Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Standpunkt Breiter Weg – Der 16. Januar: Die Angst wächst

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Es sind die Tage um den 16. Januar, die mich als Magdeburger jedes Jahr aufs Neue nachdenklich machen. Die verheerende Zerstörung der Stadt ist ein Brandmal in ihrer Geschichte. Nie wieder Krieg mit Töten und Zerstörung, so lautet die Forderung, die seit der Katastrophe ins Bewusstein gebrand ist. Doch die Sorge, dass diese Hoffnung ausgemerzt werden könnte, bleibt bzw. wird aktueller. Der Frieden, den wir in Europa mit dem Ende des 2. Weltkrieges erfahren haben, scheint brüchig. Im Nahen Osten zündeln verschiedene Interessen und Konfliktparteien. Die Angst vor einem Flächenbrand mit unvorhersehbaren Folgen wächst.

Auf die Entwicklungen im arabischen Raum blickt man von hier aus mit einer gewissen Ohnmacht. Entscheidungen, wer wann weswegen beschossen oder getötet wird, fallen in Hinterzimmern, trotz weltweitem Protest, trotz tausendfacher Mahnungen und weltweiter Sorge. Genau dies führt vor Augen, wie zerbrechlich ein friedliches Leben sein kann. Das Wort „Hitzköpfe“, das manchmal in diesem Zusammenhang Verwendung findet, ist kein probater Begriff für Leute, die den Einsatz von Vernichtungswaffen befehlen.

In unserer Erfahrung – und die Mehrheit ist hierzulande friedlich aufgewachsen – gibt es die Vorstellung zu Kompromissen, über Debatten und demokratische Abstimmungen, um Lösungen in einer Gemeinschaft herzustellen. Doch selbst auf das Feld der Demokratie ziehen von verschiedenen Fronten Kämpfer her. Das öffentliche Wort tönt zu oft martialisch, als dass man sich beruhigt zurücklehnen könnte. Die verbalen Auseinandersetzungen, die sich seit 2015 mit der Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen vor allem in der Onlinewelt verschärften, werden aus der Virtualität längst in die Realität gerissen. Und die Überzeugungstäter wollen dabei nicht sehen, dass es hautpsächlich die Aufgabe von Gesprächen war, welche die Frontgräben tiefer legte. Es geht offenbar nur noch darum, wer auf welcher Seite richtig ist und nicht mehr um Dialog und ein Ringen um Wege. Längst werden Menschen diffamiert, die sich nicht in die Reihen irgendwelcher Kämpfer wogegen auch immer eingereiht hätten. Wer nur noch seinen Standpunkt herausschreit, hört die Besonnenen und Normalen nicht mehr, sondern nur das Frontgetöse der Gegenseite.

So weit ist die hiesige Entwicklung in ihren Mechanismen nicht vom Weltgeschehen abgekoppelt. Wer mit dem Finger nur in eine Richtung zeigt, verkennt den eigenen Anteil an Spaltungs- und Konfliktzunahme. Das ist es, was mir in diesen Tagen um den 16. Januar durch den Kopf geht und Sorgenfalten produziert. Der 75. Jahrestag der Magdeburger Zerstörung sollte uns innehalten und einen Schritt zur Seite machen lassen, damit wir erkennen, dass man sich selbst mit Standpunkten eingräbt, aus denen Gewalt verschossen wird. | Thomas Wischnewski

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