Natürlich habe ich so etwas nie getan. Und manchmal bin ich durch das Einkaufsverhalten anderer auf wirklich interessante Dinge gestoßen. Aber immer handelte es sich dabei um etwas, das mir früher oder später ohnehin über den Weg gelaufen wäre. Ich wurde niemals wirklich überrascht.

Diese Überraschungsarmut ist das Resultat einer homogenen Blase von Menschen, die ähnliche Interessen wie ich verfolgen. In den sozialen Medien befreunden wir uns meistens mit Menschen, die wir sehr gut kennen oder deren Interessen wir teilen. Also begegnen wir hier nur dem, was wir kennen und mögen. Aber es fehlt die Möglichkeit, wirklich Neues kennenzulernen. Es ist so, als würdest du aus deinem Dorf oder deiner Kleinstadt nicht herauskommen. Das globale Netz produziert globale Provinzialität. Und das wiederum hat Auswirkungen. Zum einen werden wir in unserem Handeln und Denken bestärkt, weil andere Meinungen immer öfter ausgeblendet werden. Zum anderen beginnen wir dadurch, unsere Weltsicht zu beschränken. Alles scheint konsequent mit mir übereinzustimmen und vor allem ein Konsens aller zu sein. Wir nehmen andere Meinungen nur noch als schwaches Echo und Randerscheinung wahr. Außer wir achten darauf, das Andere, das Unangenehme, das Überraschende eben nicht auszublenden. Aber das muss man auch aushalten können und dafür bedarf es echter Toleranz und vor allem Interesse am Fremden. Doch das wird zunehmend schwieriger.

Sehr gut lässt sich die Problematik zum Beispiel an Streamingdiensten festmachen. Wenn wir diese abonnieren, dann weil uns das Programm interessiert. Und anhand der Zuschauerzahlen kann ziemlich genau ermittelt werden, was Menschen tatsächlich interessiert. Die Einschalt- oder in diesem Fall Abrufquote entscheidet letztendlich über die Programmgestaltung. Demokratischer ist es kaum möglich. Und so geben die Firmen Milliarden dafür aus, das zu produzieren und bereitzustellen, was die Menschen mehrheitlich wollen. Der Kunde ist im wahrsten Sinne des Wortes König und die Künstler nur Narren, die alles zur Unterhaltung der Majestäten tun. Denn die gezeigten Filme und Serien entsprechen den Sehgewohnheiten der Mehrheit. So sind alle glücklich. Aber eigentlich auch nicht.

Ich erinnere mich, ich muss so zehn oder elf gewesen sein und mein dringendster Wunsch war eine Autorennbahn, präzise eine Carrera-Bahn. Eigentlich hatten wir nicht so viel Geld, aber Weihnachten und Geburtstag zusammen ergab dann doch die Möglichkeit und da stand sie dann, meine Rennbahn. Ich war das glücklichste Kind auf der Welt. Und dann wurde gerast und gerast, Runde um Runde, es war perfekt. Ein paar Tage jedenfalls, dann nahm ich sie auseinander und baute sie wieder neu auf. Und wieder machte sie Spaß. Und dann baute ich sie ab und irgendwann wieder auf. Die Abstände zwischen Ab- und Wiederneuaufbau wurden länger und länger. Irgendwann spielte ich wie vorher wieder mit der Holzeisenbahn und den Legosteinen und der Fantasie. Die Autobahn war so konkret, so perfekt, und ohne Raum für meine Fantasien, dass sie mich langweilte. Denn sie war ohne mich genauso gut wie mit mir. Sie brauchte mich nicht, um zu sein.

Und genau so ist es mit den Filmproduktionen, die so perfekt dem entsprechen, was wir erwarten. „The Fast and the Furious“ hat mittlerweile neun Teile, die alle perfekt funktionieren, aber niemals überraschen. Wir wissen, was wir im Kino bekommen. Das ist wie bei Marvel, Star Wars und „Bibi und Tina“, alles ist so wie wir es möchten und genau darum kreuzlangweilig und bieder. Irgendwie schmeckt es schon, aber eben immer gleich oder ähnlich. Kunst war immer dann gut, wenn sie überraschte. Van Gogh hat zu Lebzeiten nichts verkauft, weil er die Menschen verstörte, aber schon kurz danach gehörten seine Werke zum Kunstkanon. „Citizen Kane“ war kein Erfolg bei der Kritik und beim Publikum und gilt heute als unbestrittenes Meisterwerk. Aber eines, das trotzdem entstand, obwohl es erst einmal niemand bestellt hatte. Und so ist es mit allem. Richtig faszinierend ist es nur dann, wenn wir es nicht erwarten und kennen und wissen, was kommt. Wir wollen einfach unkalkuliert überrascht werden. Mit etwas, von dem wir nichts ahnen. Muss ja nicht gleich Corona sein oder die Taliban. Aber eben auch nicht Baerbock oder Laschet, Bibi oder Bond, Bananenhefe oder Kartoffelchips, die nach Currywurst schmecken sollen. Das kann doch keiner wirklich wollen. | Lars Johansen

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