Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Standpunkt Breiter Weg: Die Briten sind besser

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Wir zittern weiter in der Corona-Pandemie. Aus der Datenlage zu explodierenden Inzidenzen, der Angst um mit Patienten überlaufenden Intensivstationen oder wegen möglicher Schädigungen durch die Impfung verschärfen sich die Fronten zwischen Menschen, die dafür oder dagegen sind. Das Aufeinandereindreschen nimmt zu – egal, auf welche Seite man sich schlägt.

Komisch, dass wir über 2G-Plus reden. Wer genesen oder geimpft ist, muss trotzdem zum Test. Da bleibt die Frage, was am Ende die Impfung soll? Ich weiß, gegen schwere Krankheitsverläufe schützen. So sagen es viele. Aber ist das schon ein Beweis dafür, wie individuell jeder getroffen werden kann? Nein. Man darf das eigene Schicksal nicht aus einer statistischen Aussage ableiten. Warum fürchten die Briten eigentlich keine Explosion der Infektion? Die Impfquote ist der deutschen ziemlich ähnlich hoch. Dennoch stagnieren im Königreich die Infektionszahlen seit vier Monaten auf hohem Niveau. Die Maskenpflicht und 3G-Regeln sind abgeschafft.
Für den Epidemiologen Neil Ferguson ist die Antwort einfach: die Britten haben die höhere Durchseuchung. Nach dem sich die Infektion vor allem in Schulen verbreitet hatte, fände das Virus jetzt kaum noch Kinder als Überträger. Bei den Heranwachsenden hat sich die Immunität entwickelt. Dennoch herrscht auf der Insel keine positive Euphorie, sondern vorsichtiger Optimismus. Auch die Einführung einer Impfpflicht wird dort vom Gesundheitsminister ausgeschlossen. In vielem war man in Großbritannien schneller, beim Impfen, beim Boostern, bei der Durchseuchung. Und das bei einem vergleichbar schlechteren Gesundheitssystem gegenüber unserem in Deutschland.

Möglicherweise sind wir Deutschen doch die europäischen Bedenkenträger erster Güte. Entscheidungen brauchen zu lange, Prozesse verzögern sich und so rennen wir den Folgen hinterher wie in der Grimmschen Fabel der Hase dem Igel. Um dem Virus und seiner Entwicklung beizukommen, braucht es immer mehre Schritte. Impfen allein ist noch keine Antwort, man braucht eben auch eine Durchseuchung, vor allem in den Nichtrisiko-Altersgruppen.

Schlecht für Deutschland sind genauso die stets auffloppenden Nachrichten über reduzierte Intensivbettenkapazitäten. So drohen uns in den Adventstagen erneut Einschränkungen, der Entzug von Freiheiten und der Verlust von Fröhlichkeit und gemeinsamen Unternehmungen. Mir selbst nutzt es übrigens nichts, sich als Geimpfter auf die Schulter zu klopfen und sich besser zu fühlen als Nichtgeimpfte. Die Virus-Natur kümmert unsere Kopf-Sache nicht. Nicht das Virus spaltet die Gesellschaft, sondern Schmalspur-Meinungen über den angeblich einzig richtigen Weg. In den Niederlanden eskaliert die Situation bereits in Gewaltbereitschaft. Für die Vorweihnachtszeit ist zu hoffen, dass sich die Kontroversen nicht verschärfen, sondern dass man Verständnis für viele Wege und Ansichten gewinnt. Das sind wir uns gegenseitig schuldig und keinen Vorschub an Schuldzuweisungen.

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