Montag, November 28, 2022

StadtMensch: Zu viel mobil

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Intel kommt nach Magdeburg. Eine Kolumne, die mit diesen Worten beginnt, erscheint wie aus der Zeit gefallen, denn natürlich weiß das jeder bereits. Und ebenso natürlich haben alle schon über die Nebenwirkungen diskutiert. Es wird mehr Arbeitsplätze geben, was der Stadt gut tut und einen Zuzug, welcher ebenfalls positive Auswirkungen haben wird. Die ehemalige Industriemetropole wird sich in ein zukunftsträchtiges Silicon Valley verwandeln. Natürlich ist das zu optimistisch, aber es wird Veränderungen geben und das ist alleweil positiv. Und ja, die Grundstücks- und Mietpreise werden steigen, aber da gilt es für die Stadt, gegenzusteuern. Mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft hat man dafür das notwendige Werkzeug an der Hand, wenn sie sich wieder auf eine ihrer Kernkompetenzen besinnen würde, nämlich sozialen Wohnraum zu schaffen. Davon werden wir ein wenig mehr brauchen, um die fälligen Mieterhöhungen etwas abzufedern. Und da müssen nicht neue innenstadtnahe Luxusquartiere entstehen. Davon gab es in den letzten Jahren genug. Und eigentlich ist das nicht die Aufgabe eines städtischen Unternehmens, sondern es gilt mehr, den künftigen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegenzusetzen und so auch ein wenig gegenzusteuern. Nur so kann ein sozial verträglicher Mix entstehen, der eine lebendige Stadt ausmacht.
Vor allem aber wird die neue Ansiedlung vor den Toren der Stadt Auswirkungen auf die Verkehrsströme haben. Zwar gibt es schöne Ideen von Straßenbahnen, die als Hybridbahnen auch auf Eisenbahnschienen verkehren könnten, aber das würde einen kompletten Wechsel des Systems bedeuten und erscheint eher unwahrscheinlich. Der Vorteil einer solchen Lösung liegt jedoch auf der Hand, denn so könnte es natürlich einen Wechsel von S- auf Straßenbahn und umgekehrt geben. Das würde völlig neue Möglichkeiten erschließen, Verkehr anders zu denken. Daher sollten wir uns dem nicht verschließen, denn in anderen Orten wird das schon erfolgreich praktiziert. Grundsätzlich stellt es also ganz gewiss eine zukunftsträchtige Alternative dar. Auch und gerade, wenn ich bedenke, dass es noch über zwanzig Jahre dauern soll, bis die Straßenbahnhaltestellen in Magdeburg komplett barrierefrei sind. Das ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, in welcher wir einen zunehmenden Altersdurchschnitt haben, der nach barrierearmen Fortbewegungsmöglichkeiten in der unmittelbaren Zukunft geradezu verlangt. Auch und gerade Ottersleben muss umgehend an das Schienennetz angeschlossen werden, denn die Eröffnung von Intel ist nicht mehr lange hin, und wir wissen doch, dass Verkehrsplanung ein langwieriger Vorgang ist, wie uns die Tunnelbaustelle schmerzhaft gelehrt hat. Die Veränderungen im ÖPNV sind notwendiger und auch sinnvoller als die mittlerweile gehandelte Idee, eine riesengroße ostelbische Umgehungsstraße mit zusätzlicher Elbquerung zu bauen. Das sind tatsächlich rückwärts gewandte Träume von Realitätsverweigerern, welche immer noch mit Fahrbahnideen des vergangenen Jahrtausends schwanger gehen. Der Klimawandel ist aber nun einmal eine nicht mehr wegzuleugnende Realität, wie man an den mangelnden Niederschlägen in unserer Region deutlich erkennen kann. Ein Mehr an Autostraßen ist da sicher kontraproduktiv. Und der übermächtige Wunsch einiger weniger nach einer weiteren Elbquerung im Zuge dieser Planungen stellt alles andere als eine gute Idee dar. Die Zukunft liegt in der Vermeidung von Auto- und Individualverkehr. Das kann man nicht oft genug betonen, auch wenn es einigen nicht gefällt. Die massiv ansteigenden Energiepreise werden früher oder später diese Konsequenzen haben. Au-tos stellen einen Luxus dar, der auf Dauer nur für wenige noch finanzierbar bleibt, vor allem wenn die Komplettkosten endlich einmal den Nutzern dieser Fahrzeuge in Rechnung gestellt werden. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand in einer nahverkehrstechnisch gut erschlossenen Großstadt lebt oder eher auf dem Land, wo die Mobilität immer noch erschwert wird. Hier ist für eine Angleichung zu sorgen. Das sagt sich leicht, ist aber durchaus machbar und wird in Zukunft an Relevanz gewinnen. Dabei wird dann auch die unmittelbare Umgebung von Magdeburg durch den Intel-Zuzug profitieren. Wir könnten endlich einmal Vorreiter dafür sein, Verkehrsströme neu zu denken und zu lenken. Und gerade die Menschen, welche für eine nagelneue Computerchipfabrik arbeiten, sind ganz gewiss für Impulse dieser Art in besonderem Maße empfänglich. Auch hätte eine solche Umgehungsstraße natürlich ebenfalls Auswirkungen auf den Westteil der Stadt, denn auch hier müssten großzügige Anschlussstellen gebaut werden. Der Verkehr würde weiter und sogar noch in erweitertem Maße in die Stadt hinein geführt. Das wiederum bedeutet dann Einschränkungen für die Lebensqualität der betroffenen Anwohner. Gerade große Städte wie Paris oder Barcelona beweisen zur Zeit die Überholtheit solcher Konzepte, die aus der Zeit gefallen sind. Das 21. Jahrhundert hält andere Herausforderungen für uns bereit. Sich ihnen nicht zu stellen, ist ein Zeichen von gefährlicher Schwäche im Angesicht der anstehenden Probleme. Die Unternehmen, welche sich im Umfeld von Intel hier neu ansiedeln könnten, werden sich genau ansehen, ob unsere Planungen so zukunftsträchtig wie ganzheitlich sind. Hightech-Unternehmen, von denen erwartet wird, dass sie sich selber ebenfalls immer wieder neu erfinden angesichts des rasenden technischen Fortschritts, erwarten selbiges auch von einer Großstadt, die ihnen Heimat bieten soll. Sonst bleiben sie anderswo, wo man kreativer auf die Probleme reagiert. Und das nicht oder rückwärtsgewandt zu tun, können wir uns nicht leisten, macht uns doch der Fachkräftemangel schon jetzt zu schaffen. Alles hängt heute miteinander zusammen, untrennbar verbunden. Moderne Mobilitäts-Strategien sind da ein wichtiger Baustein.

Lars Johansen

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