StadtMensch: Wider das Glotzen

Das gehört ja oft zusammen, Glotzen und Motzen. Es ist einfach und wohlfeil, dagegen zu sein, ohne einen besseren Vorschlag anbieten zu müssen. Interessanterweise sind es die gleichen Menschen, die an einer Unfallstelle langsam vorbeifahren, um einen wenigstens kurzen Blick auf das Elend anderer zu erhaschen und es vielleicht sogar noch zu fotografieren, die in den sozialen Medien dann gegen alles vom Leder zu ziehen. Nie können sie einmal für eine Sache streiten oder eine interessante Aktion unterstützen, sondern sie finden Haare in jeder Suppe. Alle Suppen scheinen für sie ausschließlich aus Haaren hergestellt zu sein, sie legen den Finger in jede Wunde und wenn keine da ist, dann bohren sie so lange herum, bis endlich Blut fließt und sie wieder etwas zu glotzen haben. Du wirst ihnen nicht in Ehrenämtern begegnen, weil sie sich dann ja für etwas engagieren müssten. Lieber ziehen sie das Engagement von anderen in den Dreck und verweisen gerne auch auf ihre schlechten Erfahrungen mit anderen Menschen, für die sie irgendwann mal irgendwas getan hätten. Undank sei der Welt Lohn und niemand würde sie verstehen.

Gerade in Krisenzeiten erkennst du sie gut. Denn sie hätten alles besser gemanagt, sie kennen den Virologen irgendeiner obskuren kleinen Klinik in einem obskuren Land, der die ganze Epidemie zu einer Erfindung der Herrschenden erklärt, die damit das Wirtschaftssystem zerstören wollen. Warum sie das wollen, bleibt offen, aber denen „da oben“ traut man ja alles zu. Wer das ist, das wird auch nie genauer erklärt, aber dass sie böse sind und sich nur bereichern wollen, das sei doch unbestreitbar.

Darüber geht oft verloren, dass es auch andere gibt. Und die sind vielleicht nicht ganz so laut, aber dafür effizienter. Und auch die erkennst du in Krisenzeiten besser als sonst. Denn sie bewirken etwas, indem sie sich engagieren. Sie kaufen für kranke oder alte Nachbarn ein oder organisieren Strukturen, die das ermöglichen. Sie jammern nicht über die Kontaktverbote, sondern suchen aktiv nach Möglichkeiten, diese soziale Isolierung zu überwinden oder wenigstens erträglicher zu machen.

Da gibt es einen Magdeburger Feuerwehrmann, der einfach dazu aufgerufen hat, an den Freitagabenden auf den Balkonen oder aus den Fenstern heraus zusammen das „Magdeburg-Lied“ zu singen. Und es machen Menschen mit, die auf einmal etwas weniger alleine sind. Oder sie hören einfach nur zu und fühlen sich trotzdem mit anderen verbunden.

Dann gibt es Menschen, die auf einmal innerhalb kurzer Zeit eine kleine App entwickeln, die es ermöglicht, bei miteinander vernetzten regionalen Anbietern Waren zu bestellen und über PayPal zu bezahlen. Die Vernetzungen, die hier entstehen, können sich als nachhaltig erweisen. Ohne lange Probeläufe ist da etwas an den Start gegangen, das ohne Not möglicherweise nicht (und schon gar nicht in so kurzer Zeit) entwickelt worden wäre und den kleinen Händlern in der Stadt ein wenig hilft. Auch das lässt die Menschen näher zueinander rücken, denn es sind keine seelenlosen Ketten, die bei den ersten Problemen einfach mal so die Mietzahlungen einstellen und trotzdem auf staatliche Unterstützung hoffen dürfen, sondern die Betriebe vor Ort, die sich zu ihrer Verantwortung für die Stadt bekennen. Wenn die Krise vorbei ist, sollte man sich daran erinnern und sein Kaufverhalten entsprechend anpassen.

Aber auch die Kunst findet neue Wege. Während die festen und sehr gut alimentierten staatlichen Strukturen wie das Theater erst nach mehrfacher Aufforderung durch die örtlichen Medien überhaupt reagieren, greifen die freien Künstler nach der neuen Chance. Sie streamen einfach ihre Auftritte. Die Clubs bieten ebenfalls kostenlose Live-Streams, in denen sie Musik spielen und so das Gemeinschaftserlebnis in Echtzeit zu jedem bringen, der gerne dabei sein möchte. Die Teilnehmer können dafür spenden und viele machen es auch, um ihre kulturellen Strukturen in der Stadt auch in Zukunft zu erhalten. Andere stellen ihre Räume und die Technik kostenlos zur Verfügung, um regionalen Künstlern eine Plattform zu bieten und gleichzeitig ihren Besuchern in Erinnerung zu bleiben. Man spricht sich sogar ab, wenn zum Beispiel der Moritzhof am Samstag ein Live-Event sendet und das Café Central im Anschluss daran bruchlos übernimmt. Aus möglicher Konkurrenz wird gemeinsames Handeln. Ein Zusammenschluss von freien Kulturträgern ist in stetem Dialog mit der Politik der Stadt, aber auch des Landes. Die Treffen verlaufen, das kann ich aus eigener Anschauung bestätigen, achtsam und sind von gegenseitigem Respekt geprägt. Und das ist auch keine Einbahnstraße.

Die Politik, die von der Situation genauso überfordert ist, bringt milliardenschwere Hilfspakete an den Start. Da ist manches mit heißer Nadel genäht, aber immerhin hören sie den Betroffenen zu. Manche suchen sogar von sich aus den Kontakt, fragen um Rat, suchen aktiv nach Verbesserungen. Wer jetzt nicht jammert oder eben motzt und glotzt, der kann etwas, auch für sich selber, erreichen. Es gibt eine Offenheit, wie sie nur in einem demokratischen System funktionieren kann. Nein, China macht es nicht besser, auch wenn sie jetzt richtig zu reagieren scheinen. Aber als im November in Wuhan die Seuche ausbrach, wurde erst einmal vertuscht und geleugnet. Viel zu spät wurde reagiert und eine weltweite Pandemie dadurch überhaupt erst ermöglicht. Diktaturen und autokratische Systeme sind die Petrischale für Viren. Gemeinsinn und Transparenz können sie stoppen. Das erscheint zu einfach? Aber es ist so, da kann man glotzen und motzen, wie man will. Und, natürlich, diese Freiheit, auch die der Bewegung, die müssen wir uns nach Corona wieder zurückerobern. Und dann wird das schon.

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