Standpunkt Breiter Weg: Die Nerven liegen blank

Dreizehn Monate lang rein in den Lockdown und kein Rauskommen. Notbremse, Wellenbrecher, Brücken-Lockdown – es ist egal, wie das Kind genannt wird, die Pandemie geht mit Testen, Masken, Impfen und Abstand weiter. Ankündigungen gab es genügend. Doch stets funkte das Virus dazwischen. Die Verkündigungen werden weitergehen. Und weil der unbrave Bürger sein Verhalten nicht in den Griff bekommt, muss er nun vom Kanzleramt aus in noch mehr Isolation gelenkt werden. Ab Inzidenz 100 regiert die Kanzlerin bis ins Wohnzimmer durch.

Warum haben wir in 13 Monaten „Notfall“ eigentlich die Intensivmedizin nicht weiter ertüchtigt. Wenn man viele Milliarden Euro für Test, Masken, Impfstoff und Wirtschafts-Hilfsgeldern aufbringen kann, warum dann nicht für mehr Versorgungskapazitäten in Krankenhäusern? Es geht doch richtigerweise stets und ständig um den Gesundheitsschutz. Was soll man von den sich nach einem Jahr wiederholenden Gefahrrufen halten, dass Intensivplätze nicht ausreichen könnten? Hört man solche Stimmen in Berlin und den Landeshauptstädten nicht? Zu welchen Schlüssen über die Corona-Politik sollen Bürger kommen, wenn offenbar ein Chaos das nächste jagt?

Südafrikanische, brasilianische, britische Mutanten – es wird weitere geben. Das liegt in der Natur von Viren. Und es können welche entstehen, die resistent gegen Impfstoffe werden. Bei multiresistenten Keimen, die man sich fast ausschließlich im Krankenhaus holen kann, kennen wir das doch. Daran, damit oder dadurch sollen übrigens über 40.000 Menschen pro Jahr sterben, weil existierende Antibiotika nicht mehr helfen. Übrigens ist diese menschliche Misere oft nur eine kurze Nachricht wert.

Wie viele Brücken-Sperren wollen wir noch errichten, wie viele Notbremsen ziehen und wie viele Kollateralschäden ignorieren? Wie viele Hoffnungen und Aussichten auf Änderungen sollen noch proklamiert werden? Irgendwann ist der letzte Strohhalm abgeknickt, an den man sich halten konnte. Die Nerven liegen blank. Bei allen, in Familien, unter Alten, Kindern, Jugendlichen, Studenten, Arbeitnehmern, Unternehmern, Medizinern, Künstlern und sogar bei Politikern. Die Aggressivität steigt spürbar. Die Verzweiflung auch. Je enger das Korsett mit Regeln geschnürt wird, um so höher der Druck im Kern der Gesellschaft. Es gibt einen Punkt, an dem Angst nicht mehr zieht, Resignation in Depression mündet und Auswege sucht. Wenn von der Politik keine verlässlichen Botschaften kommen, verschwindet Vertrauen und entsteht Ignoranz. Viren werden sich weder auf die eine noch die andere Seite, die der Maßnahmenverschärfer oder deren Gegner, schlagen. Viren sind flexibler als die menschliche Vorstellung, ihrer Herr werden zu können. Nicht einmal die eigenen Organisationsmöglichkeiten beherrschen wir ausreichend, ansonsten würden die Nerven nicht überall blank liegen. | Von Thomas Wischnewski