Standpunkt Breiter Weg: Relevante Schublade

Es gibt in diesen Tagen viel, sehr viel, worüber man sich in höchstem Maße aufregen möchte. Angefangen von Corona-Leugnern, die stets und überall eine Verschwörung vermuten, über Menschen – von Politikern bis Journalisten –, die diese Corona-Leugner allesamt in die rechte Ecke schieben, bis hin zu einem bald ehemaligen US-Präsidenten, der in seiner eigenen Blase lebt und vermutlich bis an sein Lebensende Herrscher dieser Blase bleiben wird. Doch sich diesbezüglich in Rage zu schreiben, lohnt nicht …

Schließlich passieren ausreichend andere Dinge, die Bluthochdruck und Schnappatmung verursachen. Und vieles davon hängt mit dem Corona-Virus zusammen – beispielsweise in Kombination mit dem Begriff „systemrelevant“. Der wird uns bereits seit Monaten immer wieder unter die Nase gerieben, damit auch jeder Mensch weiß, was und wer von Bedeutung ist und wer nicht. Zum ersten Mal wahrgenommen habe ich dieses Wort schon vor Jahren – im Zuge der Finanzkrise. Da galten die Banken als systemrelevant und mussten um jeden Preis gerettet werden. Schließlich kommt ohne die Banken der Motor des Geldverkehrs ins Stottern, Unternehmen hätten Probleme an Geld zu kommen und so weiter.

Und jetzt? In der Corona-Krise? Ohne wen gerät nun das System ins Stocken? Schnell wurde eine Liste der systemrelevanten Berufe erstellt. Dem medizinischen und pflegerischen Personal – beispielsweise – wurde Applaus gespendet (mehr auch nicht), doch kaum jemand fragte nach, wie der Krankenhausbetrieb aufrechterhalten würde, ohne die Arbeit, die Reinigungskräfte täglich leisten. Oder Lieferer von Medikamenten. Oder IT-Fachkräfte. Die Liste der relevanten Berufe muss also ständig erweitert werden, denn irgendwie hängt in diesem System eben alles zusammen. Wenn sich der Müller verabschiedet, fehlt dem Bäcker bald das Mehl. Wird die Lieferkette unterbrochen, können die entsprechenden Verkaufsstellen lange auf Brot und Brötchen warten.

Ein Team aus Mitarbeitern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung hatte nach dem ersten Lockdown Daten des statistischen Bundesamtes unter die Lupe genommen, um herauszufinden, wie einzelne Branchen miteinander verwoben sind. Schnell wurde festgestellt, dass ohne die Handels- und Logistikbranche, ohne den Bereich Immobilien, ohne IT-Dienstleister nichts geht. Auch Unternehmensdienstleistungen unterschiedlicher Art sind branchenübergreifend unverzichtbar. Ohne sie wären zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet, was auch für die Kultur und das Gastgewerbe gilt.

Kurzum: Systemrelevant ist jeder Arbeitsplatz. In eine von oben verordnete Schublade muss daher niemand gesteckt werden.

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