Dienstag, November 29, 2022

StadtMensch

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Schwindende Lichter

Die Apokalypse ist da. Jedenfalls ist die Stadt an den Abenden bedeutend dunkler geworden. Auch schließen einige Geschäfte mittlerweile vor 20 und teilweise sogar schon vor 18 Uhr. Selbst im Allee-Center ist 20 Uhr nur noch eine ungefähre Richtzeit, ein nicht allzu kleiner Teil der Läden dort löscht schon vorher das Licht. Unvernünftig ist das gewiss nicht, aber das hätte auch schon vor Jahren geschehen können, denn notwendig waren diese langen Öffnungszeiten nie. Der stationäre Handel hat den Wettbewerb mit den virtuellen Anbietern auf diesem Gebiet längst verloren. Sein Trumpf ist fachkundiges Personal und auch an diesem mangelt es. Es gibt also viel zu tun. Die Öffnungszeiten und die Beleuchtung sind nicht eigenen Überlegungen, sondern einer allgemeinen Energiekrise geschuldet. So wie die Digitalisierung erst durch Corona entscheidend vorangetrieben wurde, so waren es auch hier äußere Umstände, die zu einer Veränderung geführt haben. Scheinbar sind wir nicht mehr in der Lage, strategisch zu planen, sondern lassen uns lieber von extremen Zeiten in diese oder jene Richtung treiben. Auch Politik reagiert gerne auf schnelle Reize, statt langfristige Überlegungen anzustellen. Wenn irgendwo in den sozialen Medien ein Hund beginnt, den Vollmond anzuheulen und das Geheul immer lauter wird, dann dauert es verlässlich nicht lange, und ein paar Politiker jaulen mit, wohl wissend, dass der Mond in ein paar Tagen wieder abnehmen wird und niemand daran etwas ändern kann. Aber das wird gerne und schnell vergessen und die Dinge, welche man wirklich ändern könnte, mag niemand anfassen, weil es unpopulär ist. Das ist einer der Gründe, warum wir so von äußeren Umständen getrieben werden, statt selber etwas voranzubringen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Kaufhof in Halle. Der ist nämlich seit ein paar Tagen geschlossen. Und dieser Vorgang hat die Innenstadt gehörig verändert. Ein großes Kaufhaus mitten in der Stadt, mit einer Menge Geschäfte im unmittelbaren Umfeld, verschwindet. Was bleibt ist ein großes leeres Gebäude. Ich bin kein Freund von Kaufhäusern und halte sie für lange überholte Konzepte, die schon vor Jahren den veränderten Zeiten hätten angepasst werden müssen. Da nützt auch der neue Name „Galeria“ nichts, wenn sich dahinter nichts weiter verbirgt als die gleiche erfolglose Chose wie vorher. Aber noch beherrschen diese großen Häuser die Innenstädte der großen und mittelgroßen Städte. Ihr Verschwinden hinterlässt Freiräume, die genutzt werden müssten. Und dafür bedarf es Konzepte, welche es noch nicht gibt. Für den Marktplatz in Halle ist es fatal, wenn eine leere Fassade auf den Platz starrt und einen übergroßen Schatten wirft, der auf die kleineren Geschäfte in der Nähe fällt. Denn natürlich beginnen sich Menschen zu fragen, ob das der Anfang größerer Umbrüche ist. Dass diese Umbrüche schon vor Jahren begonnen haben, aber noch unter der Schwelle zur Wahrnehmbarkeit lagen, weil niemand wagte, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, ist vielen nicht klar. Misswirtschaft und mangelnde Strategien haben zur jetzigen Situation geführt. Der Karstadt in Dessau hatte schon Ende Januar 2021 geschlossen. Das bedeutet, dass in ganz Sachsen-Anhalt nur noch der Karstadt in Magdeburg existiert. Und jetzt, wo die Baustelle direkt daneben Geschichte ist, gibt es keine guten Ausreden mehr, wenn der Umsatz nicht besser wird. Noch nicht einmal ein neuer „Galeria“-Schriftzug wurde draußen angebracht. Das alte Centrum-Warenhaus wird in zwei Jahren 50 Jahre alt. In den 80ern hatten dort 1300 Menschen gearbeitet. Diese Zeiten sind lange vorbei. Geblieben ist der verblühende Glanz jener Tage. Die Einkaufswagen im Kellergeschoss verfügen immer noch über die Möglichkeit, DM-Münzen einzuwerfen. Sie bzw. die Beschriftungen sind also über 20 Jahre alt und allmählich sieht man es ihnen auch an. Die Warentransportbänder an den Kassen dort sind allmählich zerschlissen, wenn man ein wenig genauer hinschaut. Aber die Preise liegen über denen der umliegenden Lebensmittelmärkte. Früher, in den 90er und Nullerjahren, gab es in der Cafeteria im obersten Geschoss noch Konzerte und Kulturveranstaltungen, welche gut besucht waren. Diese Zeiten sind lange vorbei, man schließt um 17 Uhr, das Kaufhaus selber um 19 Uhr. Von einem neuen Konzept ist nichts zu sehen, das alte hat sich selber überholt. Mich stimmt das besorgt, denn Sicherheit für den Fortbestand sieht anders aus. Die steigenden Preise für Rohstoffe und Energie tun das ihrige, um die Situation zu verschärfen.

Seit neun Jahren steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Aber was wird aus dem Gebäude, wenn das „Galeria“-Konzept tatsächlich auf ganzer Linie scheitern sollte? In Halle ging es schnell und unerwartet, aber da gibt es wenigstens keinen Bestandsschutz für das Gebäude, einen ästhetisch eher bestreitbaren Neubau. Hier steht dann ein Kaufhausgebäude leer, welches von außen nicht verändert werden darf. Wird sich ein Investor finden? Und in was will er das nahezu fensterlose, aber durchaus reizvolle Gebäude dann umwandeln? Natürlich ist meine Überlegung reine Spekulation und ich wünsche den Betreibern ein exzellentes Weihnachtsgeschäft, damit der Bestand gesichert ist. Aber viel eher halte ich eine strategische Neuausrichtung für wichtig und deren Fehlen lässt mich ein wenig ratlos zurück. Ein weiterer Leerstand in exaltierter Lage hilft der Innenstadtgestaltung nicht weiter. Man sollte schon einmal den Blick auf Halle richten und schauen, welche Konzepte dort greifen sollen. Oder strategisch mit anderen Städten gemeinsam neue Konzepte entwickeln. Die Zeit drängt und wir können es uns nicht leisten, diese existentiellen Umbrüche permanent zu verschlafen. Sonst wachen wir irgendwann überhaupt nicht mehr auf.

Text: Lars Johansen, Seite 6, Kompakt Zeitung Nr. 219

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