Donnerstag, Juni 30, 2022
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Standpunkt Breiter Weg: Monothemen machen Angst

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Vier Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Vor etwa zehn Jahren wurde die Energiewende ausgerufen. Der deutsche Atomausstieg folgte 2011 auf Fukushima. Erneuerbare Energien, nachwachsende Rohstoffe – wurden nicht nur zu Schlagworten. 2015 machte das Wort Flüchtlingskrise die Runde. Migration – so hieße die größte Herausforderung unserer Zeit, meinten Kanzlerin und ihr Innenminister. Schließlich stellte der Klimawandel die Zu- und Einwanderungsproblematik in den Schatten. Doch kurz vor dem Untergang einer erhitzten Welt kam Covid-19 wie einst die in der Bibel beschriebene Sintflut über die Menschheit.

Jedes Phänomen unserer Zeit mündet heute in ein Katastrophenszenario. Es wird zum alles beherrschenden Thema. Dazu formieren sich Befürworter und Gegner. Opfer und Gewinner gehen daraus hervor. Die Polarisierungen scheiden links von rechts, oben und unten, sie passieren diagonal, horizontal, vertikal oder diametral. Wir verzeichnen keine Spaltung in das eine oder das andere Lager, sondern eine gesellschaftliche Zersplitterung mit Rissen in alle Richtungen.

Was sich daraus ableiten lässt, ist die Erkenntnis, dass wir mit monothematischen Reaktionsoffensiven in Politik, Untergangspolemik in der Leitpresse und aus dem Morast asozialer Medien diesen Prozess nur noch anheizen. Weder entstehen Lösungen, noch Bedingungen, unter denen etwas Zukunftsträchtiges aufgebaut werden könnte. Der Schutz für Leben und Gesundheit, unter denen sich alle Coronaregeln einordnen lassen, hat Angst tief ins gesellschaftliche Bewusstsein eingepflanzt. Und der Boden war davor schon mehrfach fruchtbar, mit geschürten Migrationsphobien und Klimaängsten.

Es soll jetzt alles neu werden. Das ist kaum zu erkennen. Es wird eher rissiger, schwieriger und kälter im Lande. Am politischen und gesellschaftlichen Aktionismus ist nichts neu. Schon gruseln die Gespenster der großen Verschuldung durch die Köpfe. Lebensleistung, Arbeitsplätze, Existenzen – das kann man mit einem Federstrich opfern. Wenn ’s um den Erhalt oder einen Neuanfang geht, kann der Staat nicht allen unter die Arme greifen, außer vielleicht ein paar großen, als systemrelevant definierten Konzernen.

Glauben wir tatsächlich, dass unter den Erfahrungen zum Virus-Wirtschaftsaus in wichtigen Branchen in den nächsten Jahren Menschen den Mut haben werden, Unternehmen zu gründen? Die Angst vor Selbstständigkeit ist die Botschaft, die nirgends benannt wird. Wir haben es offenbar verlernt, viele wichtige Aspekte des Lebens gleichzeitig zu meistern. Das ist auch eine der Schattenseiten des Internetzeitalters, in dem jede Angst mehrfach so groß geredet wird, als sie tatsächlich sein müsste. Das macht einem Angst. | Thomas Wischnewski

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